Bildungsreform: Enzenhofer gegen Zentralismus und Personalautonomie

14. November 2016, 07:31
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"Schulentwicklung ist mehr als Standortentwicklung" – ÖVP-Generalsekretär "zu oberflächlich"

Wien – Der oberösterreichische Landesschulratspräsident Fritz Enzenhofer (ÖVP) warnt vor Zentralismus und zu starker Personalautonomie bei der Umsetzung der Bildungsreform. Die geplante Einführung eines Sozialindexes lasse kaum Spielraum für Länder und Schule, so Enzenhofer zur APA. Auch die Lehrerauswahl durch die Direktoren sollte überdacht werden. "Schulentwicklung ist mehr als Standortentwicklung."

"Auf der einen Seite legt man Autonomie als Kernpunkt dieser Reform fest, andererseits führt man damit aber Zentralismus ein", bemängelte Enzenhofer, der auch Sprecher der von der ÖVP gestellten Landesschulratspräsidenten ist. So plane etwa das Ministerium, fünf Prozent der über den Finanzausgleich an die Länder vergebenen Mittel über einen Sozialindex zu steuern – also etwa über die Zahl der Akademikerkinder, Migrantenkinder und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf.

Kein Spielraum für Land und Schule

In der Realität verlören die Länder dadurch jede Steuerungsmöglichkeit: "Diese fünf Prozent sind mehr, als ich überhaupt an frei verfügbaren Mitteln habe. Mindestens 95 Prozent werden zur Abdeckung des regulären Stundenplans gebraucht", so Enzenhofer. "Da bleibt kein Spielraum mehr für das Land und schon gar nicht für die Schule selbst."

In der Praxis würden damit automatisch größere Städte bevorzugt, meinte der Oberösterreicher. "Und die größte Stadt ist Wien. Diese Bevorzugung ist auch logisch und zum Teil auch wirklich notwendig. Nur soll Wien das auch innerhalb seiner Möglichkeiten selbst gestalten können und die fünf Prozent in den Ländern bleiben."

Bevorstehender Lehrermangel

Überdacht werden solle auch gerade in Zeiten eines bevorstehenden Lehrermangels die Absicht, die Schulen selbst ihre Lehrer aussuchen zu lassen. "Einfaches Beispiel: Zwei Neue Mittelschulen in derselben Region. In der Schule A geht von drei Lehrern in der Physik, einem Mangelfach, einer in Pension, in der Schule B geht der einzige Physiklehrer in Pension. Der Direktor der Schule A wird dem Bewerber sagen: Bei mir kriegen Sie einen schönen Stundenplan, wenn Sie in die andere Schule gehen, werden Sie zehn Jahre nur Physik und Chemie unterrichten, weil der Saal nur einmal belegt werden kann." Vom Ministerium heiße es zwar, dass in solchen Fällen die Behörde eingreifen müsse. "Die hat dann aber keinen mehr, den sie verteilen kann – und die eine Schule keinen Physiklehrer."

Missionare in der Schule

Volksschullehrer würden künftig außerdem wählen können, ob sie in Schulen aus "besseren" Gegenden unterrichten wollen oder in Schulen mit hohem Migrantenanteil. "Wenn das nicht gleich ein Missionar ist, wird er sich vermutlich die bessere Gegend aussuchen und sich dort bewerben", meinte Enzenhofer. "Für die schwierigeren Schulen habe ich dann keinen mehr oder nur diejenigen, die kein anderer genommen hat – also eigentlich die falsche Auswahl, weil dort eigentlich die besten hingehen sollten."

"Bei der Autonomie für die Einzelschule wird oft nicht berücksichtigt, dass es auch regionale und überregionale Verantwortungen geben kann", so der Landesschulchef. In einer Stadt müssten vielleicht Probleme, die an mehreren Standorten auftreten, gemeinsam gelöst werden. "Ich bin da kein Anhänger der Autonomie, sondern der Subsidiarität: Die kleinere Einheit soll so lange entscheiden, bis ein übergeordnetes Interesse da ist."

Detailverliebt oder oberflächlich

Die Lehrerauswahl durch die Schule stelle außerdem auch praktische Probleme: Allein in Oberösterreich würden in den ersten beiden Schulwochen 290 Lehrer angestellt. Dieser Bedarf entscheide sich erst in den ersten Schultagen aufgrund der tatsächlichen Schülerzahl, Lehrer-Karenzen bzw. Krankheiten etc. Müssten die Schulen selbst suchen, hätten alle erst im Dezember ihre Lehrer. "Auf diesen Einwand hat der Werner Amon (ÖVP-Generalsekretär, Anm.) gesagt: Die Landesschulrätspräsidenten sind zu detailverliebt. Ich muss sagen, da sind andere offenbar zu oberflächlich."

Sinnvolle Schulcluster

Begrüßt wird von Enzenhofer dagegen die Möglichkeit zur Bildung von Schulclustern. "Es macht Sinn, wenn man administratives Personal für alle gemeinsam einsetzt – allerdings zusätzlich und nicht, indem man Lehrerstunden dafür abzweigt." Verzichten könne man dagegen auf die geplanten Clusterbeiräte aus lokalen Honoratioren. "Sehr gut" findet er auch die Möglichkeit, Schulen selbst über die Benotung, die Einrichtung jahrgangsgemischter Klassen oder die Teilungszahlen von Klassen entscheiden zu lassen. "Es kann in einigen Fächern wurscht sein, ob 25 oder 26 in der Klasse sitzen, dafür mache ich in anderen kleinere Gruppen oder Fördergruppen." (APA, 14.11.2016)

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