Ursachenforschung nach der bitteren Niederlage der Demokraten

10. November 2016, 19:19
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Die Demokraten suchen nach den Gründen für die Niederlage gegen Donald Trump – das wird ein schmerzvoller Prozess mit Konfliktpotenzial

Worte der Kritik an Hillary Clinton hat sich Elizabeth Warren lange verkniffen. Im Wahlgefecht kam für sie nichts anderes infrage, als die Reihen zu schließen, um den Einzug Donald Trumps ins Weiße Haus zu verhindern. Ergo hat sich die Senatorin aus Massachusetts aufgerieben, mehr als einmal ist sie gemeinsam mit der Kandidatin auf Wahlkampfbühnen gestanden, hat sich die Kehle heiser geschrien, um gegen den populistischen Unternehmer zu polemisieren. Obwohl Warren den linken Flügel der Demokratischen Partei repräsentiert, während Clinton für den zentristischen steht, schien es für ein paar Wochen so, als passte kein Blatt zwischen die beiden. Das wird sich ändern.

Die Harvard-Juristin, die lange vor der Finanzkrise die Casino-Mentalität der Wall-Street-Banken kritisierte, könnte eine entscheidende Rolle spielen, wenn die Demokraten nach der schockierenden Niederlage einen Neuanfang suchen. Womöglich führt Warren den Dirigentenstab im Duett mit Bernie Sanders, Clintons härtestem Rivalen im Ringen um die Kandidatur.

Die Partei steht vor einem Scherbenhaufen. Nicht nur dass sie das Weiße Haus nach acht Jahren an die Republikaner verlor; auch im Kongress bleibt sie in beiden Kammern in der Minderheit. In den 50 Bundesstaaten stellt sie nur noch 15 Gouverneure, halb so viele wie nach Barack Obamas Triumph im Herbst 2008. Und schließlich zeichnet sich auch am Supreme Court eine konservative Mehrheit ab.

Wirkt der eklatante Machtverlust zunächst wie ein Schock, wird er schon bald zu einer intensiven Strategiedebatte in den Reihen der Demokraten führen. Es werde, orakelt Joe Trippi, einer der alten Hasen unter den Politikberatern Washingtons, ein mit aller Härte geführter Richtungsstreit entbrennen. Auf lange Sicht sei das gesund für eine Partei, die ihre Seele finden müsse, aber in den nächsten Jahren werde es schmerzhaft sein, sagt Trippi.

Im Kern geht es darum, Lehren zu ziehen aus dem Umstand, dass es einem Milliardär aus Manhattan gelungen ist, sich zum Sprecher der kleinen Leute in der Provinz zu machen; zum Champion von Leuten, die ihre Interessen traditionell eher von den Demokraten vertreten sahen, nicht von den Republikanern.

Was sich daran geändert hat, dazu hat der Politikwissenschafter Thomas Frank ein kluges Buch geschrieben: "Listen, Liberal". Aus Sicht der demokratischen Prominenz, doziert er darin, sei jedes große ökonomische Problem in Wahrheit ein Bildungsproblem: Die Verlierer hätten zu lernen versäumt, was man in der Gesellschaft der Zukunft brauche. Wollten die Armen einen Weg aus der Armut finden, müssten sie nach dieser Logik eben auf ein College gehen. "Aber natürlich ist das keine Antwort, vielmehr ist es ein moralisches Urteil – herabgereicht von den Erfolgreichen vom schönen Aussichtspunkt ihres eigenen Erfolges", schreibt Frank. Wann immer die "Klasse der Qualifizierten" dem Milieu der Benachteiligten sage, dass es mehr Bildung brauche, sage sie im Grunde nur: Die wachsende soziale Ungleichheit sei kein Systemversagen, "sie ist euer eigenes Versagen".

"Selbsternannte Rockstars"

Ähnlich sieht es Michael Gecan, Kodirektor der Industrial Areas Foundation, eines Netzwerks lokaler Sozialarbeiter und Glaubensgruppen. Die Demokratische Partei, spitzt er es in einem Essay zu, werde mittlerweile von Wall Street und Silicon Valley, der Banken- und Hightech-Elite und ihren akademischen Fürsprechern beherrscht. Ihre Helden seien Finanzgurus, Computerkünstler, Sportler, kurzum, "selbsternannte Rockstars". "Wenn sie wieder relevant werden will, muss sie sich der großen Mehrheit von Amerikanern verschreiben, die keine Rockstars sind", rät Gecan.

Noch im Juni, als das Rennen um die Kandidatur zu Clintons Gunsten eigentlich gelaufen war, hatten Sanders' treueste Anhänger gehofft, das Blatt auf dem Nominierungsparteitag im Juli noch handstreichartig wenden zu können. Ihr Argument: Bei einem Kräftemessen mit Trump habe der Senator aus Vermont bessere Chancen als Clinton, weil er sich – ähnlich wie Trump, aber im Ton anständiger, in der Sache konkreter – der Sorgen der wirtschaftlich Abgehängten annehme. Auch der Streit des Sommers, so viel scheint sicher, wird noch einmal in voller Schärfe aufleben. (Frank Herrmann aus Washington, 10.11.2016)

  • Abgang einer Gescheiterten: Hillary Clinton.
    foto: apa/afp/jewel samad

    Abgang einer Gescheiterten: Hillary Clinton.

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