Experten: Universitäten nach Bologna-Reform im "Bildungsnotstand"

11. November 2016, 10:49
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Band stellt die mittelalterlichen Universitäten dem Stand nach der Bologna-Reform von 1999 gegenüber – Kritik an Orientierung an betriebswirtschaftlichen Paradigmen

Wien – Entkoppelung von Lehre und Forschung, "Beschäftigungsfähigkeit" als Studien-Hauptzweck und Selbstbeschneidung der akademischen Freiheit – es ist ein düsteres Bild, das viele Beiträge bei der Tagung "Die europäische Universität" an der Uni Klagenfurt 2015 zeichneten, die nun als Sammelband erschienen sind. Didaktiker Roland Fischer attestiert darin einen "Bildungsnotstand" der (Bildungs-)Eliten.

In über 20 Beiträgen widmen sich in der Textsammlung "Universität nach Bologna? Hochschulkonzeptionen zwischen Kritik und Utopie" Forscher von Universitäten aus Österreich, Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden der Hochschulentwicklung in Europa, den USA und dem Fernen Osten sowie den mittelalterlichen Universitäten in Bologna, Paris und Oxford. Ein Gutteil des Bandes widmet sich den Entwicklungen nach der 1999 beschlossenen Bologna-Reform, die, so Herausgeber Paul Kellermann, ganz dem Zeitgeist entsprechend betriebswirtschaftliche Paradigmen in das System brachte.

Kein Wertediskurs

Geht es nach Fischer (Uni Klagenfurt), versagen die Unis zunehmend bei der Aufgabe, umfassende Bildung samt übergreifendem Prinzipin- und Wertediskurs zu vermitteln. Stattdessen dominiere eine "kleinteilige, verwertungsorientierte, von einer Markt-analog organisierten Begutachtungsmaschinerie gesteuerte Forschungsindustrie". Vieles, was man für umfassende Bildung bräuchte, hat laut Fischer an den Unis nur geringen Stellenwert: Forschung sei nicht mehr von bildungsrelevanten Fragen bestimmt, über das jeweils Fachliche hinausgehende Bildung sei nur ein Nebenprodukt auf abstrakter Ebene und der Diskurs und Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft komme zu kurz. Wegen ihrer Abhängigkeit von Forschungsförderungsagenturen seien Unis außerdem nicht mehr in der Lage, wissenschafts- und bildungsstrategisch zu handeln: Wer keine Nachteile für die Karriere haben wolle, werde zu konformem Verhalten gezwungen.

Auch Soziologe Manfred Prisching (Uni Graz) sieht an den Unis immer mehr "akademische Sachbearbeiter/innen", "von denen die meisten mit Bildung kaum zu tun haben". Statt das Bildungspotenzial der Gesellschaft zu vermehren, werde immer weiter spezialisiertes Wissen und damit "Fachmenschentum" (Max Weber) generiert. "Die Universität ist 'bildungsallergisch' geworden", fasst Prisching zusammen und übt gleichzeitig Kritik an der Massenuniversität. Es sei nun einmal nicht jeder Mensch für alles ausbildbar. Durch eine "Massenausbildungsverpflichtung" würden aber "die letzten Reste dessen, was Universität ist, beseitigt". Die Akademisierung immer weiterer Bereiche führe außerdem dazu, dass Abschlüsse ihren Wert verlieren und erst recht "Herkunft und Habitus" über gesellschaftlichen Aufstieg entscheiden.

Unabhängigkeit unter Beschuss

Kommunikationswissenschafter Matthias Wieser (Uni Klagenfurt) sieht gar die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre unter Beschuss. Neues Leitbild sei die "Universität als Unternehmen", die immer mehr Mittel über Wettbewerb statt Grundfinanzierung erhält. Angewandte- anstelle der Grundlagenforschung werde zum Kerngeschäft der Unis, samt Orientierung an kurzfristigen Projekten und prekären Arbeitsbedingungen.

Die starke Orientierung an Zitationsindices, Drittmittelquoten oder Prüfungsaktivität der Studierenden führe dazu, dass es anstelle der Sache zunehmend um Wahrnehmung und Sichtbarkeit gehe. Folge dieser Vermessung: Weniger Zeit für die Forschung, weil der Aufwand für Bürokratie steigt. Gleichzeitig führe das Schielen auf Impact-Faktoren und A-Journals zur "Selbstkastration einer kritischen Intelligenz": "Aus Wissenschaft aus Berufung, Faszination und Leidenschaft wird Wissenschaft als Beruf mit strategischen Marktkalkülen, welches Thema Gelder und Publikationsplätze verspricht."

Dominanz des Managements

Kurt Kotrschal (Uni Wien) beklagt in seinem Beitrag ebenfalls die Ökonomisierung und Dominanz des Managements, als deren Folge die Unis öffentlichkeitswirksame Vermarktung der Mitarbeiter mehr zu interessieren scheine als die eigentliche Qualität von Wissenschaft und Forschung. Der im Sammelband-Titel thematisierte Bologna-Prozess, der vor allem verbesserte Durchlässigkeit der Studien europaweit bringen sollte, ist aus Kotrschals Sicht von den Unis "gründlich missverstanden und pervertiert" worden: Die Regelstudiengänge seien überladen, die Prüfungspraxis sei überbordend, die Durchlässigkeit bei den Studien sogar zurückgegangen und Stil und Denke der Unis hätten sich an jene der Wirtschaft angeglichen. Dazu komme eine "Verfachhochschulisierung" der Unis mit einer zunehmenden Trennung von Forschung und Lehre, die auf Kosten der akademischen Freiheit gehe. (APA, 11.11.2016)

  • Die Unis würden zunehmend bei der Aufgabe versagen, umfassende Bildung samt übergreifendem Prinzipin- und Wertediskurs zu vermitteln, sagen Experten.
    foto: apa/dpa/strobel

    Die Unis würden zunehmend bei der Aufgabe versagen, umfassende Bildung samt übergreifendem Prinzipin- und Wertediskurs zu vermitteln, sagen Experten.

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