Skifahren ist Therapie für trauernden Hargin

10. November 2016, 09:42
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Schwede verlor im Sommer Ehefrau Matilda nach Lawinen-Unglück – Vor Weltcup-Einstieg in Levi: "Ergebnisse nicht so wichtig" – Stiftung und Lahnsteiner-Film würdigen verunglückte Rapaport

Stockholm/Wien/Levi – Noch immer in tiefer Trauer um seine Ehefrau geht Mattias Hargin kommenden Sonntag beim ersten Saison-Slalom in Levi an den Start. Der schwedische Kitzbühel-Sieger von 2015 hat vergangenen Juli seine frisch angetraute Frau, die Freeski-Fahrerin Matilda Rapaport, bei einem Lawinenunglück in Chile verloren. Ergebnisse sind bei Slalom-Spezialist Hargin deshalb vorerst Nebensache.

Denn nach dem tragischen Unfall seiner Frau, die wenige Monate nach der Hochzeit bei Dreharbeiten für einen Promotion-Film unter eine Lawine gekommen war, hatte der 31-jährige Hargin auch mit einem Karriere-Ende spekuliert. Zu traumatisch sei das Erlebte gewesen, erinnert sich Hargin an den "Albtraum" vom Sommer. Nach der Lawinenbergung lag seine Frau in kritischem Zustand im Krankenhaus von Santiago de Chile, ehe sie nach einigen Tagen im Koma verstarb.

"Es war Chaos und ein Riesen-Schock", versuchte sich Hargin unlängst beim schwedischen Medientag an die Gefühle von damals zu erinnern. Zuvor hatte er in seinem Blog einen berührenden Liebesbrief an seine erst im Frühjahr im schweizerischen Engelberg geehelichte Frau geschrieben. Versehen mit der Bitte, nicht öffentlich daraus zu zitieren.

"Es ist richtig, weiterzufahren"

Hargin war unmittelbar nach der Unfall-Nachricht mit Rapaports Mutter nach Chile geflogen und hatte noch einige Tage an der Seite Matildas verbracht, ehe sie starb. "Es war eine schwierige Situation. Aber es war wichtig, dort und mit ihr zu sein, bevor Matilda ging", erzählte der Skirennfahrer aus der Hauptstadt Stockholm. "Auch für mich wurde es dadurch möglich, alles zu verarbeiten."

Beim Trauern und Verarbeiten halfen dem bisherigen Mentalcoach-Verweigerer die Familie und Freunde sowie Cecilia Duvberg, die Mentalbetreuerin seiner Frau. "Vor allem die Bilder von der Hochzeit anzusehen, schmerzt unendlich", gestand er. Gleichzeitig kam er auch zur Erkenntnis: "Wir haben uns so viel geteilt, vor allem die Liebe zum Skifahren. Deshalb habe ich begriffen, dass es richtig ist, weiterzufahren."

Bald habe er sich deshalb auch wieder auf das Skifahren konzentriert. Nach vorne zu schauen habe verhindert, sich zu verkriechen, erzählte der Rennläufer. Der Skisport habe ihm also geholfen, wieder in so etwas wie Normalität einzutauchen. Deshalb nahm der 31-Jährige schon Ende August unter Neo-Coach Jacques Theolier am Trainings-Camp in Saas-Fee teil.

"Vermutlich nicht in Topform"

Trotzdem hat Hargin keine Vorstellung davon, wie es ihm bei seinem ersten Rennauftritt nach dem Unglück gehen wird. "Vermutlich werde ich noch nicht in Topform sein", glaubt der schwedische Atomic-Fahrer, der 2015 mit dem Kitz-Slalom sein bisher einziges Weltcuprennen gewonnen hat. In der Gamsstadt liefert er regelmäßig seine besten Resultate ab.

Er freue sich auf Levi, so Hargin. "Aber natürlich sehe ich Skifahren nun etwas anders. Das nimmt einerseits Druck, gleichzeitig werden in dieser Saison Ergebnisse nicht an erster Stelle stehen. Ich möchte wie immer so schnell wie möglich fahren. Aber wirklich interessant wird zu sehen, wie ich ein Skirennen meistern kann und mich dabei fühle. Was ich jetzt fühle ist, dass Matilda die ganze Zeit bei mir ist."

Zur Verarbeitung gehört auch die ins Leben gerufene Stiftung "MM Rapaport Hargin", dank der für mehr Bewusstsein in Sicherheitsfragen beim Freeriden gesorgt werden soll. Nur drei Monate vor dem Unfall Rapaports war bekanntlich die Schweizer Freeride-Snowboard-Weltmeisterin Estelle Balet ebenfalls bei Dreharbeiten in einer Lawine gestorben. Die Botschaft will Hargin im WM-Winter auch mit Aufklebern an seiner Trainingskleidung verbreiten. "Matilda war immer da, um anderen zu helfen."

Gewürdigt wird Rapaport auch im aktuellen Film der Österreicherin Sandra Lahnsteiner, die seit einigen Jahren mit ihrer "Shades of Winter"-Serie Ski-Filme ausschließlich mit Frauen als Darstellern dreht. In "Between" ist neben bekannten Weltcup-Läuferinnen wie Julia Mancuso auch Rapaport zu sehen. Der Premiere im Oktober in München weilte auch Hargin bei. Wenige Tage nach dem Levi-Slalom wird der Film auch in Stockholm gezeigt. (APA, 10.11.2016)


  • Mattias Hargin: "Es war Chaos und ein Riesen-Schock".
    foto: apa/afp/coffrini

    Mattias Hargin: "Es war Chaos und ein Riesen-Schock".

  • red bull

    Im Film "Between" der der Österreicherin Sandra Lahnsteiner wird auch Matilda Rapaport gewürdigt.

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