Unser Amerika hat sich (zeitweise?) verabschiedet

Kolumne11. November 2016, 18:13
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Donald Trump ist ein Sicherheitsrisiko vor allem für uns Europäer

Es war einmal ein Amerika. Es waren einmal eine USA, die einer ganzen Nachkriegsgeneration einen (pop)kultu rellen und demokratiepolitischen Schub gaben. Die vermuffte, spießige, naziverseuchte Großelterngeneration ereiferte sich über "Negermusik" und "Tschinbumm-Filme", wir sogen Rock ’n’ Roll, große Filme und literarische Meisterwerke in uns ein. Der junge Englischlehrer ging mit uns Satz für Satz die Inaugu rationsadresse von John F. Kennedy durch ("Don’t ask what your country can do for you ...").

Selbstverständlich kam die Ernüchterung. Der Vietnamkrieg war vollkommen unverständlich. Er war nicht nur eine sinnlose Überdehnung der amerikanischen Macht, ein Fleck auf der amerikanischen Demokratie, er war auch voller Kriegsverbrechen. Aber am breiten Widerstand in den USA selbst konnte man erleben, wie sich die Jungen diese Perversion nicht gefallen ließen und sie schließlich beendeten. Ähnlich die Bürgerrechtskämpfe der 60er- und 70er-Jahre für die schwarze Bevölkerung.

All das bewies, dass die USA eine zutiefst fehlerhafte, oft auch korrupte und von Gewalt geschüttelte Demokratie waren – aber sie waren eine Demokratie. Das Gegenmodell hatte nur Lügen zu bieten über den "siegreichen Sozialismus", der aber leider nicht genug Klopapier in die Geschäfte liefern konnte. Und stalinistische Großverbrechen. Was immer man den USA vorwerfen konnte, dort gab es keine Gulags und keine Abermillionen Deportierte, Ermordete.

Mit der Zeit wurde klar, dass man von den USA zu viel erwartet hatte. Sie konnten nicht überall Weltpolizist spielen, und wo sie es taten, war es oft falsch und auch verbrecherisch. Aber sie bewahrten uns Westeuropäer davor, wie Osteuropa unter den Einfluss eines ebenso gewalttätigen wie rückständigen und inkompetenten Systems zu geraten.

Die Sowjetunion ist aufgrund der eigenen inneren Lebensunfähigkeit zusammengebrochen. Die USA – und ihr Präsident George Bush der Ältere – managten den Übergang klug und zurückhaltend. Die Ausweitung der Nato erfolgte auf flehentlichen Wunsch der Osteuropäer, die Angst vor dem systemimmanenten russischen Expansionsdrang hatten. Dann traten die USA in ihre Phase des Niedergangs.

George Bush jun. stürzte das Land in einen verrückten Irakkrieg. Obama machte dann den weltpolitischen Teilrückzug zum Programm. Die USA heute sind nur noch teilweise ein Modell. Ihr technologischer Vorsprung ist nach wie vor enorm, aber die Gesellschaft ist ungerecht. Die Kluft zwischen Mittelstand und Superreichen ist viel zu groß geworden. Der politische Prozess ist korrumpiert. Er bringt nur noch so unattraktive Alternativen hervor wie die uninspirierte, abgenutzte Hillary Clinton und einen mental instabilen Soziopathen wie Donald Trump.

Alle, die jetzt meinen, es würde unter Trump nicht so schlimm werden, haben diesen Mann nicht verstanden. Er ist ein Sicherheitsrisiko vor allem für uns Europäer. Wir werden unser Ding fast allein machen müssen. Unser Amerika hat sich – zumindest zeitweise – aus der rationalen Welt verabschiedet. (Hans Rauscher, 11.11.2016)

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