Anleger verlieren Angst vor dem "Börsenschreck"

9. November 2016, 18:01
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Der befürchtete Ausverkauf an den Börsen ist in Europa und den USA ausgeblieben. Jedoch erwarten Experten eine Phase der Unsicherheit

Wie erwartet liefen zunächst Schockwellen um die Finanzmärkte – der vielfach als "Börsenschreck" bezeichnete Donald Trump wird nächster US-Präsident. In einer ersten Reaktion ging die Tokioter Börse mit einem mehr als fünfprozentigen Minus ebenso auf Tauchfahrt wie der mexikanische Peso. Im Gegenzug standen zuerst manche sogenannte sichere Häfen bei den Investoren nach der Wahlnacht hoch im Kurs: Gold legte etwa deutlich zu, gab in weiterer Folge aber den Großteil der Gewinne wieder ab.

Denn im europäischen Handel begann sich die Stimmung nach einem anfänglichen Absacker zu drehen: Der deutsche Leitindex Dax knickte zunächst um drei Prozent ein, das Kursbarometer konnte die Verluste aber rasch wieder aufholen. Marktbeobachter führten dies auf versöhnliche Worte in der ersten Rede des designierten Präsidenten zurück, in der er einen Brückenschlag versucht habe. Und die Wall Street eröffnete am Mittwochnachmittag sogar mit leichten Zugewinnen.

Wall Street gut vorbereitet

Große Wall-Street-Banken wie Morgan Stanley, JPMorgan oder Goldman Sachs haben aus den Turbulenzen infolge der überraschenden Brexit-Entscheidung im Juni ihre Lehren gezogen und sich auf Marktturbulenzen nach der geschlagenen Wahl vorbereitet, etwa indem sie zusätzliche Handelsteams aufgeboten hatten.

Die meisten Marktteilnehmer gehen nun für die nächsten Wochen von anhaltender Unsicherheit und damit stärkeren Schwankungen an den Finanzmärkten aus, was etwa der Vermögensverwalter Deutsche Asset Management mit "der Unberechenbarkeit Trumps und seiner politische Unerfahrenheit" begründet.

2000 neue Jobs

Diese unsichere Phase sollte laut Friedrich Strasser, Vorstand der Bank Gutmann, bis Mitte 2017 dauern – schließlich gelte es nach Trumps Angelobung im Jänner zunächst mehr als 2000 Jobs neu zu besetzen. Zunächst sollte abgewartet werden, ob er dabei vermehrt auf "Fachleute oder Polemiker" zurückgreife. Was das für die Aktienmärkte bedeutet? Zunächst eine Seitwärtsbewegung, meint Strasser, denn die großen Investoren seien derzeit eher unter- denn überinvestiert. "Der Abgabedruck wird nicht allzu heftig sein."

Eine bedeutsame Frage lautet aus Strassers Sicht: "Wie lange wird Janet Yellen noch im Amt sein?" Schließlich hatte Trump die Chefin die US-Notenbank Fed im Wahlkampf mehrfach heftig attackiert, nach deren bis 2018 laufenden Amtszeit oder im Fall eines Rücktritts Yellens geht Strasser von einer Umfärbung aus. Kurzfristig dürfte zunächst die für Dezember erwartete Zinserhöhung ausbleiben. "Die Anhebung wird abgesagt. Die Fed wird nicht riskieren wollen, dass die Konjunktur weiter belastet wird", sagt Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln.

Keine Verwerfungen an der Börse

Gelassen stuft Raiffeisen-Chefanalyst Peter Brezinscheck die ökonomischen Aussichten ein, weder für die USA noch Europa müssten die Auswirkungen einer Trump-Regierung negativ sein. Dementsprechend erwartet er keine nachhaltigen Verwerfungen an der Börse, vielmehr sollte es wie nach dem Brexit-Votum eine rasche Normalisierung geben.

Unter den Branchen sollte vor allem das erwartete Programm zur Erneuerung der veralteten US-Infrastruktur den Tiefbau und Zulieferbranchen beflügeln. Zyklische Konsumwerte könnten von einer steuerlichen Entlastung des Mittelstands profitieren. Im Gegenzug mit Vorsicht zu betrachten sind Teile des Gesundheitswesens wie Spitalsbetreiber oder erneuerbare Energien aufgrund Trumps wenig klimasensiblen Aussagen.

Wahrscheinlich wird sich die Börsenweisheit "Politische Börsen haben kurze Beine" einmal mehr bewahrheiten. Soll heißen, Wachstum und Unternehmensgewinne sind wichtiger als Politiker oder Parteien, die sie erzeugen. Wie zum Beleg kam es an der Börse im chinesischen Shenzhen zu einem Kuriosum: Wisesoft sprang um sechs Prozent nach oben. Übersetzt heißt die Softwarefirma "Chuan da zhi sheng" – und das klingt in chinesischen Ohren ähnlich wie "Trump gewinnt groß". (Alexander Hahn, 9.11.2016)

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