Auch zweite Partie zwischen Carlsen und Karjakin remis

Analyse mit Video12. November 2016, 23:53
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Titelverteidiger verzichtet auf Berliner Verteidigung. Wenig ehrgeiziger Herausforderer lässt mit Weiß Unentschieden nach 33 Zügen zu

New York – Auf Sergej Karjakin ist Verlass. Der Mann eröffnet seine Schachpartien am liebsten mit dem Königsbauern, warum sollte er aus Anlass einer Weltmeisterschaft davon Abstand nehmen? Immerhin sagte schon der große Bobby Fischer über 1.e4: "Best by test."

44 Jahre nach Bobby Fischers legendärem WM-Sieg über Boris Spasski in Reykjavík sind allerdings auch die besten Antworten auf den Doppelschritt des Königsbauern ganz gut ausgetestet. Carlsen entscheidet sich, man hatte es erwartet, mit 1...e5 ebenfalls für den Königsbauern, womit die Partie ins Reich der sogenannten Offenen Spiele eintritt.

Mit den Offenen Spielen ist das allerdings so eine Sache: Früher galten sie einmal als Garant für taktische Schlachten mit offenem Visier, heute sind – den Computern sei Dank – viele der Hauptvarianten so weit ausanalysiert, dass es für Weiß zunehmend schwerer wird, aus der Eröffnung heraus noch eine druckvolle Position aufs Brett zu bekommen.

Keine Berliner Mauer ...

Besonders gefürchtet ist bei den Weißspielern in diesem Sinne die Berliner Verteidigung, eine Subvariante der Spanischen Partie, in Fachkreisen auch gerne "Berliner Mauer" genannt – womit über das dem fußballerischen Catenaccio verwandte Ziel dieses Defensiv-Aufbaus schon das Wesentliche gesagt ist. Magnus Carlsen ist ein Virtuose dieser Variante, und so scheint es logisch, nach spanischem Partieanfang mit der ersten Berliner Verteidigung dieser WM zu rechnen.

Aber wieder ist es Carlsen, der mit der ersten Überraschung aufwartet. Er verzichtet im 3. Zug auf den typischen Berliner Springerzug und steuert stattdessen eine Hauptvariante des Geschlossenen Spaniers an. Will er Karjakin mit dem Marshall-Gambit heute hart angehen, einer Variante, in der Schwarz schon in der Eröffnung einen Zentralbauern opfert, um sich dafür mit seinen Figuren den weißen König vorzuknöpfen?

... und auch kein Marshall-Gambit

Der Herausforderer hat wenig Lust es herauszufinden. Er steuert die Partie auf ein ruhiges Nebengleis, das in den letzten Jahren zur Vermeidung des Marshall-Gambits in der Weltspitze populär geworden ist. Karjakin will, so scheint es, auch heute zunächst einmal eine ruhige Kugel schieben, und immerhin: Er hat ein wenig Übergewicht im Zentrum, seinen beiden Zentralbauern auf d4 und e4 hat der Weltmeister einstweilen nur einen entgegenzusetzen, vielleicht lässt sich daraus etwas machen.

Nach Karjakins 11. Zug ist es diesmal jedenfalls Carlsen, der als erster für einige Zeit abtaucht, um sich das Brett genauer zu betrachten. Der Herausforderer hat sich eine mögliche Verbesserung in dieser beiden Kontrahenten wohlbekannten Variante einfallen lassen. Anstatt selbst die weißfeldrigen Läufer zu tauschen und damit das Zentrum des Weltmeisters zu stärken, überlässt Karjakin es lieber seinem Gegner, den Läufertausch zu vollziehen. Allerdings mit dem Ergebnis, dass Karjakins Turm vorübergehend auf dem Feld a2 strandet, von wo ihn der Herausforderer schon im nächsten Zug wieder auf sein Ausgangsfeld zurückbeordert.

Ob dieser Zeitverlust gut sein kann? Aus Karjakins nicht eben dynamischer Idee entwickelt sich ein behutsames, positionelles Spiel, in dem beide Seiten bemüht sind, Zug um Zug die Harmonie ihrer Figuren zu verbessern, ohne dem Gegner Ansätze für Raumgewinn zu bieten.

Ausgleich und Symmetrie

Gerade als Judit Polgár im Kommentatoren-Studio in New York geneigt ist, Karjakin etwas Vorteil zu attestieren, passiert etwas Überraschendes. Der Herausforderer löst durch Bauerntausch die Zentrumsspannung auf, gleich darauf verschwinden die Damen vom Brett, die Stellung ist nun strukturell absolut symmetrisch.

War's das schon für heute? Hat Karjakin mit Weiß keinen anderen Ehrgeiz, als auch diese zweite Partie des Wettkampfes völlig ausgeglichen zu gestalten? Für Kommentatoren wie mitrechnende Computer-Engines sieht es ganz danach aus. Nur der Weltmeister sitzt vor seinem 22. Zug allein am Brett (Karjakin hat sich für ein Päuschen in den Ruheraum zurückgezogen) und schneidet plötzlich Grimassen wie weiland der große Garri Kasparow.

Tatsächlich dringt Karjakin wenige Züge später mit seinem Turm auf der a-Linie ein. Ja, ausgerechnet die Figur, die ihn in der Eröffnung zwei Tempi gekostet hat, ist jetzt seine aktivste und setzt den weltmeisterlichen Damenflügel einem gewissen Druck aus.

Aber es ist nur ein Strohfeuer. Mit einer gekonnten Abwicklung liquidiert Carlsen alles, was nicht niet- und nagelfest ist, Karjakin ist ihm dabei, wie es scheint, nur allzu gerne behilflich. Schnell ist eine Stellungswiederholung gefunden, mit der das Remis im 33. Zug unterschriftsreif wird: Carlsen bietet abwechselnd Karjakins König Schach und attackiert seinen Bauern auf f2, Weiß muss mitspielen, hier geht es nicht mehr weiter.

Im Interview nach der Partie wirkt Karjakin zufrieden, fast zu zufrieden dafür, dass er aus seiner ersten Weißpartie eigentlich weniger als nichts herausgeholt hat. Und Carlsen, gefragt, ob er sich heute irgendwann unwohl gefühlt habe, liefert eine Erklärung für sein Grimassenspiel: Er habe intensiv nach Wegen gesucht, die Partie fortzusetzen, aber nur die Remisabwicklung gefunden.

Weltmeisterlicher Ehrgeiz also, den der heute sehr friedfertige Herausforderer schon bald zu spüren bekommen könnte. Es steht 1:1. Am Sonntag wird pausiert, die dritte Partie findet am Montag statt. (Anatol Vitouch, 12.11.2016)

Die Notation der zweiten Partie:

Weiß: Sergej Karjakin (Russland)
Schwarz: Magnus Carlsen (Norwegen)

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.O-O Le7 6.d3 b5 7.Lb3 d6 8.a3 O-O 9.Sc3 Sa5 10.La2 Le6 11.d4 Lxa2 12.Txa2 Te8 13.Ta1 Sc4 14.Te1 Tc8 15.h3 h6 16.b3 Sb6 17.Lb2 Lf8 18.dxe5 dxe5 19.a4 c6 20.Dxd8 Tcxd8 21.axb5 axb5 22.Se2 Lb4 23.Lc3 Lxc3 24.Sxc3 Sbd7 25.Ta6 Tc8 26.b4 Te6 27.Tb1 c5 28.Txe6 fxe6 29.Sxb5 cxb4 30.Txb4 Txc2 31.Sd6 Tc1+ 32.Kh2 Tc2 33.Kg1 Remis

Damit steht es 1:1 im Gesamtklassement.

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  • Neutralisieren sich in den ersten Partien: Magnus Carlsen und Sergej Karjakin.
    foto: reuters/mcdermid

    Neutralisieren sich in den ersten Partien: Magnus Carlsen und Sergej Karjakin.

  • 12. Txa2: Karjakins Turm braucht Zeit, um wieder ins Spiel zu kommen.
    grafik: jinchess.com

    12. Txa2: Karjakins Turm braucht Zeit, um wieder ins Spiel zu kommen.

  • 25. Ta6: Karjakin macht Druck am Damenflügel.
    grafik: jinchess.com

    25. Ta6: Karjakin macht Druck am Damenflügel.

  • Nach 33. Kg1 einigen sich die Spieler auf Remis.
    grafik: jinchess.com

    Nach 33. Kg1 einigen sich die Spieler auf Remis.

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