Die Ära Trump: Die nationalistische Versuchung

Kommentar11. November 2016, 18:10
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Die Absage an internationale Zusammenarbeit ist die größte Gefahr der Trump-Ära

Es gibt unzählige Gründe, Donald Trumps Präsidentschaft mit Schrecken entgegenzublicken: seine Demagogie, seine Unerfahrenheit, seine Impulsivität, seine oft absurden Wahlversprechen. Aber was Politikern und Kommentatoren weltweit am meisten Sorge bereitet, ist Trumps Sicht auf die Natur zwischenstaatlicher Beziehungen. Anders als alle seine Vorgänger sieht Trump die Welt als Ort, an dem Staaten in bitterer Rivalität zueinander stehen und nur die eigenen Interessen verfolgen.

Reflexhaft lehnt er deshalb die Vorstellung einer liberalen Weltordnung ab, in der Staaten zum gegenseitigen Nutzen zusammenarbeiten – und die USA eine Führungsrolle spielen müssen. Das war das Credo aller US-Präsidenten seit den 1930er-Jahren, wobei Republikaner mehr auf Führungsstärke und Demokraten mehr auf Zusammenarbeit gesetzt haben. Trump interessiert keines von beiden. Er ist der ultimative Realist, der die Erde als großen Dschungel betrachtet und Politik als Überlebenskampf.

Außenhandelsbeziehungen sind für ihn ein Wirtschaftskrieg, in dem die USA verlieren müssen, wenn Staaten wie China und Mexiko profitieren. Das Prinzip des gegenseitigen Nutzens, auf dem der Freihandel und die Globalisierung beruhen, lehnt er intuitiv ab. Während die Bush-Regierung – und manchmal auch Barack Obama – das Völkerrecht den eigenen Interessen unterordnete, ist es für Trump gar nicht existent. Und dass er den Klimawandel leugnet, ist fast unvermeidlich: Ein Problem, das die USA nur im Zusammenspiel mit anderen Staaten lösen können, passt einfach nicht in seine Weltsicht.

Nicht allein

Wenn die einzige Supermacht vom Weg des Multilateralismus radikal abweicht, dann macht das Angst. Schlimmer noch aber ist, dass Trump damit nicht allein ist. Russland hat unter Wladimir Putin einen strikt nationalistischen Kurs eingeschlagen, den Trump nicht ganz zufällig bewundert. Auch China stellt unter Xi Jinping die nationale Stärke immer mehr ins Zentrum seiner Außenpolitik; seine etwas kooperativere Klimapolitik ist bloß eine Reaktion auf die katastrophale Luftverschmutzung in den Großstädten.

Und in Europa – immer noch die Hochburg für die Überwindung nationaler Egoismen – haben zuerst die Ungarn, dann die Polen und schließlich die Briten mit ihrem Brexit-Votum gezeigt, wie wenig sie von Kooperation und Solidarität halten. Und auch hierzulande unterstützt die halbe Bevölkerung einen Kandidaten, der ständig "Österreich zuerst" ruft.

Nationalistische Versuchung

Gerade in schwierigen Zeiten ist die nationalistische Versuchung groß. Doch wenn alle Staaten nur danach handeln, was ihnen kurzfristig nützt, dann führt das zu Konflikten, die am Ende allen schaden. Das war die wichtigste Erfahrung der furchtbaren Zeit von 1914 bis 1945. Die Lehren aus ihr scheinen nun immer öfter vergessen.

Die einzige Hoffnung ist, dass der Geschäftsmann Trump bald erkennt, dass er andere Staaten braucht, um die eigenen ehrgeizigen Ziele zu erreichen; dass Amerika nicht wieder groß werden kann, wenn der Handel mit China schrumpft, die Bündnispartner sich abwenden und die USA immer öfter von Dürren und Fluten heimgesucht werden, weil niemand bereit ist, gegen die Erderwärmung vorzugehen.

Sieht Trump das nicht, dann werden gerade jene Amerikaner am stärksten leiden, die ihn gewählt haben. Doch bis sie das begreifen, kann es auch für den Rest der Welt zu spät sein. (Eric Frey, 11.11.2016)

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