Wiener Forscher: Schmerzen sind keine reine Nervensache

11. November 2016, 09:00
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Gliazellen verstärken Schmerzen und tragen sie in Körperregionen, die von Schädigungen und Schmerzreizen ursprünglich gar nicht betroffen waren

Wien – Wenn man sich tief in den Finger schneidet, schmerzt zunächst bloß die Wunde, bald kann aber die ganze Hand weh tun. Daran sind nicht Nervenzellen schuld, sondern sogenannte Gliazellen, die diese umhüllen, stützen und mit Stoffen versorgen. Sie verstärken den Schmerz und tragen ihn in Körperteile, die gar nicht geschädigt sind, berichten Wiener Forscher aktuell im Fachmagazin "Science".

Bisher hat man angenommen, dass Schmerzen eine reine Nervensache sind, erklärte Jürgen Sandkühler von der Medizinischen Universität Wien. Bei einer Entzündung oder Verletzung leiten Nervenbahnen eine Erregung an das Rückenmark und von dort an das Gehirn, wo der Sinneseindruck "Schmerz" entsteht. "Bei der Kommunikation zwischen Nervenzellen besteht aber eine hohe räumliche Präzision", so Sandkühler. Damit sei also nur der Schmerz genau an der betroffenen Stelle zu erklären.

Reiz-Netzwerk

Mit Kollegen hat er nun herausgefunden, dass nicht zu den Nervenzellen zählende Zellen die körperliche Pein verstärken und ausweiten. Diese Gliazellen umgeben die Nervenzellen, unterstützen ihren Stoffwechsel und sorgen dafür, dass das Nervensystem in Ordnung bleibt. Sie werden durch Botenstoffe der Nervenzellen (Neurotransmitter) wie Glutamat und Adenosintriphosphat (ATP) aktiviert. Daraufhin setzen sie selbst Botenstoffe frei, die entzündungsfördernd sind und andere Gliazellen auf den Plan rufen.

Die Gliazellen bilden ein Netzwerk, in dem eine jeweils ihre Nachbarn aktiviert, so Sandkühler. Am Ende reizen sie wiederum die Nervenzellen, die das Signal ins Gehirn weiterleiten. Auf diese Art können sie den Schmerz verstärken und sorgen dafür, dass er sich in Körpergegenden ausbreitet, die vom Auslöser gar nicht betroffen waren.

Gegenmaßnahme: Gesunde Lebensweise

Wie stark die Gliazellen aktiviert werden, hat man aber zum Teil selbst in der Hand, so der Forscher. Es ist bekannt, dass etwa Angststörungen, Depressionen und Diabetes Entzündungen im Rückenmark und Gehirn (Neuroinflammation) fördern, aber auch chronischer Stress, Übergewicht, Bewegungsmangel, Alkohol und ungesunde Ernährung. "Jede Woche drei bis viermal eine halbe Stunde Sport und gesundes Essen sorgen dafür, dass solche Prozesse nicht oder in geringerem Ausmaß stattfinden", sagte Sandkühler. Mit einer gesundheitsbewussten Lebensweise könnten viele Schmerzen verhindert werden.

Die neuen Erkenntnisse erklären auch, wieso viele entzündungshemmende Substanzen schmerzlindernd sind, etwa Aspirin und Ibuprofen. Sowohl im Gehirn und Rückenmark als auch dem Rest des Körpers könnten sie in vielen Fällen Entzündungen dämpfen und damit die schmerzfördernde Wirkung der Gliazellen einschränken. (APA, 11. 11. 2016)

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