"Flüchtlingskrise wäre gänzlich vermeidbar gewesen"

Interview12. November 2016, 10:00
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Paul Collier, Oxford-Ökonom und Migrationsforscher, erklärt, warum er eine begrenzte Aufnahme von Flüchtlingen für sinnvoll und Arbeitsplätze für zentral hält

STANDARD: Ist die sogenannte Flüchtlingskrise wegen der Flüchtlinge zu einer Krise geworden oder wegen der Ratlosigkeit der Welt im Umgang mit ihnen?

Collier: Was wir "Flüchtlingskrise" nennen, wäre gänzlich vermeidbar gewesen. Es ist absolut machbar, auf ethische Weise auf die Nöte und Bedürfnisse der 20 Millionen Flüchtlinge auf dieser Welt einzugehen. Zur Krise wurde diese Herausforderung, weil das System, die Art, wie wir mit Flüchtlingen umgehen, komplett veraltet ist. Es ist ein Erbe von 1950, das nicht auf die Jetztzeit umzulegen ist. Dazu kommt die Reaktion von EU-Politikern, die ziemlich dumm war.

STANDARD: Sie haben in Ihrem Vortrag Europas politische Verantwortliche wegen ihres Umgangs mit dieser Krise als "Idioten" bezeichnet. Was genau macht sie dazu?

Collier: Ihr Versagen, Syriens Nachbarländer zu unterstützen, als kurz nach Ausbruch des Krieges 2011 die ersten fünf Millionen Menschen ihre Heimat in Richtung Jordanien, Türkei und Libanon verlassen haben. Dabei wäre unsere Pflicht damals nicht gewesen, Asylwerber aufzunehmen, sondern diesen Ländern Geld bereitzustellen. Die dringendste Priorität wäre damals gewesen, den Flüchtlingen Arbeit zu geben. Die jordanische Regierung allein kann nicht dafür sorgen, sie hat ja bereits Mühe, ihrer eigenen Bevölkerung Jobs zu verschaffen. Europäische Unternehmen, die schon seit Jahren Millionen von Arbeitsplätzen ins Ausland verlagern – deutsche Firmen etwa nach Polen – hätten damals schon Arbeitsplätze nach Jordanien bringen sollen. Heute fangen wir damit an – mit fünfjähriger Verspätung.

STANDARD: War das Kurzsichtigkeit, oder wollte das keiner sehen?

Collier: Europas Regierungen sind von einem Denkschema ins andere gesprungen: vom herzlosen Kopfmenschen zum kopflosen Herzmenschen. Anfangs dachten wir: Die sind nicht unser Problem, sie sind in Jordanien, vergessen wir sie einfach. Das war dumm – und sehr kurzsichtig. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel sagt heute, ihr größtes Bedauern sei es, dass sie nicht bereits vor fünf Jahren etwas unternommen habe.

STANDARD: Sie haben Merkel kritisiert für ihre Politik der offenen Grenzen, heute beraten Sie sie.

Collier: Ich habe Merkels Zugang für moralisch bewundernswert gehalten. Dennoch hatte er gravierende Folgen – was Merkel anfangs nicht erkannt hat. Als sie die Folgen erkannt hat, hat sie ihre Politik geändert – was als Schritt ebenfalls bewundernswert ist. Heute unternimmt die deutsche Regierung einiges, um Arbeitsplätze zu schaffen, wo sonst keine wären. Sie ruft die G20-Länder dazu auf, es ihr nachzutun. Das offenbart eine Reife, die ich beispielsweise in den USA nicht gesehen habe. Und ich gehe nicht davon aus, dass ich so bald mit Donald Trump zusammenarbeiten werde.

STANDARD: Merkel, die derzeit mit ihrer Politik allein auf weiter Flur steht, sollte eigentlich Vorbild sein?

Collier: Es ist viel einfacher, die Arbeitsplätze an die Menschen zu bringen als die Menschen an die Arbeitsplätze. Den Flüchtlingen Arbeit zu geben ist letztlich die einzige moralisch anständige Herangehensweise. Wenn wir im Westen Gesellschaften in afrikanischen Ländern etwa ihre besten Leute nehmen, halten wir sie vom Aufholen ab. Unser ethischer Anspruch, unser gesamtes Handeln müssen über einzelne Individuen, die vor unserer Tür stehen, hinausgehen. Wir müssen darüber nachdenken, warum sie vor unserer Tür stehen. Und an diesem Warum, an diesem Grund, müssen wir dann arbeiten.

STANDARD: Sie sagen, die UN-Flüchtlingshilfe (UNHCR) sei das falsche Instrument, um Flüchtlingen zu helfen. Wer soll es sonst tun?

Collier: Das UNHCR hat nach dem Krieg dazu gedient, politische Flüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion vorübergehend Essen und eine Unterkunft zu geben. Jetzt kommen große Gruppen, die vor Chaos fliehen. Wir müssen in größeren Maßstäben denken. Wir brauchen ökonomische Einrichtungen, die schnell Jobs schaffen. Der Großteil aller Flüchtlinge hält sich in zehn Ländern auf, es kann nicht so schwierig sein, in diesen zehn Ländern Arbeitsplätze zu schaffen, von denen auch die Länder selbst profitieren.

STANDARD: Sie sprechen sich in Ihrem Buch "Exodus" für eine limitierte Aufnahme von Flüchtlingen aus. Wie soll die Zahl entstehen?

Collier: Das Gleichgewicht zwischen Flüchtlingen, die kommen, und jenen, die schon da sind, muss beibehalten werden. Wenn Einwanderung schneller passiert als Integration, kann die Dynamik schnell gefährlich werden.

STANDARD: Sie kritisieren, dass in der Flüchtlingsdebatte zu viel Emotionen vorherrschen und zu wenig Wissen. Welche Information fehlt Ihnen am meisten in der Diskussion?

Collier: Die Debatte, wie sie derzeit läuft, polarisiert die Gesellschaft. Das ist unnötig und außerdem schädlich, auch für unsere Gesellschaft. Mit einer polarisierten, feindlich gestimmten Gesellschaft lässt sich keine große, mutige Politik machen, dafür braucht es den gesellschaftlichen Konsens. Es muss jedem klar sein, dass wir nicht nur die moralische Pflicht haben, Flüchtlinge zu retten, sondern es muss ihnen auch klar werden, dass dazu auch gehört, Normalität in ihren Herkunftsländern herzustellen. Jeder Mensch abseits von Psychopathen stimmt vermutlich der Ansicht zu, dass wir Menschen vor dem Sterben retten müssen. Es muss klar werden, dass wir auch eine Pflicht zur Rettung aus der Hoffnungslosigkeit haben. Eine Milliarde Menschen lebt in Gesellschaften, wo es kaum Hoffnung gibt. Die Lösung kann ja nicht sein, eine Milliarde Menschen nach Europa zu bringen, sondern ihnen vor Ort zu helfen.

STANDARD: In erster Linie ist dennoch meist die Rede davon, wie man sich Flüchtlinge vom Hals schafft, und nicht wie man ihnen helfen kann.

Collier: Das ist die schreckliche Folge von dummer Politik. Hätten wir früher damit angefangen, vor Ort zu helfen, was machbar gewesen wäre, wären wir jetzt stolz auf uns. Wir müssen jetzt aber einen Schlussstrich ziehen, dem Durcheinander, in das wir uns selbst manövriert haben, ein Ende setzen und uns neue Strategien überlegen.

STANDARD: Sie als Ökonom sagen, dass man sich lieber auf soziale statt auf ökonomische Folgen von Migration konzentrieren solle.

Collier: Das hat sich inzwischen eh schon in die Richtung geändert in den letzten drei Jahren. Inzwischen hat sich ein wesentlich realistischerer Blick auf die Situation eingestellt – vor allem wegen des Aufstiegs populistischer Politiker: Denn wenn vernünftige Politiker sich nicht der Realität stellen, dann tun es unvernünftige. Das sieht man in Österreich genauso wie in anderen Teilen der westlichen Welt. Mainstream-Politiker müssen die Dinge ansprechen, denn wenn sie sie nicht auf vernünftige Weise angehen, dann werden sie am Ende auf dumme Weise angegangen werden. Wenn man Migration nicht auf Basis von ethischem Anstand angeht, dann wird sie auf hässliche Weise angegangen werden. Und frühere Strategien, diese Themen unter den Teppich zu kehren, hat die Menschen offenbar nicht davon überzeugt, diese Themen nicht zu sehen, es führt – wie man überall sieht – eher dazu, dass sie den Regierenden nicht vertrauen, weil sie nicht ehrlich sind. (Anna Giulia Fink, 12.11.2016)

Paul Collier (63) ist Wirtschaftswissenschafter an der Universität Oxford. Der Brite gehört zu den führenden Experten für Migration, Afrika und die Ökonomien der Entwicklungsländer. Collier hat am 10. und 11. November an der vom International Center for Migration Policy Development organisierten Vienna Migration Conference teilgenommen. In seinem jüngsten Buch "Exodus" (Siedler-Verlag) widmete er sich den weltweiten Migrationsströmen und ihren Folgen für die armen und reichen Länder. Ende März kommt sein neues Buch heraus, "Refuge" beziehungsweise "Gestrandet" (zusammen mit Alexander Betts, Penguin Books).

  • Migrationsforscher Paul Collier.
    foto: wikipedia_derungs_swissimage

    Migrationsforscher Paul Collier.

  • Eine Syrerin und ihr Kind in Mazraat Khaled, 40 Kilometer außerhalb der syrischen Stadt Raqqa, der umkämpften Hochburg des IS.
    foto: afp_ delil souleiman

    Eine Syrerin und ihr Kind in Mazraat Khaled, 40 Kilometer außerhalb der syrischen Stadt Raqqa, der umkämpften Hochburg des IS.

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