Was ist Trump – Sozialist oder Rechtspopulist?

Kolumne13. November 2016, 17:12
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Den Wahlsieg hat der Bauunternehmer wohl vor allem der Wut des Volkes zu verdanken

"Donald Trump ist das Überbleibsel eines sterbenden Amerika. Doch nun wird ihm die Zukunft des Landes gehören", schreibt der amerikanische Literaturhistoriker und Kulturphilosoph Adrian Daub auf Zeit online. "Die (europäisch inspirierten) Errungenschaften der letzten Jahre werden 2017 nicht überdauern." Und dann: "Trotzdem ist Trump ein europäischer Import (...). Er hat sich von den Rechtspopulisten Europas inspirieren lassen und er hat deren Krawallstil kopiert." So weit Daub.

Ganz anders Christian Ortner, Presse-Kolumnist und Liebling der österreichischen Konservativen. "Eines kann man Trump nicht vorwerfen, ohne den Boden der argumentativen Redlichkeit zu verlassen; dass er, abgesehen vom Stilistischen, nicht zu gefühlten 80 Prozent jene Forderungen vertreten würde, für die in Europa die politische Linke steht."

Also was stimmt jetzt? Ist Trump ein Rechtspopulist wie der niederländische Blondschopf Geert Wilders? Oder ist er vielmehr, nach der Einschätzung Ortners, ein versteckter Neomarxist, links von Christian Kern und Oscar Lafontaine?

Die Sorgen der einfachen Leute

Sicher ist nur eines: Trump ist ein gewiefter Bauunternehmer, der wie viele andere den Wirtschaftsliberalismus amerikanischer Prägung genützt hat und stinkreich geworden ist.

Weder Kommentare noch Analysen bescheinigen ihm juristisches oder gar politikwissenschaftliches Grundwissen. Ob dieser Ignoranz wird er jetzt sogar gelobt, denn gebildete Leute wie Barack Obama seien mittlerweile so abgehoben, dass sie die Sorgen der einfachen Leute gar nicht mehr verstünden.

Eine perfide These, weil sie letztlich unterstellt, nur wenig Gebildete könnten "das Volk" verstehen. Etwas ganz anderes ist richtig: Wenn Obama ein Mann der Aufklärung ist (wofür vieles spricht), dann ist der siegreiche Gegenentwurf noch lange kein Triumph der Gegenaufklärung. Trump ist weder religiös noch fundamentalistisch, sondern brutal pragmatisch. Sein Sieg ist der Gugelhupf der Wut.

Mann der Affekte

Bernd Ulrich, stv. Chefredakteur der Zeit, formuliert es noch schärfer und widerspricht all jenen, die (auch in Österreich in der Frage Hofer) glauben und sagen, es werde schon nicht so wild kommen. "Trump ist ein Mann der Affekte", schreibt Ulrich. "Er ist unglaublich bedürftig nach permanenter Anerkennung, Selbstinszenierung, Rauferei, während ihm geduldiges Arbeiten schwerfallen dürfte. Tempokratie ist seine Herrschaftsform, Erregung sein Betriebssystem."

Weshalb mit einer "irrlichternden Weltmacht" auch die Kriegsgefahr steige. Wie viel ist ihm die Beistandsgarantie der Nato wert? Wie viel der Schutz der westlichen Demokratie, wenn er in Sachen Pressefreiheit gleich tickt wie Tayyip Erdogan? Beide, der Amerikaner und der Türke, geben den Medien die Schuld an Demonstrationen.

Damit wird die öffentliche Meinung autoritär geprägt. David Remnick verweist im New Yorker auf George Orwell, der vor einem halben Jahrhundert geschrieben hat: "Die relative Freiheit, die wir genießen, hängt von der öffentlichen Meinung ab." Die ignoriere sogar Gesetze, wenn ihr danach ist. (Gerfried Sperl, 13.11.2016)

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