Ian Kaler: Anbruch der Anachronismen

11. November 2016, 15:02
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Das Tanzquartier Wien zeigt die Uraufführung von Kalers neuem Stück "o.T. | (Incipient Futures)"

Wien – Das hat der österreichisch-deutsche Choreograf Ian Kaler gut gemacht: In seinem neuen Stück "o.T. | (Incipient Futures)", dessen Uraufführung noch bis Samstag im Tanzquartier Wien zu sehen ist, zeigt er, wie sich die Zeit aufhebt. Wie also eine Mehrzahl von Zukünften einsetzt, die eigentlich schon passé sind. Das ist ein wenig hart, aber auch ein bisserl fröhlich und es passt auf jeden Fall bestens in die Gegenwart. Oder, besser gesagt, in das, was wir für unser Heute halten.

Dieses Stück zeigt sich als sechsteiliges Tanzduett des Choreografen mit dem französischen Tänzer Stéphane "Peeps" Moun innerhalb einer kleinen Arena, in der auch das Publikum sitzt. Die Außenwand dieser Areana ist mit bunt bedrucktem Stoff bespannt, auf dem in Visual-Ästhetik grafisch mit dem englischen Wort "If" gespielt wird. Etwas Intimes, sehr nett. Wenn Kaler und Moun anfangs in silbrigen Jacken auftreten, deren Kapuzen sie so weit über die Köpfe gezogen haben, dass ihre Gesichter darunter verschwinden, dann deutet das zwar in Richtung Science Fiction. Aber Silbergewand als Zeichen für Zukunftsvisionen ist natürlich total retro.

Retro zur x-ten Potenz ...

Die beiden tanzen ein zartfühlendes Duett, in dem sie einander sehr nahe kommen. Und die Musik von Jam Rostron klingt besinnlich. Das hat Pathos – aber Kaler schüttelt’s kurz in seiner Jacke, als ob er lachen müsste. Im letzten Teil gibt es kurz Steptanz zu genießen, was richtig lustig daherkommt, weil so ganz anders als alle eher schweren Arbeiten, die der in Deutschland gerade sehr angesagte Choreograf bisher gezeigt hat. Und Step, wie ihn Moun beeindruckend hinlegt, ist retro zur x-ten Potenz. Noch mehr auf jeden Fall als der angedeutete Breakdance, Kalers Eighties-Schneckerlfrisur und das Theaterrauch imitierende Babypuder, mit dem im fünften Teil herumgestaubt wird.

Es ist, als hätte sich Ian Kaler mit dem im Frühjahr bei Merve erschienenen Philosophie-Bändchen "Der Zeitkomplex – Postcontemporary" von Armen Avanessian und Suhail Malik herumgespielt. Darin geht es um den Verlust der Gegenwart durch eine ständige Vorwegnahme der Zukunft unter den Vorzeichen aller möglichen "Post"-Ismen.

Noch dazu fließt eine postkoloniale Perspektive ein: Die Art der Präsenz des expressiv tanzenden Stéphane Moun, dessen Familie aus Kamerun stammt, unterstreicht bei "o.T. | (Incipient Futures)" ein neues Verständnis von Zeitgenossenschaft. Darin wird nicht mehr von einer westlichen Kulturschickeria vorgemacht, was überall als heiß und heutig zu gelten hat: Dekolonisierung macht auch vor der Kunst nicht halt.

... und geradezu visionär

In jener Clubkultur, die Kalers Arbeit bisher geprägt hat und auch dieses Stück trägt, ist die gute Utopie schon angekommen, während sich draußen vor den Clubs etwas ganz anderes aufgebaut hat. Etwas, das bereits seit längerer Zeit relativ ungehindert aus der Vergangenheit herbeistürmt und gar nicht gut sein will. Sondern nur künftig. In der "immer wieder umgestürzten Zeit" (Zitat aus dem Programmheft) dieser Arbeit bleibt dieses Ungute ausgespart.

Gerade das macht "o.T. | (Incipient Futures)" aber interessant: Das philosophische Ansinnen ist schlüssig, aber in Relation zur aktuellen gesellschaftlichen Dynamik wirkt dieses Stück beinahe visionär – indem es eine Ära des Unzeitgemäßen und des Anachronismus ankündigt. (Helmut Ploebst, 11.11.2016)

Tanzquartier Wien, Halle G, 11. und 12. November, 19.30 Uhr

  • Ian Kalers neues Stück "o.T. | (Incipient Futures)" im Tanzquartier.
    foto: eva würdinger

    Ian Kalers neues Stück "o.T. | (Incipient Futures)" im Tanzquartier.

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