Junge Tschetschenen und Afghanen: Nur Unzufriedene schlagen zu

12. November 2016, 10:56
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Wiener Polizisten diskutieren mit Jugendlichen über die Ursachen von Gewalt, Ziel ist Deeskalation

Wien – Konflikte zwischen jungen Tschetschenen und Afghanen seien ethnisch bedingt und würden höchst brutal ausgefochten: so eine verbreitete Ansicht, die nicht zuletzt durch eine gerichtsanhängige Massenschlägerei vor einem Jugendzentrum in Wien-Brigittenau im März gestützt wird.

Ihr widersprachen am Freitagnachmittag die Teilnehmer einer gemischt tschetschenisch-afghanischen Gruppe – und diskutierten über ihr Verhältnis zur Polizei. Gewaltbereitschaft habe nichts mit Herkunft oder importierten Konflikten zu tun, "sondern mit Unzufriedenheit", sagte da etwa ein TU-Student mit afghanischen Wurzeln. Denn: "Einer, der nicht lernt oder Arbeit hat, ist nicht zufrieden."

Ort des Geschehens: ein vom tschetschenischen Freizeitverein Latar Do gemietetes Erdgeschoßlokal in einem vom frühen Dunkel des Herbstes umzingelten Gemeindebau. Drinnen sitzen zehn Jugendliche – nur Burschen, keine Mädchen –, zwei "Älteste" aus der tschetschenischen und der afghanischen Community sowie zwei Polizisten vom Referat Minderheitenkontakte der Landespolizeidirektion Wien.

Auch Polizisten lernen dazu

Die Veranstaltung im Hotspotbezirk Brigittenau sei "eine Premiere", sagt Alfred Schön, einer der Beamten. Das Verhältnis zwischen Polizei und Communitys sowie der Gruppen untereinander solle gefördert werden. Das schließe Lernprozesse bei Polizisten mit ein. Etwa dass man sich gegenüber Migrantenjugendlichen zwar mit "verbal martialischem Verhalten" besser durchsetzen könne als mit "betont respektvollem" – dass Respekt aber immer das Ziel sein müsse: "Wir wollen deeskalieren."

Das Problem sei, dass Tschetschenen und Afghanen in ihrer Heimat meist nur brutale und korrupte Polizisten erlebt hätten. Das wirke auch in der zweiten Generation nach, sagt Latar-Do-Betreiber und "Ältester" Adam Bisaev. Ein vor fünf Jahren aus Tschetschenien nach Österreich gekommener Lehrling bejaht dies: "Wir sind alle Kriegskinder. Viele haben psychische Probleme." Um zu verhindern, dass dies manche aus der Bahn werfe, "wäre es besser, ihnen legale Papiere zu geben", meint er.

"Nachgedacht hat keiner"

Doch wie konnte es konkret dazu kommen, dass junge Afghanen und Tschetschenen bandenähnlich aufeinander losgingen? Einer habe den anderen alarmiert, "nachgedacht hat keiner", sagt Abdulghani Nasari, afghanischer "Ältester" und Betreiber der Al-Takqa-Moschee in Rudolfsheim-Fünfhaus. Wie der Streit angefangen habe? "Es war eine simple persönliche Beleidigung." (Irene Brickner, 12.11.2016)

  • Polizist Alfred Schön (Zweiter von links) und Kollege bei der Diskussionspremiere im Gemeindebau. Der Veranstaltung soll eine Reihe weiterer folgen.
    foto: heribert corn

    Polizist Alfred Schön (Zweiter von links) und Kollege bei der Diskussionspremiere im Gemeindebau. Der Veranstaltung soll eine Reihe weiterer folgen.

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