Trumps Wahlsieg: "Was sagen wir den Kindern?"

Blog11. November 2016, 14:02
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Angst, Spott und Enttäuschung: Wie sich das Klima von Trumps Politik, rassistische Aussagen und Fremdenfeindlichkeit auf Kinder auswirken

Im August erzählte mir eine Freundin beim Biertrinken in Brooklyn: "Ich habe heute zwei Schüler an Trump verloren." Ich dachte erst, sie meinte, dass sich zwei Schüler für Trump ausgesprochen hätten. Nein, sagte sie, es sei noch schlimmer: Die Schüler stammten aus Mexiko, und ihre Familien hatten sich entschlossen, dass es für sie in den USA zu gefährlich geworden ist. Sie sind vor Beginn des neuen Schuljahrs zurückgezogen.

Besorgte Fragen von Schülern

In den letzten Monaten, bevor Donald Trump zum nächsten US-Präsidenten gewählt wurde, hörte ich ständig Berichte von Eltern, Lehrern und anderen Bekannten, dass es den Kindern in Amerika nicht gutgehe. Nach einer Umfrage unter rund 2.000 Lehrern berichtete das Southern Poverty Law Center im April, dass die Präsidentschaftswahl – damals noch in der Vorwahlphase – "alarmierende Furcht und Ängstlichkeiten" bei nichtweißen Kinder erzeugt habe. Zwei Drittel der Lehrer gaben an, sie hätten Fragen besorgter Schüler bekommen, die einer Minderheit angehören. Unter vielen dieser Kindern war die Angst vor Abschiebungen groß, sie fürchteten auch um ihre persönliche Sicherheit.

Unter anderen Kindern das genaue Gegenteil: Sie hatten das Wort "Trump" als Spottbegriff gegen Mitschüler aus Minderheiten verwendet und etwa muslimische Kinder als Terroristen bezeichnet. Das ganze Phänomen wurde als "Trump-Effekt" bezeichnet.

"Wir müssen gehen!"

Ein New Yorker Freund hat einen siebenjährigen Sohn, der jüdisch und schwarz ist. Als seine Frau am Mittwochmorgen dem Kind erzählte, dass Trump gewonnen hat, brach der Bub in Panik aus. "Was? Wir müssen gehen. Wir müssen von hier weg und woanders hin. Wir müssen gehen!"

"Er glaubt, Trump wird Gesetze speziell gegen ihn erlassen, weil er nicht weiß und christlich ist", sagte mein Freund. Obwohl der Bub erst sieben ist, macht er sich Gedanken über Politik. Zu Hause reden die Eltern über ihre Ängste, und seine jüdische Schule in Manhattan achtet seit jeher besonders auf Sicherheit.

Die ersten 24 Stunden Trump

Shaun King, ein Journalist, der für die "New York Daily News" über Straf- und Zivilrecht schreibt, hat am Donnerstag begonnen, Berichte über Belästigungen und Hassverbrechen auf Twitter zu posten. "Ich habe heute ungefähr 100 solcher Nachrichten bekommen. Kinder, teilweise noch im Kindergartenalter, werden belästigt, und ihnen wird gesagt, dass sie abgeschoben werden", schrieb King. In einem kurzen Video sind Schüler in Pennsylvania zu sehen, die Trump-Plakate tragen und "White Power" rufen.

Auf der Twitter-Seite "Day 1 In Trump's America" sammelt der Journalist Insanul Ahmed auch andere Beispiele "rassistischer Episoden", die sich seit der Wahl am Dienstag ereignet haben. Die gesammelten Tweets beschreiben Alltagsrassismen oder Angriffe auf Angehörige von Minderheiten. Es ist nicht möglich zu überprüfen, ob jeder dieser Übergriffe und jede Anfeindung tatsächlich passiert ist. Aber dass diese Seite sehr viel Zuspruch findet und in den sozialen Medien oft geteilt und diskutiert wird, erzählt viel über die aktuelle Stimmung in einem Teil der Gesellschaft nach Trumps Wahlsieg.

Trump als schlechtes Beispiel

Natürlich sind nicht alle Kinder von solchen Episoden getroffen. Aber auch für andere Eltern, die nicht unbedingt um ihre Sicherheit fürchten, war Trumps Sieg am Dienstag schwer zu erklären. Wie erklärt man seinem Kind, dass man auf die Rechte von Frauen und Minderheiten und Gegnern achten soll, wenn der neue Präsident nur das Gegenteil davon gemacht hat?

In einem "Huffington Post"-Artikel fragt die Lehrerin Ali Michael: "Was sagen wir den Kindern?" Ein Teil ihrer Antwort: "Sagen Sie ihnen, Bigotterie ist kein demokratischer Wert, und dass es an ihrer Schule nicht geduldet wird."

Eine andere Freundin sagte mir, sie wäre glücklich, dass ihre eineinhalbjährige Tochter noch zu jung sei, um es ihr erklären zu müssen. "Aber ich bin für sie erschüttert", erklärte sie. "Ich war sehr aufgeregt, dass sie in einer Welt aufwachsen würde, in der sie immer glauben konnte, dass sie Präsidentin werden könnte. Stattdessen lautet die Botschaft jetzt: Du kannst die qualifiziertesten Frau im Raum sein, und ein großer Rüpel wird dich immer noch schlagen." (Stephanie Russell-Kraft, 11.11.2016)

  • Schüler der Berkeley High School in Kalifornien trauern am 9. November nach den Wahlsieg von Donald Trump.
    foto: reuters/elijah nouvelage

    Schüler der Berkeley High School in Kalifornien trauern am 9. November nach den Wahlsieg von Donald Trump.

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