Konstruktiver Journalismus ist mehr als Cat-Content

10. November 2016, 18:00
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Lösungsansätze und Mut zur Eigeninitiative fördern eine neue Art im Journalismus, an Geschichten heranzugehen

"Only bad news are good news" ist eine alte Faustregel im Journalismus. Ob sie ausgedient hat, diskutierten Expertinnen beim Journalistinnenkongress 2016 in Wien. Die Journalistin Barbara Krennmayr und die Medienwissenschafterin Julia Wippesberg (APA-Campus, Universität Wien) befragten unter der Leitung der Journalistin und Autorin Susanne Wolf die Fähigkeiten des konstruktiven Journalismus. "Die Welt mit beiden Augen sehen – oder wie geht konstruktiver Journalismus?" war der Titel der Veranstaltung.

Geprägt hat den Begriff der dänische Journalist Ulrik Haagerup, der 2015 auch ein Buch zum Thema vorlegte: "Constructive News". "Konstruktiver Journalismus bedeutet nicht, die Welt durch eine rosarote Brille zu sehen oder sich ausschließlich auf positive Nachrichten zu konzentrieren. Unangenehme Themen sollen nicht ausgeblendet, sondern in einen größeren Zusammenhang gestellt werden. Der konstruktive Journalismus will zu Eigeninitiative anregen und mögliche Lösungen zeigen", so Wolf.

Eigeninitiative und Lösungen

Das in einer Zeit, in der sich Medien "krankhaft auf Negatives stürzten". "Viele Menschen sind davon frustriert", beschrieb die Journalistin Sonja Bettel den Status quo. Statt "gezielt nach Grauslichkeiten zu suchen", wäre es angebracht, auf Lösungsansätze zu fokussieren. Sie brachte das Beispiel des "Global Peacebuilder Summit 2016" in Berlin, der es sich zum Ziel gesetzt habe, ganz normale Menschen, die sich in ihrem Lebenskontext um Frieden bemühen, zu porträtieren.

"Begeben wir uns als Journalistinnen damit nicht in Gefahr, in den Geschmack von PR zu kommen?", lautete die Frage einer Diskutantin. Wie positiv dürfe die Berichterstattung sein, um noch glaubhaft zu bleiben? "Konstruktiv" sei eben nicht gleich "positiv", so Bettel. Ihr ginge es darum, zu einem aufgezeigten Problem Lösungsansätze mitzuliefern. Aber geht das in allen Formaten? Je "newslastiger", desto schwieriger, so der Tenor. In Kürzestbeiträgen in der "ZiB" zum Beispiel, sei es schwer, neben den Facts auch noch Lösungen mitzuliefern. Das ist insofern interessant, als Haagerup selbst Nachrichtenchef des öffentlich-rechtlichen dänischen Rundfunks ist.

Kritikerinnenbrille der Journalistinnen

Fängt es also doch schon bei der Auswahl der Themen an? Wie in der "tagesaktuellen Lawine der Nachrichten" gewichten? JournalistInnen betrachteten die Welt mit einer "Kritikerinnenbrille, sähen mehr die Fehler als die Erfolge. Ein Beispiel aus dem Südsudan brachte Marianne Fobel, Pressesprecherin von Licht für die Welt: Neben Krieg und Vertreibung gebe es dort jetzt auch ein neues inklusives Bildungsprogramm, das für hunderttausende Kinder mit Behinderungen Verbesserungen bringen werde.

Aber ist es die Aufgabe des Journalismus, Hoffnung zu machen oder für gute Laune zu sorgen? Da gingen die Meinungen auseinander. Schließlich sei auch Cat-Content positiv, es gebe eben Nachrichten- und Unterhaltungsformate. Für eine "Neudefinition der Nachrichtenwerte" sprach sich in diesem Zusammenhang Katharina Ramchen vom Forum Journalismus und Medien (Fjum) aus.

Halb voll oder halb leer?

Einig waren sich die Diskutantinnen über die Verantwortung des Journalismus: Sie sei nach wie vor groß, auch wenn das Alleinstellungsmerkmal des "Gatekeeping" durch die sozialen Medien verlorengegangen sei. Letztendlich sei es mit dem konstruktiven Journalismus wie mit dem sprichwörtlichen Glas Wasser: Ob halb voll oder halb leer, liege im Auge der Betrachterin. (Tanja Paar, 10.11.2016)

Info

Am 2. Dezember gibt es in den Niederlanden den ersten internationalen Kongress zum Thema "Constructive Journalism".

Link

constructivenews.eu

  • Ob es die Aufgabe des Journalismus sei, Hoffnung zu machen oder für gute Laune zu sorgen, wurde beim Journalistinnenkongress 2016 debattiert.
    foto: dpa-zentralbild/patrick pleul

    Ob es die Aufgabe des Journalismus sei, Hoffnung zu machen oder für gute Laune zu sorgen, wurde beim Journalistinnenkongress 2016 debattiert.

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