Gipfeltreffen in Lower Manhattan

10. November 2016, 16:22
138 Postings

Magnus Carlsen (25) und Sergej Karjakin (26) spielen ab Freitag in New York um den Titel Schachweltmeister. Der Russe kennt den Titelverteidiger wie kein Zweiter

New York / Wien – Wer erschöpft ist von der US-Wahl, vom Rauschen der Nachrichten und den kreischenden Stimmen des Triumphs und der Trauer, findet Zuflucht im 19. Stock eines Hotels in der Rivington Street in Lower Manhattan. Ein stiller Ort mit großartigem Blick durch eine Glasfront über ganz New York. Erstaunliches ist bzw. war von hier aus bis vor kurzem zu sehen: im Norden etwa eine fünf Meter hohe Leninstatue, die seit 1989 am Dach eines Appartementhauses an der Houston Street aufgestellt war. Sie wurde Ende September vom neuen Eigentümer entfernt.

Richtung Westen sieht man über die Brücke nach Williamsburg, wo neuerdings Hipster, denen Greenpoint zu teuer wurde, ganze Straßenzüge des traditionell orthodox-jüdischen Viertels für sich beanspruchen. Im Süden fällt der Blick auf die Brooklyn Bridge und ihre wüste Geschichte, den jahrelangen Kampf um den Bau und den täglichen Kampf ums Überleben der Boomer, der Stahlarbeiter, die diese Brücke errichtet haben. Der große Gay Talese hat ihre Geschichte 1961 in Fame and Obscurity erzählt.

Gleich unterhalb der Brooklyn Bridge direkt gegenüber von Brooklyn Heights gibt es am East River einen anderen, ganz und gar postindustriellen Kampf zu sehen. Im Seaport-Komplex beginnt am Freitag die Schachweltmeisterschaft zwischen Titelverteidiger Magnus Carlsen aus Norwegen und Herausforderer Sergej Karjakin aus Russland. Gespielt wird, wie bereits Tradition, über zwölf Partien, es gewinnt, wer 6.5 Punkte erreicht. Bei Gleichstand gibt es ein Tie-Break mit Schnellpartien bis zur Entscheidung.

Favorit ist klarerweise der 25-jährige Carlsen. Mit einer Ratingzahl von über 2850 Punkten liegt er klar vor Karjakin, er hat trotz seiner Jugend enorme Matcherfahrung. Doch galten beide Kontrahenten als Wunderkinder, parallel wie zwei Züge, die zeitgleich den Bahnhof verlassen, starteten sie in ihre Karrieren. Karjakin erreichte den Großmeistertitel sogar etwas früher als Carlsen (mit zwölf Jahren und sieben Monaten), doch Carlsens Weg führte weiter. Im November 2013 wurde der Norweger Weltmeister, er entschied das Zwölf-Partien-Match in Chennai gegen den Inder Viswanathan Anand vorzeitig. Carlsen lag nach zehn Partien uneinholbar mit 6.5 zu 3.5 Punkten voran.

Ein Jahr danach verteidigte er seinen Titel wieder gegen Anand mit 6.5 zu 4.5 Punkten. Ein ähnlich deutliches Ergebnis wird nun von Experten gegen Karjakin erwartet. Trainiert wird Carlsen vom ehemaligen norwegischen Fußballprofi und Teamspieler Simen Agdestein. Agdestein ist freilich auch Schachgroßmeister.

Nervenstark

Sowohl Carlsen als auch Karjakin bereiteten sich intensiv auf die Begegnung vor. Was für Karjakin spricht? Er ist ebenso nervenstark wie Carlsen, kennt ihn wie kein Zweiter, und er hat nicht das Geringste zu verlieren. Allerdings wäre es eine der größten Sensationen im modernen Schach, würde der aus der Ukraine stammende, um elf Monate ältere Herausforderer gewinnen.

Natürlich wird – es ist New York – das "Event" glänzend vermarktet. Der Preis für den Turnierpass liegt zwischen 350 und 3000 Dollar, es gibt VIP-Lounges, Direktübertragungen im Internet mit 360-Grad-Panorama-View und Virtual-Reality-Brillen, als ob Schach für sich nicht schon virtuelle Realität genug wäre. Alles erscheint hier neu und großartig, und man fragt sich, ob man vielleicht Gay Talese, der schon glänzende Reportagen über Joe Louis, Joe Di Maggio und die chinesische Fußballerin Liu Ying geschrieben hat, um einen Kommentar bitten könnte. Taleses liebste Recherchemethode war bekanntlich "the fine art of hanging around". Kein schlechter Zugang zu einer Schach-WM nach der Wahl. (ruf & ehn, 11.11.2016)

  • Herausforderer Karjakin (links) war früher als Carlsen Großmeister, doch Carlsens Weg führte weiter.
    foto: reuters/west

    Herausforderer Karjakin (links) war früher als Carlsen Großmeister, doch Carlsens Weg führte weiter.

Share if you care.