"Die Mitte der Welt": Eine märchenhaft normale Liebe

12. November 2016, 12:00
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Jakob M. Erwas Coming-out-Verfilmung von Andreas Steinhöfels Jugendroman

Wien – Wer ein wahrer Held sein will, der muss auch die richtigen Fragen stellen. So wurde es einst dem ambitionierten Muttersöhnchen Parzival mühsam eingetrichtert, und das gilt auch für den ebenso vaterlosen 17-jährigen Phil (Louis Hofmann), nach Eigendefinition "ein ganz normales Landei, vielleicht ein bisschen schwuler als andere, aber sonst Standardausstattung".

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Als dieser zu Beginn von Jakob M. Erwas Verfilmung von Andreas Steinhöfels Jugendroman Die Mitte der Welt aus dem Ferienlager wieder nach Hause kommt, sind die Spuren der Zerstörung unübersehbar: Ein Sturm ist über die wundersame Villa Kunterbunt gezogen, in der er mit seiner Zwillingsschwester Dianne (Ada Philine Stappenbeck) und ihrer Mutter Glass (Sabine Timoteo) lebt, Wald und Garten sind verwüstet. Doch auch zwischenmenschlich ist offensichtlich etwas zu Bruch gegangen. Glass, die oft schon unerträglich Unkonventionelle, und Dianne, die sich nach Normalität sehnt, würdigen sich keines Blickes mehr. Phil ist darüber zwar irritiert, versäumt es aber einmal mehr, den Dingen auf den Grund zu gehen. Stattdessen konzentriert er sich auf die Schönheit des neuen Mitschülers Nicholas (Jannik Schümann).

Zögerliches Zentrum

Wie selbstverständlich die folgende Beziehung zweier Burschen dargestellt wird, war bereits ein Alleinstellungsmerkmal der erfolgreichen Vorlage. Auch im Film warten Freunde und Familie bereits auf Phils erstes Mal und freuen sich mit ihm, als es endlich dazu kommt. Da das Drehbuch, das der gebürtige Grazer Erwa selbst verfasste, jedoch notwendigerweise nicht alle Figuren, Zeitebenen und Ereignisse aus Steinhöfels Roman beinhalten kann, rückt die Liebesgeschichte stärker ins Zentrum, als es der Erzählung in ihrer Gesamtheit guttut. Während die Romanze ob ihrer Gewöhnlichkeit kaum überrascht, werden andere Handlungsstränge vernachlässigt. Wenn etwa der Hintergrund des Zerwürfnisses zwischen Mutter und Tochter offenbart wird, schöpft diese Enthüllung ihr dramatisches Potenzial nicht ansatzweise aus.

Dabei ist Die Mitte der Welt in seinem Bestreben, das Gefühl des Erwachsenwerdens einzufangen, ein durchaus einnehmender Film. Louis Hofmann lässt Phil bei all seiner Zögerlichkeit zu einem starken Zentrum der dahinplätschernden Geschehnisse werden, flotte Montagen und wummernde Popsongs geben den Augen und Ohren Zucker. So wird die Adoleszenz zu einer Zeit, in der das Märchenhafte ebenso banal wie das Banale märchenhaft sein kann. (Dorian Waller, 12.11.2016)

Jetzt im Kino

  • Die Mitte der Welt ist immer dort, wo Phil ist.
    foto: constantin

    Die Mitte der Welt ist immer dort, wo Phil ist.

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