Warten auf den großen Angriff in Aleppo

Analyse11. November 2016, 17:36
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Vor Syriens Küste liegt ein russischer Flugzeugträger, angeblich für die Aleppo-Offensive. Die USA ergreifen Maßnahmen gegen die Nusra-Front

Washington/Damaskus/Wien – Seit Tagen wird damit gerechnet, dass Russland seine Feuerpause in Aleppo jäh beendet und seine Angriffe auf den von Rebellen gehaltenen Osten der Stadt in einer neuen Intensität aufnimmt: Vor der Küste Syriens liegt jetzt der russische Flugzeugträger Admiral Kusnezow mit seinen Begleitschiffen und, laut dem "Institute for the Study of War" in Washington, drei mit Marschflugkörpern bestückten U-Booten. An der Offensive werden am Boden die syrische Armee, die libanesische Hisbollah und Iran-geführte irakische schiitische Milizen teilnehmen.

Die Kämpfe werden eine völlig erschöpfte Bevölkerung in Ostaleppo treffen, für die die Uno zu Wochenmitte Alarm schlug: Die seit Monaten knappen und überteuerten Nahrungsmittel der Eingeschlossenen gingen jetzt endgültig zu Ende, warnte der Berater in humanitären Angelegenheiten, Jan Egeland. Dazu beginnt der Winter.

Russische Zurückhaltung

Den Russen wird vorgeworfen, sich ihre als "humanitär" deklarierte Waffenpause aus ganz anderen Gründen verordnet zu haben: um sich auf Vorbereitungsarbeiten für die Offensive zu konzentrieren, wie etwa den Rebellen Versorgungslinien abzuschneiden und sie anderswo anzugreifen, um Counterattacken abzustellen, die die Rebellen Ende Oktober versucht haben.

Es gibt auch die Theorie, dass sich Russland während der letzten Phase der US-Präsidentenwahlen zurückgehalten habe, um dem vom Kreml favorisierten Donald Trump nicht mit seinem Vorgehen, das auf die Zivilisten in Aleppo keinerlei Rücksicht nimmt, in Verlegenheit zu bringen.

In die Erwartung der Wiederaufnahme der Schlacht um Aleppo schneit eine Nachricht aus Washington, die ein Schlaglicht auf die komplexe Gemengelage der Rebellenszene wirft. Das State Department gab am Donnerstag sein Verdikt bekannt, dass die Gruppe Jabhat Fatah al-Sham (Fatah-Front) ein Alias der Nusra-Front sei, der Verbündeten Al-Kaidas in Syrien.

Schritte gegen die Nusra-Front

Washington verhängt Sanktionen gegen vier Individuen, an erster Stelle gegen jenen Abdullah al-Muhaysini, der nicht nur zum inneren Zirkel der Fatah/Nusra/Kaida gehört, sondern auch den "Jaysh al-Fatah Operations Room" gegründet hat, eine Union von Rebellengruppen, die in Aleppo kämpft.

Die von allen Beobachtern für taktisch gehaltene, nominelle Loslösung der Nusra-Front von Al-Kaida und ihre Umbenennung in Fatah-Front Ende Juli hatte es anderen Rebellengruppen erleichert, sich ihr anzuschließen. Nun macht Washington deutlich, dass es diese Allianzen nicht länger hinnimmt, nachdem alle Versuche nichts fruchteten, die "Rebellen" zu überreden, sich von den "Terroristen" zu trennen.

Laut Washington Post hat Präsident Barack Obama Order gegeben, dass die Nusra-Führer vom JSOC (Joint Special Operation Command) der US-Armee verfolgt – sprich liquidiert – werden sollen. Wie praktikabel das ist, sei dahingestellt, auch ob sich manche Rebellen doch noch lossagen. "Es ist zu spät. Bewaffnete Gruppen können nicht ohne Al-Kaida, Nusra, Fatah überleben", twitterte "Ehsani", ein Kommentator von Joshua Landis' "Syria Comment".

Al-Kaida kämpft mit

Dass die USA der Tatsache Rechnung tragen sollen, dass indirekt Al-Kaida in Aleppo mitkämpft, war ein Punkt der gescheiterten Verständigung zwischen Washington und Moskau über Aleppo. Allerdings ging es auch noch um andere Gruppen. Nun geht die US-Regierung ihren eigenen Weg. Dahinter steht unter anderem die Befürchtung, dass Al-Kaida das Vakuum, das der geschwächte "Islamische Staat" hinterlässt, füllen könnte. Die Nusra-Front geht geschickter vor als frühere Al-Kaida-Ausläufer, vermeidet Brutalitäten gegen die Bevölkerung und versteckt ihre Ideologie hinter einem syrischen Gesicht. Die erschöpften Menschen könnten sie als Ordnungsmacht akzeptieren, befürchten Beobachter. Al-Kaida wird von manchen heute langfristig wieder für gefährlicher gehalten als der IS.

Obama zeigt durch diesen Schritt einmal mehr, dass seine Priorität längst nicht mehr der Sturz des Assad-Regimes ist. Besonders US-Verteidigungsminister Ashton Carter galt lange als Gegner von allem, was die Rebellen schwächen und Assad nützen könnte. Russland hatte zuletzt den USA sogar vorgeworfen, Nusra/Kaida zu schützen.

Arabisch-kurdischer Streit in Raqqa

An einer anderen Front, an jener gegen den "Islamischen Staat" vor der Großstadt Raqqa, gibt es früher als erwartet Streit innerhalb der Allianz gegen den IS. Middle East Eye berichtet, dass die arabische Brigade innerhalb der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), eines US-gestützten Verbands von Milizen, mit den kurdischen YPG gebrochen und sich zurückgezogen habe. Die Araber beschuldigen die Kurden und die USA, das Versprechen nicht einzuhalten, dass Araber die Hauptrolle bei der Befreiung Raqqas spielen sollen. Die Offensive auf Raqqa hatte erst am Sonntag begonnen. Bevor die SDF Raqqa erreichen, könnte es jedoch Monate dauern. Auch die Türkei will mitmischen, die ihrerseits die Teilnahme der YPG, die der türkisch-kurdischen PKK nahe steht, ablehnt. (Gudrun Harrer, 11.11.2016)

  • Kräfte des syrischen Regimes am 10. November im Bezirk Minyan in Aleppo, den sie zuvor von den Rebellen zurückerobert hatten.
    foto: apa/afp / george ourfalian

    Kräfte des syrischen Regimes am 10. November im Bezirk Minyan in Aleppo, den sie zuvor von den Rebellen zurückerobert hatten.

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