Jahrestag der Paris-Anschläge: Schatten über dem Savoir-vivre

Reportage11. November 2016, 16:59
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Am 13. November 2015 wurde Paris von den Terroranschläge rund um das Konzertlokal Bataclan erschüttert. Seither hat sich für die Franzosen vieles verändert. Vor allem hat die Nation der Lebenskünstler ihre Unbeschwertheit verloren

Sieben Minuten lang dauerte das Gewehrfeuer. Dann rief eine unidentifizierte Stimme: "Steh auf, oder ich bringe dich um." So brach der Horror über ein Rockkonzert herein, laut einem Diktafon, das ein Konzertbesucher am 13. November 2015 im Bataclan einschaltete, als die drei Terroristen mit Kalaschnikow-Gewehren in den Saal stürmten.

Ein anderer Attentäter, vermutlich Samy Amimour, schrie hingegen: "Auf den Boden, oder ich schieße." Es folgten zwölf weitere Minuten eiskalten, methodischen Tötens, unterbrochen von den absurden Selbstrechtfertigungen mit der IS-Ideologie. Ein Albtraum, blankes Grauen jenseits des menschlichen Fassungsvermögens. Bilanz: 90 Tote im Bataclan, 40 auf umliegenden Bistro-Terrassen und beim Stade de France. Mehr als 400 Verletzte.

foto: apa/afp/martin bureau
Überlebende des Anschlags vor dem Bataclan.

Das Leben geht zum Glück weiter wie die Zeit: Ein Jahr später, an diesem Samstag, will der Musiker Sting den renovierten Saal des Bataclan mit einem Konzert wiedereröffnen. Die 1.500 Karten waren in weniger als einer Stunde verkauft – ein trotziges Zeichen, dass die Franzosen weiterleben und feiern wollen im Ausgehviertel zwischen République und Bastille.

foto: apa/afp/jean-christophe magnenet
Sting kommt ins Bataclan.

Im Bistro Le Carillon, wo an jenem Freitagabend 15 Menschen starben, hat der vielbeschäftigte neue Wirt hinter der Bar keine Zeit für Auskünfte. "Lassen wir das hinter uns", sagt er nur. Im Schaufenster des benachbarten Weinladens steht auf einer lustigen Etikette: "Durst nach Vergnügen". Gleich um die Ecke programmiert das Kleintheater Laurette "Die Hölle" – eine Komödie über Schwiegermütter. Am Mittwochnachmittag wird "Fripouille und Carabistouille" für die Kinder gegeben. Daneben hängt ein kleiner Zettel: "Voluminöse Taschen und Accessoires werden systematisch zurückgewiesen."

Grégory, mit einer Leuchtweste der städtischen Dienste bekleidet, hilft den Volksschülern über den Zebrastreifen vor dem Carillon. Gutgelaunt schüttelt er den vorbeigehenden Müttern sogar die Hand. Die vier mit Sturmgewehren patrouillierenden Soldaten grüßt er mit einem herzhaften "Bonjour les gars!".

Das Quartett ist schon um die Ecke, als ein Knall die Passanten aufschrecken lässt. Entwarnung: Es war nur der niederfallende Deckel einer Mülltonne, in der ein Obdachloser Essbares sucht. Auch Grégory hat sich schnell wieder gefasst; halbwegs amüsiert zeigt er auf ein rotes Schild mit der Inschrift "Par ici on donne son sang" – zum Blutspenden hier entlang. Im Wind zeigt das Schild genau auf die Bistro-Terrasse. Die Leute vom nahen Spital Bichat hätten auch daran denken können, dass man das hier falsch verstehen könnte, findet er.

Das Leben nimmt im 10. und 11. Bezirk von Paris seinen Lauf. In den Schaufenstern der Buchhandlungen sieht man den Comic eines "Überlebenden" und mehrere Bücher von Opferangehörigen. Das bekannteste, von Antoine Leiris, der seine Frau Hélène im Bataclan verloren hat, trägt den Titel: "Ihr werdet meinen Hass nicht kriegen."

foto: reuters/charles platiau
Die Polizei bewacht das Konzertlokal.

An die Soldaten hat sich das Bohème-Viertel längst gewöhnt. Auch auf der Terrasse der Brasserie La Bonne Bière schauen die Leute gar nicht mehr hin, wenn eine Patrouille vorbeifährt. An die 100.000 Polizisten, Soldaten und Reservisten sind landesweit im Antiterroreinsatz. Seit einem Jahr gilt der Ausnahmezustand, erneuert nach dem ebenso furchtbaren Anschlag von Nizza im Sommer.

Innenminister Bernard Cazeneuve hat zum Jahrestag der Anschläge die neuesten Zahlen präsentiert: 4.000 Hausdurchsuchungen wurden durchgeführt, 500 radikale Islamisten verhaftet. 95 stehen unter Hausarrest, 80 wurden des Landes verwiesen; 430 Franzosen wurden an der Abreise in den Jihad in Syrien gehindert, 20 salafistische Moscheen geschlossen.

10.000 radikale Islamisten erfasst

Die Franzosen beruhigt das kaum. Zumal es noch andere Zahlen gibt. Die mittlerweile landesweit bekannte S-Kartei (für "sûreté d'Etat", Staatssicherheit) umfasst mehr als 10.000 radikale Islamisten. Das Reservoir an möglichen Attentätern scheint in Frankreich grenzenlos.

Gemäß einer Umfrage des konservativen Instituts Montaigne sprechen sich 28 Prozent der französischen Muslime, also mehr als eine Million Menschen in Frankreich, für den Vorrang der islamischen Scharia vor dem Recht der Republik aus, und 50 Prozent der 15- bis 25-Jährigen. Eine erschreckende Zahl, die der linksliberale Thinktank Telos so kommentierte: "Der jüngste, zugleich oft der prekärste Teil dieser Bevölkerung, befindet sich heute in der Sezession oder gar in der manchmal gewalttätigen Revolte."

Die meisten Franzosen verdrängen diesen Befund, so wie sie die Existenz der Banlieue-Ghettos seit Jahrzehnten verdrängen. Das Problem scheint ähnlich unlösbar wie das andere Krebsübel Frankreichs, die Massenarbeitslosigkeit. Im Alltag spricht man ungern über "les attentats". Die Angst ist der Gewöhnung gewichen, aber ein Gefühl der unfassbaren, permanenten Bedrohung bleibt. "Eine gewisse Unbesorgtheit ist den Franzosen abhandengekommen", schreibt das Wochenmagazin "le point". Der deutschsprachige, seit 1988 in Paris wohnhafte Schriftsteller Peter Stephan Jungk meint gar: "Ungemütlich ist es geworden, in Paris, in Frankreich zu leben."

foto: ap/thibault camus
Überwachungszentrale der Pariser Polizei.

Das klingt übertrieben. Immerhin: Nach 1.100 Terrortoten und -verletzten sind die Bürger wachsamer, vielleicht auch misstrauischer geworden. In der Vorstadtbahn sieht man nach Büroschluss kaum mehr Leute, die sich ein Nickerchen erlauben. Andere fahren gar nicht mehr mit der U-Bahn, sondern nur noch mit dem Bus zur Arbeit, obwohl das mehr Zeit in Anspruch nimmt. In TGV-Bahnhöfen wie der Gare du Nord stellt man sich heute auf lange Wartezeiten vor den Sicherheitschecks ein. Und wer ein Kaufhaus, das Kino oder das Schwimmbad betritt, hält dem Sicherheitsmann von sich aus die geöffnete Tasche hin.

Der Kinderpsychiater Marcel Rufo meint, auch die Kinder hätten sich "an das Leben mit erhöhtem Sicherheitsniveau gewöhnt". Das Bildungsministerium hat zum Schulbeginn im Herbst eine siebenseitige Broschüre (PDF) verteilen lassen, in der zum Beispiel das Verstecken in Kartons geübt wird, wenn ein Bösewicht kommt. Die kleinen Franzosen lernen darin auch, auf Befehl wie eine Wachsfigur stillzustehen oder loszurennen.

So beginnt Frankreich nach dem Schock mit der Langzeitbedrohung zu leben. Polizei, Reservearmee und die von Präsident François Hollande neugeschaffene Nationalgarde haben großen Zulauf. Die Behörden richten Zentren zur "Deradikalisierung" ein und experimentieren mit Islamisten-Abteilungen in Gefängnissen (derzeit werden sie gerade wieder einmal aufgelöst) und verhindern nach Möglichkeit die Beerdigung von Attentätern auf französischen Friedhöfen.

foto: apa/afp/francois guillot
Polizei in der Pariser U-Bahn.

Viele Unternehmen wie die Pariser U-Bahn-Betriebe sondern Islamisten aus; Air France entfernt sie auch aus den privaten Zulieferfirmen, die teilweise Gepäck befördern und Zugang zum Flugfeld haben. Die Tourismusbranche leidet seit dem 13. November unter einem Besucherrückgang von acht Prozent in Frankreich, elf Prozent in Paris; Japaner bleiben zu 30 Prozent aus. Über diese Imagekatastrophe für die romantische Lichterstadt sprechen die Verantwortlichen auch sehr ungern. In den Krisensitzungen mit der Regierung verlangen sie aber mit Nachdruck die Aufhebung des Notrechts, das die Reiseveranstalter vor Versicherungsprobleme stellt.

Im Jänner könnte der Ausnahmezustand auslaufen. Hollande hatte ihn schon im Juli aufheben wollen – um ihn nach dem Anschlag in Nizza gleich wieder zu verlängern. Alle hoffen, dass jetzt wirklich Schluss sein wird mit den Attentaten und den Trauerfeiern, den nächtlichen Sirenen und den Soldaten auf der Straße. Frankreich will endlich zur Normalität zurückkehren.

Wohl aus diesem Grund stoßen Präsidentschaftskandidaten wie Nicolas Sarkozy und Marine Le Pen mit ihren Extremvorschlägen auf weniger Echo, als man meinen könnte. Wahlfavorit ist Alain Juppé, der gemäßigter, überlegter wirkt.

foto: apa/afp/thomas samson
Alain Juppé ist bereits in Wahlkampfstimmung.

Le Pen hofft nun allerdings auf einen Trump-Effekt. Und die Terrorangst seit dem 13. November wird ihr sicher auch nicht schaden. (Stefan Brändle aus Paris, 11.11.2016)

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