Islamismus aus unterschiedlichen Perspektiven

13. November 2016, 12:00
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Über drei verschiedene Versuche, den Jihadismus und den Terror des "Islamischen Staates" zu verstehen

Als "Monster", "Wahnsinnige" und "Unmenschen" gelten die Jihadisten des "Islamischen Staates" (IS) häufig in den Massenmedien und für viele Europäer und Europäerinnen. Drei Publikationen widersprechen dieser schlichten Sicht. Beim Jihadismus, so eine zentrale These des Professors für Rhetorik Philippe-Joseph Salazar, handle es sich nicht um die "Krankheit von Idioten" oder Monstern, sondern um intelligente Fanatiker und Terroristen, die die zentrale Rolle der Rhetorik und Propaganda erkannt haben und von der sprachlichen Hilflosigkeit europäischer Gesellschaften profitieren. Diese Hilflosigkeit zeige sich etwa an der Unfähigkeit, dem neuen Feind, den Anhängern des IS, einen einheitlichen Namen zu geben. Salazar überzeugt mit fachkundigen Analysen der Ästhetisierung des Terrors in Videoclips, der Darstellung kriegerischer Männlichkeit oder der Konstruktion von Feindbildern.

Seine Arbeit weist allerdings auch Schwächen auf. Vor allem seine Gegenüberstellung von "europäischer Rationalität" und "islamischem Denken" ist höchst fragwürdig. Während "wir" Dichtkunst und Rhetorik von logischer Beweisführung trennen, habe "der Islam" "Rhetorik und Poetik im Inneren der logischen Denkschemata" angesiedelt. Mit "wir" ist manchmal "die westliche Zivilisation", manchmal einfach die französische Gesellschaft gemeint, die in einer "Ideologie des Dialogs" gefangen sei. Ziel müsse es aber sein, "islamisch denken, sprechen und argumentieren" zu lernen. Die Beschreibung der Wesenheit namens "Islam" bleibt allerdings in Klischees stecken. Die Lektüre von Mohammed Abed Al Jabris vierbändiger "Kritik der arabischen Vernunft" (1984–2001) oder von Geert Hendrichs Arbeit "Islam und Aufklärung: Der Modernediskurs in der arabischen Philosophie" (2004) hätte Salazar gezeigt, wie schwierig es ist, eine Größe wie das islamische Denken angemessen zu erfassen.

Erwählte oder Verdammte

Rüdiger Lohlker vermeidet als Islamwissenschafter genau diese essentialistischen Annahmen. Er verzichtet auf historisch fragwürdige Vergleiche und nimmt den religiösen und theologischen Anspruch des IS ernst, ohne ihn mit "dem Islam" gleichzusetzen. Der IS sei eine "spezifisch moderne Konstruktion des Islams" und erinnere an eine Sekte im Sinne Max Webers: eine elitäre "Ausleseanstalt", die zwischen Erwählten und Nichtqualifizierten oder Verdammten unterscheide. Die Studie Lohlkers analysiert Flyer, Flugblätter, Videos, Schriften, Fatwas und das IS-Magazin "Dabiq". Im Vergleich zu den vielfältigen islamischen theologischen Traditionen erscheint die IS-Gewalttheologie als "erbärmlich und verarmt", als "Nachtseite der Moderne". Es bestehe zwar fallweise eine Kontinuität mit islamischen Traditionen, insgesamt gelte jedoch, dass "die Quellen in selektiver, häufig auch verkürzter Weise zitiert werden und in – unseliger – Ignoranz der Vielfalt der Bemühungen von Generationen von Gelehrten, die Texte zu verstehen, ohne Beachtung der Kontexte miteinander wie Legosteine kombiniert werden".

Lohlker weist diese Grundtendenz anhand verschiedener Themen nach, die von der Sklaverei über die Behandlung der Frauen, der Apokalypse und den Paradiesvorstellungen bis zum Ehrbegriff und der Maskulinität im IS reichen. Deren Textexegese ist – so Lohlker zynisch – ähnlich primitiv und naiv wie die vieler antimuslimischer Europäer: "Die Quellen werden buchstäblich gelesen mit dem Anspruch, den wahren Wortsinn zu verstehen, den die Gelehrten eben nicht in der Lage seien zu erfassen." Ergebnis sei ein dichotomes bzw. binäres Weltbild, das durch absolute Abgrenzung, Immunisierung, eine literalistische Lesart des Korans, die Legitimierung von Gewalt, dogmatische Fixierungen und ein Gefühl der Bedrohung durch "die Moderne" gekennzeichnet ist.

Warnung vor Pauschalierungen

Der Islamkritiker und Politikwissenschafter Hamed Abdel-Samad und der Theologe und Reformmuslim Mouhanad Khorchide sind sich in ihrem Streitgespräch einig über die Ablehnung des IS, sie interpretieren ihn aber anders. Für Abdel-Samad ist er "ein legitimes Kind von Mohammed, seinem Werk und seinen Aussagen". Der Islam sei durch Narzissmus, Selbstverherrlichung, Gewaltbereitschaft und eine dogmatische Geisteshaltung gekennzeichnet. Khorchide hingegen verweist auf die zahlreichen Distanzierungen vom IS in islamisch geprägten Ländern. Abdel-Samad spricht von "dem einen Islam" und einem "Islam an sich", Khorchide warnt vor Pauschalisierungen und Wesensbestimmungen dieser Art. Für den Islamkritiker sind Islam und Gewalt "beste Freunde", der Reformmoslem verweist auf den historischen Kontext, auf das humanistische Potenzial, auf widersprüchliche Quellen und die Rolle der Interpretation. Für Abdel-Samad überwiegen die negativen Seiten im Islam, für Khorchide gibt es eindeutig auch positive Seiten, vor allem den Geist der Barmherzigkeit Gottes und eine humanistische und spirituelle Dimension. Genau diese andere Lesart des Korans sei im Sinne einer Reform zu stärken, wobei auch er die Reformverweigerer als Hauptproblem sieht.

Das harte, aber respektvolle Streitgespräch bestätigt gleichsam performativ den Optimismus von Khorchide. Denn das Gespräch ist Beispiel für einen gelungenen innerislamischen Dialog, der auf das intellektuelle und moralische Potenzial von islamisch geprägten Traditionen verweist. Es ist zu hoffen, dass Reformmuslime wie Khorchide mit ihrem Programm eines modernitätsfähigen, humanistischen Islam ein Problem lösen werden, mit dem auch ein konfessionell gespaltenes Europa lange konfrontiert war. (Georg Cavallar, 13.11.2016)

Georg Cavallar ist Lehrbeauftragter an der Uni Wien und AHS-Lehrer. Er schreibt derzeit an einem neuen Buch über Islam, Aufklärung, Moderne und die erweiterte Denkart.

Zitierte Bücher:

  • Philippe-Joseph Salazar, "Die Sprache des Terrors. Warum wir die Propaganda des IS verstehen müssen, um ihn bekämpfen zu können". Pantheon-Verlag, 2016
  • Rüdiger Lohlker, "Die Theologie der Gewalt am Beispiel IS". Facultas-Verlag, 2016
  • Stefan Orth (Hrsg.), Hamed Abdel- Samad und Mouhanad Khorchide, "Zur Freiheit gehört, den Koran zu kritisieren. Ein Streitgespräch". Herder-Verlag, 2016
  • Aufgemalte Fahnen des IS Im August im libyschen Sirte. Rhetorik-Professor Philippe-Joseph Salazar spricht von intelligenten Fanatikern, Islamwissenschaftler Lohlker nimmt den religiösen und theologischen Anspruch des IS ernst, ohne ihn mit "dem Islam" gleichzusetzen. Reformmuslim Mouhanad Khorchide warnt vor Pauschalisierungen, während für Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad der IS "ein legitimes Kind von Mohammed" ist.
    foto: reuters/hani amara

    Aufgemalte Fahnen des IS Im August im libyschen Sirte. Rhetorik-Professor Philippe-Joseph Salazar spricht von intelligenten Fanatikern, Islamwissenschaftler Lohlker nimmt den religiösen und theologischen Anspruch des IS ernst, ohne ihn mit "dem Islam" gleichzusetzen. Reformmuslim Mouhanad Khorchide warnt vor Pauschalisierungen, während für Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad der IS "ein legitimes Kind von Mohammed" ist.

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