Zugunglück in Bayern: Fahrdienstleiter räumt Handyspielen ein

10. November 2016, 17:17
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Der Prozess um das Zugunglück in Bad Aibling begann mit einem Geständnis

Traunstein/Berlin – "Ich weiß, dass ich da am 9. Februar mir große Schuld aufgeladen habe. Ich möchte Ihnen sagen, dass ich in Gedanken bei Ihnen bin." Mit diesen Worten hat sich am Donnerstag der ehemalige Fahrdienstleiter Michael P. im Landgericht Traunstein (Bayern) an Verletzte und Hinterbliebene jenes verheerenden Zugunglücks gewandt, das er ausgelöst haben soll.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 40-Jährigen fahrlässige Tötung von zwölf Menschen und fahrlässige Körperverletzung von 89 Fahrgästen vor. Am Faschingsdienstag dieses Jahres waren in Bayern in der Nähe von Rosenheim, zwischen den Bahnhöfen Kolbermoor und Bad Aibling, auf der eingleisigen Bahnstrecke zwei Regionalzüge frontal zusammengestoßen.

Ist auf der eingleisigen Strecke ein Zug unterwegs, muss der Gegenzug normalerweise im nächstgelegenen Bahnhof warten. Die Strecke ist mit einem PZB-90-System (Punkt-Zugsicherungs-Beeinflussungssystem) gesichert, welches Züge automatisch abbremst, wenn sie sich unberechtigt in einem Abschnitt aufhalten.

Falscher Knopf für Warnung

Doch die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Fahrdienstleiter P. das automatische System deaktivierte, um schnell noch einen verspäteten Güterzug auf die Strecke zu schicken.

Zwar soll P., als er im Stellwerk in Bad Aibling seinen Irrtum bemerkte, noch versucht haben, die Lokführer zu warnen. "Achtung Betriebsgefahr zwischen Kolbermoor und Bad Aibling, Züge sofort anhalten", lautete die Warnung.

Doch er erwischte den falschen Knopf, sodass der Alarm in den Zügen nicht ankam. Die Lokführer konnten die beiden aufeinander zu rasenden Züge nicht sehen, da die Strecke an dieser Stelle kurvig und unübersichtlich ist.

Der Fahrdienstleiter geriet schon kurz nach dem Zusammenprall ins Visier der Ermittler, blieb aber nach einer ersten Befragung auf freiem Fuß. Doch als im Zuge der Ermittlungen seine Handydaten ausgelesen wurden, kam er in U-Haft. Er soll bis kurz vor dem Crash das Fantasy-Spiel "Dungeon Hunter 5", bei dem man Dämonen tötet, gespielt haben. Laut Staatsanwaltschaft rekrutierte er um 6 Uhr 38 noch einen "Krieger" für das Spiel. Sechs Minuten später setzte er den Notruf ab.

Frage nach Spielsucht

Am ersten Prozesstag gestand P., dass er verbotenerweise mit seinem Handy beschäftigt und dadurch abgelenkt war. Die Frage des Gerichts nach seinen Spielgewohnheiten und einer möglichen Spielsucht beantwortete er nicht. Ein Ermittler sagte aber aus, P. habe sein Handy verbotenerweise oft im Dienst benutzt: "Er hat nahezu jedes Mal gespielt." Man habe sehr viele Übereinstimmungen von Dienstzeiten und Handynutzung gefunden.

P. ließ durch seine beiden Münchner Verteidiger Ulrike Thole und Thilo Pfordte erklären, er räume sämtliche Dienstvergehen ein. So hätte er die Durchfahrt der Züge nicht genehmigen und auch nicht mit dem Handy spielen dürfen. Auch sei ihm bewusst, dass er den Notruf falsch betätigt habe. Allerdings müsse nun vom Gericht geklärt werden, ob diese Vergehen tatsächlich die Ursache für den Unfall gewesen sei.

Einen technischen Defekt der Züge und der Signalanlage haben Gutachter ausgeschlossen. P. war am Unglückstag – wie Tests ergeben haben – auch nicht alkoholisiert. Anwalt Peter Dürr, der Hinterbliebene als Nebenkläger vertritt, erklärt, viele von ihnen hätten keine Wut auf den Fahrdienstleiter, der als sehr erfahren gilt.

Die meisten wollten "einfach Aufklärung, wie es zu dem Unglück kam, oder wollen sicherstellen, dass so etwas nicht mehr passieren kann." Es sei auch "unverständlich", dass Technik einen derartigen Zusammenprall nicht verhindern könne. Das Urteil fällt am 5. Dezember, P. drohen bis zu fünf Jahre Haft. (bau, 10.11.2016)

  • Das Zugunglück vom Faschingsdienstag war eines der schwersten in der Geschichte Bayerns. Zwölf Menschen starben dabei.
    foto: ap photo/matthias schrader, file

    Das Zugunglück vom Faschingsdienstag war eines der schwersten in der Geschichte Bayerns. Zwölf Menschen starben dabei.

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