"Die Verdammten": Das braune Lotterleben der Geschützgießer

11. November 2016, 18:01
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Brillant: Regisseur Elmar Goerden hat das Stück nach Luchino Visconti im Wiener Josefstadt-Theater auf einen bürgerlichen Totentanz heruntergebrochen. Ein hinreißend morbides Ensemble gibt ihm recht

Wien – Im Wiener Josefstadt-Theater nehmen die Wölfe in Abendgarderobe sorgfältig Aufstellung. Stahlgrau glitzert das Kleid der Dame. Die Herren der Wertschöpfung recken in froher Zukunftserwartung die Köpfe. Endlich löst der Blitz des Fotokünstlers die Dynastie der deutschen Stahlköche aus ihrer Erstarrung. Von nun an gibt es kein Halten mehr. Die Exponenten der besitzenden Klasse beißen einander mordlustig die Kehle durch. Luchino Viscontis Die Verdammten war der vielleicht unmöglichste Filmstoff der späten 1960er-Jahre. In freier Nachbildung der Krupp-Familie erzählte der Italiener die Verstrickung der Groß- und Schwerindustrie in die Machenschaften der Nazi-Herrschaft.

Was Wunder nahm, war die schaudernde Blicklust Viscontis. Den Krupp-Clan mit seinen angeheirateten Mordgehilfen und morbiden Sprössen erhob er in den Rang einer Familie Macbeth. Im luxuriösen Dekorum einer Oper kompilierte er Schauwerte, um den moralischen Totalbankrott als schöne Leichenfeier zu überhöhen. Regisseur Elmar Goerden nüchtert den Stoff gnadenlos aus. Die Bühne (Silvia Merlo, Ulf Stengl) gleicht nicht etwa dem Krupp-Anwesen "Villa Hügel", sondern bildet eine abstrakte Begegnungszone. Wie Stahltraversen bändern Leisten den hohen Raum. Bürgerliche Dresscodes markieren höchst übersichtlich das Kampffeld aller gegen alle.

Diese wunderbar gelungene Aufführung leistet mehrerlei. Sie nimmt sich gleich zu Anfang viel Zeit für die Anbahnung der Götterdämmerung. Joachim von Essenbeck (Heribert Sasse) ist der Patriarch der Geschützgießer.

Auf seiner Geburtstagsfeier, begangen mit Schampus und Unmengen von Torte, werden, kaum merklich zunächst, die Weichen in die hässliche nationalsozialistische Zukunft gestellt. Sasse gibt den Traumtänzer im Frack, der auf den Schwingen der Göttin Demenz in den Untergang hinübertänzelt. Man hat Sasse, diesen abgründigen Sitzriesen, kaum jemals so absturzselig gesehen. Noch in Socken ist er ein Gott ohne Welt, ein Kaiser ohne Reich, der in das Porträtfoto seines toten Erstgeborenen wie in die Betrachtung eines Talismans vergafft ist.

Ein Schuss fällt im Off. Im Schoß der Familie gedeiht die Natter der Mordlust. Joachim ist tot. Vor aller Augen aber schillert die Salonschlange Sophie (Andrea Jonasson), seine verwitwete Schwiegertochter, in allen Farben der Verstellung. Jonasson schenkt ihrer Lady Macbeth das Odeur moralischer Schlamperei, eine heiter überlegene Mannstollheit, die ihren grau gescheitelten Buchhaltungsdirektor (André Pohl) vor schwere erotische Probleme stellt.

Joachims kreideblasser Sohn Konstantin (Peter Kremer) bricht dem schwächlich-zarten Filius Günther (Meo Wulf) die Hand, nur um ihm das Cellospiel zu verunmöglichen. Cousin Wolf von Aschenbach (Raphael von Bargen) hingegen lenkt die Geschicke der von Essenbecks aus dem Hintergrund: ein Hauptsturmführer in Zivil, ein Agent des Weltungeistes. Den schwächlichen Haupterben Martin (Alexander Absenger) baut er um. Absengers und Wulfs Figuren erleben in ratlos geteilter Unschuld ihre Homosexualität. Sie übersetzen das Begehren, das sie wie eine Kinderlaune umtreibt, in die Verlegenheitsgesten naiver Sinnlichkeit.

Dampfer im braunen Meer

Goerden verteilt die Schuldanteile gleichmäßig. Die opulenten Schauwerte hat er von der Bühne verbannt. Die Großbourgeoisie meint, ihren Industriedampfer unbeschadet durch tiefbraunes Gewässer steuern zu können. Ihre Exponenten bleiben jedoch einer wie der andere erpressbar. Das Vokabular bürgerlicher Wohlanständigkeit wird gegen seine Nutzer als Waffe in Anschlag gebracht.

Anstand, Haltung, Ehre: Alle Tugenden übersetzt Goerden in bizarre Handlungen. Es ist der Unernst der Leistungsethik, der diese Stützen der Gesellschaft für Terror empfänglich macht. Dem Familiensinn entspringt der mörderische Inzest. Und so behält der SS-Mann recht: "Man wird sich noch wundern, was alles möglich ist." Jubel für eine hinreißend beklemmende Ensemble-Leistung. (Ronald Pohl, 11.11.2016)

  • Krupp heißt hier von Essenbeck: Die Familie hat Aufstellung genommen, der Patriarch Joachim von Essenbeck (Heribert Sasse) sitzt stolz inmitten. Die Hand auf ihm: Sophie (Andrea Jonasson).
    foto: reismann/apa

    Krupp heißt hier von Essenbeck: Die Familie hat Aufstellung genommen, der Patriarch Joachim von Essenbeck (Heribert Sasse) sitzt stolz inmitten. Die Hand auf ihm: Sophie (Andrea Jonasson).

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