Sergej Karjakin: Reifeprüfung für das Wunderkind

Porträt11. November 2016, 13:19
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Herausforderer Magnus Carlsens im Kampf um die Schach-Weltmeisterschaft: "Ich will die Krone nach Russland holen"

New York – Seit acht Jahren wartet Moskau auf einen neuen russischen Schach-Weltmeister. Nachdem Wladimir Kramnik 2008 den Titel gegen den Inder Viswanathan Anand abgeben musste, hat kein Russe mehr um die Weltmeisterschaft gespielt. Eine lange Zeit für ein Land, das seit 1927 80 Jahre lang (davon einen Großteil als Sowjetunion) die Szene dominierte. Nun soll Sergej Karjakin die Tradition der Karpows und Kasparows fortsetzen. "Ich will gewinnen und die Krone nach Russland zurückholen", gab sich der Herausforderer vor dem Start des Matches in New York siegessicher und patriotisch.

Doch wird der Big Apple ab Freitag tatsächlich Zeuge einer neuerlichen Überraschung, nachdem gerade erst Donald Trump das Establishment in den USA durch seinen Wahlsieg geschockt hat. Für die meisten Experten wäre der Sieg Karjakins tatsächlich eine ähnliche Sensation. Zu stark wirkt Weltmeister Magnus Carlsen, der mit seinem lässigen Stil längst zur Werbeikone und zum Aushängeschild der Schachwelt geworden ist.

Beim öffentlichen Auftritt kann Karjakin Carlsen keine Konkurrenz machen: Er gilt zwar offen und freundlich, aber ein leichtes Stottern lässt ihn unsicher wirken. Karjakin, bekennender Anhänger von Spartak Moskau, spielt zwar gern selbst Fußball und Tennis, oder schwimmt, aber so austrainiert und fit wie der Norweger, ist der schmalschultrige Russe eben nicht.

Nationenwechsel

Im Gegensatz zum Weltmeister ist Karjakin außerhalb der Szene auch relativ unbekannt. Dabei galt der 26-Jährige einst als der talentiertere der beiden: Im Alter von zwölf Jahren und 211 Tagen wurde er der bisher jüngste Großmeister aller Zeiten, damals noch für die Ukraine; seinem Kontrahenten gelang dies erst mit 13 Jahren und fünf Monaten. 2004 wurde er mit der Ukraine Mannschafts-Olympiasieger. Doch dann stagnierte die Entwicklung des Wunderkinds.

Karjakin, auf der Krim geboren, entschied sich deshalb 2009 für einen Nationenwechsel. Er siedelte nach Moskau über und wurde russischer Schachspieler. In einem Interview begründete er seine Entscheidung mit den besseren Möglichkeiten: Sowohl Sponsoren, als auch Trainer seien auf der Krim nur schwer aufzutreiben gewesen. Neben ihm habe es dort nur einen Großmeister – und dieser bereits im Pensionsalter – gegeben. Finanziell war der Übergang lohnend: Karjakin bekam als Wechselprämie von der russischen Schachföderation ein Haus am Moskauer Stadtrand. Auch ein Sponsor fand sich bald.

Als 2014 die "grünen Männchen" den Anschluss der Krim an Russland sicherstellten, demonstrierte Karjakin daher öffentlich seine Unterstützung für den Kreml. "Ich bin mit beiden Händen dafür, bin danach schon mehrfach auf die Krim gereist und alle meine Freunde und Bekannten sind sehr froh", sagte er in einem Interview. In seinem Instagram-Account veröffentlichte er zudem ein Foto von sich mit einem Putin-T-Shirt vor dem Schloss "Schwalbennest" an der Südküste der Halbinsel.

Schnellschachweltmeister von 2012

Ansonsten hält sich Karjakin mit politischen Äußerungen aber zurück und konzentriert sich auf das, was er am besten kann: Schach spielen. Und dort ist der Schnellschachweltmeister von 2012 inzwischen zu einem Elite-Großmeister herangereift. Sein Sieg beim Kandidatenturnier Anfang des Jahres mit 8,5 Punkten aus 14 Runden war beeindruckend, vor allem sein Sieg in der letzten Runde gegen den ursprünglich höher eingeschätzten Fabio Caruana durch ein spektakuläres Turmopfer.

Gegen Carlsen ist Karjakins Bilanz leicht negativ. In klassischen Schachpartien steht es bei einer Unmenge von Remis vier zu eins bei den Gewinnpartien zugunsten von Carlsen. Zuletzt gewann der Weltmeister im Sommer beim Masters in Bilbao gegen seinen Herausforderer.

Angst zeigt Karjakin dennoch nicht. "Um mich zu schlagen, muss Carlsen sein bestes Schach zeigen", sagte er. Es sei keineswegs ausgemacht, dass der Weltmeister dem Druck der Erwartungshaltung standhalte. Er hingegen könne befreit aufspielen, verriet Karjakin sein vermeintliches Erfolgsrezept. Doch so ganz ohne Druck ist Karjakin in dem Wettkampf um eine Million Euro Presigeld nicht. In Moskau werden sie genau hinschauen, wie ihre neue Titelhoffnung spielt. Vizepremier Arkadi Dworkowitsch, selbst ein bekennender Liebhaber des königlichen Spiels, verabschiedete Karjakin mit den Worten, er habe alle Chancen zu gewinnen – "wenn seine Nerven halten". (André Ballin, 11.11.2016)

  • Sergej Karjakin: "Um mich zu schlagen, muss Carlsen sein bestes Schach zeigen".
    foto: apa/afp/alvarez

    Sergej Karjakin: "Um mich zu schlagen, muss Carlsen sein bestes Schach zeigen".

  • Titelverteidiger Magnus Carlsen (links) geht als klarer Favorit in die Begegnung.
    foto: apa/afp/alvarez

    Titelverteidiger Magnus Carlsen (links) geht als klarer Favorit in die Begegnung.

  • Schach-Weltmeisterschaft mit Blick auf die Brooklyn Bridge.
    foto: apa/afp/alvarez

    Schach-Weltmeisterschaft mit Blick auf die Brooklyn Bridge.

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