Carlsen und Karjakin zum Auftakt remis

Analyse mit Video12. November 2016, 00:37
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Norwegischer Titelverteidiger überraschte Russen mit dem seltenen Trompowsky-Angriff – Unentschieden nach 42 Zügen

New York – Magnus Carlsen hat Humor. Zu Beginn der Schachweltmeisterschaft in New York stellt er seinen schwarzfeldrigen Läufer im zweiten Zug auf das Feld g5 und entscheidet sich damit für den sogenannten Trompowsky-Angriff. Eine Variante, die bisher auf Weltklasse-Niveau nur selten zu sehen war – dafür aber wie ein gelungener practical joke wirkt, sobald die Kommentatoren im New Yorker Fulton Market Building auf Englisch darüber zu sinnieren beginnen, warum der Weltmeister hier und heute zum Auftakt ausgerechnet "Trump-ovsky" kredenzt.

Technische Probleme

Als Carlsen, der in dieser ersten Partie mit Weiß spielt, um 20 Uhr MEZ seinen ersten Zug ausführt, sieht die Schachwelt davon allerdings zunächst einmal – kaum etwas. Auf der Internet-Seite des Ausrichters AGON funktioniert nicht nur der virtual reality 360-Grad-View nicht (das wäre zu verschmerzen gewesen), auch der simple Blick in den Spielsaal, der versprochene Audio-Kommentar von Spitzen-Großmeisterin Judit Polgár und sogar die pure Übertragung der Züge sind nicht einsatzbereit. Im Forum türmen sich die wütenden Kommentare der weltweit zugeschalteten Fans, die ihren 15$-Beitrag mit Nachdruck zurückfordern.

Die Kommentar-Funktion wird vom Veranstalter bald darauf vorübergehend deaktiviert, dafür stellt sich eine gewöhnungsbedürftige Art der Zugübermittlung ein: Alle paar Sekunden hüpfen die virtuellen Figuren wieder in ihre Ausgangsstellung zurück, aber dazwischen, ja, da erahnt man endlich den Verlauf der lang erwarteten ersten Wettkampfpartie zwischen Weltmeister Carlsen und Herausforderer Karjakin.

Und dieser hat es durchaus in sich. Auf Carlsens Trompowsky-Zug 2.Lg5 reagiert Karkjakin noch flott: als wollte er demonstrieren, dass seine Sekundanten und er auf praktische Scherze wie auf Nebenlinien der Eröffnungstheorie bestens vorbereitet sind.

Frühe Nachdenkphase

Schon nach dem 6.(!) Zug des Weltmeisters muss der Herausforderer aber das erste Mal ordentlich Zeit nehmen. Für Carlsens zweiten Läuferausfall finden sich in den großen Datenbanken, in denen die Partien aller wesentlichen Turniere der letzten Jahrzehnte verzeichnet sind, kaum Vorgänger, schon gar nicht auf Weltklasse-Niveau. "Vergiss deine Vorbereitung", scheint der Norweger seinem Kontrahenten damit zu flüstern, "und lass uns einfach Schach spielen."

Oder ist Karjakins Langsamkeit an dieser Stelle nur Show? Will er Carlsen in Sicherheit wiegen, in Ruhe noch einmal all das durchrechnen, was ihm sein Team vielleicht für genau diesen Eröffnungsfall bereits vorgekaut hat, bevor er eine überzeugende Antwort liefert? Sicher ist, dass der Russe in den nächsten Zügen Tempo aufnimmt, gekonnt seine Figuren ins Spiel bringt und erst einmal ein wenig Material wegholzt, um seine Stellung zu befreien.

Und siehe da, auch Carlsen muss schon nach zehn Zügen seinen eigenen Kopf bemühen. Er entscheidet sich bald für die weitere Vereinfachung der Stellung, holt sich einen Bauern zurück, den Karjakin nur vorübergehend eingestrichen hatte, und lässt den Übergang in ein Endspiel zu, in dem sein Turm und Springer Karjakins Turm-Läufer-Kombination gegenüberstehen.

Karjakin kippt nicht um

Ob der Weltmeister hier Vorteil hat? Immerhin hat sein Trompowsky-Läufer Karjakins Bauernstellung schon im 4. Zug durch einen Abtausch auf f6 geschwächt, ein Doppelbauer ist dabei entstanden, sonst ist die Lage symmetrisch. Und Carlsen ist berüchtigt dafür, solche kleinen Verwerfungen in den gegnerischen Reihen meisterhaft auszunutzen, seine Kontrahenten stundenlang in Endspielen dieser Sorte zu quälen, um ihnen beim kleinsten Ausrutscher den ganzen Punkt abzuluchsen. "Wenn ich meine Chance bekomme, werde ich einfach zuschlagen – bis Sergej umkippt", hatte der Weltmeister grinsend bei der Pressekonferenz vor dem Match gesagt.

Aber an diesem Tag kippt Karjakin nicht um. Er wankt noch nicht einmal. Seine viel gepriesene Zähigkeit in schwierigen Stellungen, der Herausforderer braucht sie heute noch nicht: Für einen wie ihn ist dieses Endspiel nicht schwierig zu verteidigen.

Denn zum Ausgleich für seine leicht geschwächte Struktur verfügt der Russe über einen starken schwarzfeldrigen Läufer. Sobald Karjakin seine Königsflügelbauern lehrbuchhaft auf weiße Felder gestellt hat, wo sie mit dem Läufer optimal harmonieren, weiß wohl auch Carlsen, dass es in dieser ersten Partie kaum mehr einen Knockout geben wird. Der Weltmeister zieht die Partie am Damenflügel noch ein wenig in die Länge, aber außer einem Turmtausch passiert nichts mehr: Im 42. Zug einigt man sich schließlich auf das erste Remis dieser WM.

Für Karjakin ist das Auftaktremis mit Schwarz ein kleiner Erfolg. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und Carlsen? Der hat noch ganze elf Partien Zeit, seiner Favoritenrolle gerecht zu werden. Die zweite Partie findet am Samstag statt. (Anatol Vitouch, 12.11.2016)

Die Notation der ersten Partie:

Weiß: Magnus Carlsen (Norwegen)
Schwarz: Sergej Karjakin (Russland)

1.d4 Sf6 2.Lg5 d5 3.e3 c5 4.Lxf6 gxf6 5.dxc5 Sc6 6.Lb5 e6 7.c4 dxc4 8.Sd2 Lxc5 9.Sgf3 0-0 10.0-0 Sa5 11.Tc1 Le7 12.Dc2 Ld7 13.Lxd7 Dxd7 14.Dc3 Dd5 15.Sxc4 Sxc4 16.Dxc4 Dxc4 17.Txc4 Tfc8 18.Tfc1 Txc4 19.Txc4 Td8 20.g3 Td7 21.Kf1 f5 22.Ke2 Lf6 23.b3 Kf8 24.h3 h6 25.Se1 Ke7 26.Sd3 Kd8 27.f4 h5 28.a4 Td5 29.Sc5 b6 30.Sa6 Le7 31.Sb8 a5 32.Sc6+ Ke8 33.Se5 Lc5 34.Tc3 Ke7 35.Td3 Txd3 36.Kxd3 f6 37.Sc6+ Kd6 38.Sd4 Kd5 39.Sb5 Kc6 40.Sd4+ Kd6 41.Sb5+ Kd7 42. Sd4 Kd6 Remis

  • österreichischer schachbund

    Der österreichische Supergroßmeister Markus Ragger analysiert.

  • Die Kontrahenten: Magnus Carlsen und Sergej Karjakin.
    foto: apa/afp/samad

    Die Kontrahenten: Magnus Carlsen und Sergej Karjakin.

  • 2.Lg5: Carlsen wählt den auf Weltklasse-Niveau seltenen Trompovsky-Angriff.
    grafik: jinchess.com

    2.Lg5: Carlsen wählt den auf Weltklasse-Niveau seltenen Trompovsky-Angriff.

  • 20.g3: Bringt der schwarze Doppelbauer Weiß Endspielvorteil?
    grafik: jinchess.com

    20.g3: Bringt der schwarze Doppelbauer Weiß Endspielvorteil?

  • Die Stellung ist völlig ausgeglichen: Remis.
    grafik: jinchess.com

    Die Stellung ist völlig ausgeglichen: Remis.

  • Finales Händeschütteln.
    foto: apa/afp/sawad

    Finales Händeschütteln.

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