Training: Notfall-Simulationen für die Retter

11. November 2016, 17:50
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Ähnlich wie in der Luftfahrt, helfen standardisierte Abläufe in Extremsituationen, Fehler bei Notfalleinsätzen zu vermeiden

Innsbruck – Der Patient liegt auf dem Boden und atmet schwer, als die Retter zur Tür hereinstürmen. Sie prüfen die Vitalfunktionen und beginnen sofort mit den lebenserhaltenden Maßnahmen. Im Nebenraum wird jeder Handgriff, jedes Wort akribisch mitnotiert. Drei Kameras zeichnen den Notfall auf, über einen Laptop steuert ein Mediziner die Vitalfunktionen des Patienten, der eine knapp 80.000 Euro teure Puppe ist.

Solche Simulationen werden beim 19. Innsbrucker Notfall-Symposium eingesetzt, um Mediziner und Sanitäter zu schulen. Die fünf Schweizer Retter vom Gesundheitszentrum Val Müstair haben es geschafft, die eingangs beschriebene Puppe wiederzubeleben. "Wir sind zum zweiten Mal dabei, und solche Simulationen sind für uns sehr wertvoll, weil man direktes Feedback erhält." In der Realität fehlt diese unmittelbare Rückmeldung. Vor allem die Kommunikation und Interaktion unter den Rettern ist ein vernachlässigter Bereich.

2.000 Tote durch Fehler

Das gilt für Notfälle außer-, aber auch innerhalb der Spitäler. "Im Notfall schaltet die Emotion die Ratio aus", erklärt Primarius Helmut Trimmel, Notfall- und Intensivmediziner aus Wiener Neustadt. Daher sei es dringend notwendig, Techniken zum Umgang mit menschlichen Fehlerquellen zu entwickeln: "In der Luftfahrt ist das mittlerweile Standard, doch in der Medizin gibt es bis heute nicht einmal eine standardisierte Zwischenfalldokumentation." Studien haben errechnet, dass es in Österreich zu rund 2.000 Todesfällen pro Jahr kommt, weil das Zusammenspiel im Notfall nicht klappt.

Die Mediziner setzen daher auf Simulationen, ähnlich wie sie für Piloten Pflicht sind. "Es wäre wichtig, dass auch in der Ärzteausbildung solche Simulationen obligatorisch werden", fordert Trimmel. Dem pflichtet Michael Baubin, leitender Notfallmediziner in Innsbruck und Gastgeber des Symposiums, bei: "Die meisten Fehler passieren in der Kommunikation und in der Entscheidungsfindung." Und genau hier könne man Konzepte aus der Luftfahrt zum Teil eins zu eins übernehmen.

Mehr Simulationszentren gefordert

Derzeit gibt es nur eine Handvoll Simulationszentren in Österreich, wo solche Abläufe unter realen Bedingungen geübt werden können. Hier fordern die Mediziner dringend mehr Mittel. Zudem fehle es am Bewusstsein beim medizinischen Personal selbst, dass solche Schulungen wichtig sind. Technisch und handwerklich, so beide Experten, ist Österreich auf weltweit führendem Niveau, was die Notfallmedizin angeht.

Allein in Tirol, wo in den vergangenen zwölf Monaten mehr als 26.000 Notarzteinsätze verzeichnet wurden, stehen im Winter 16 Hubschrauber, 13 Notarzteinsatzfahrzeuge und neun Notärzte in den Tälern bereit. Aber nur wenn alle Abläufe sitzen, kann die Notfallmedizin ihr Potenzial ausspielen, sagt Baubin: "Der Tod ist ein fließender Begriff, eine Zeitlang ist er reversibel." (Steffen Arora, 11.11.2016)

  • Im Notfall entscheidet das Zusammenspiel über Leben und Tod. Simulationen helfen dabei, die Handgriffe und Abläufe zu optimieren.
    foto: apa / dieter nagl

    Im Notfall entscheidet das Zusammenspiel über Leben und Tod. Simulationen helfen dabei, die Handgriffe und Abläufe zu optimieren.

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