Der Tag, an dem wir Kontakt aufnahmen

Kommentar der anderen9. November 2016, 17:06
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Ein Ereignis der dritten Art: Donald Trump wird US-Präsident – und wir erinnern uns jäh an bösartige Außerirdische aus "Mars Attacks!". Aber soll man diese Art von Scifi-Trash ernst nehmen? Nun, ja, man sollte

Die erste Wahrnehmung, mit einem kurzen Blick auf den Kalender, als Donald Trumps Triumph manifest wurde: 9/11 hat sich – zumindest nach mitteleuropäischer Zeit – verkehrt in ein bösartig feixendes 11/9. Wieder ist ein Weltgebäude eingestürzt, ein historischer Moment, ein "starkes" Bild, keine Frage, aber, so die Assoziation zum Bilderreigen dieser Wahlnacht: Folgt nicht immer, wie schon die alten Griechen sagten, auf die Tragödie das Satyrspiel?

Letztes Mahnschreiben

Vermutlich ist dieser "überraschende" (warum eigentlich?) Wahlsieg nichts anderes als ein weiteres letztes Mahnschreiben, bevor die Agenda "Der Westen und seine Verantwortung für die Welt" einem gnadenlosen Inkassobüro übergeben werden wird.

Die zweite Reaktion/Assoziation: Natürlich kennen wir den Text, der uns in dieser Nacht vorgelegt wurde, bereits; er wurde uns in diversen Hollywoodfilmen (The Manchurian Candidate) und TV-Serien (Dallas!) mehrfach variiert dargeboten. Wir hatten ihn nur nicht ernst genommen und ins Reich der "billigen" "guilty pleasures" abgetan. Uns war nicht klar, dass der Witz, bei dem wir da möglicherweise auf unsere Kosten kamen, eigentlich die traurige Option ist, für die wir alle sehr bald zahlen müssen – auch wenn der Hauptdarsteller meint, dass jetzt alle profitieren werden.

"Ich bin kein Halunke. Ich bin nur sehr ehrgeizig. Was ist denn so verwerflich daran?" So in etwa argumentiert Jack Nicholson als (wie Trump sehr schlecht frisierter) Kasinobetreiber in Tim Burtons Scifi-Trash-Satire Mars Attacks! aus dem Jahr 1996 (gute Güte, vor genau 20 Jahren ...).

Gespaltene Person

Der Witz, einer der Witze von Mars Attacks! lautet aber, dass Nicholson hier in einer Doppelrolle agiert, als Charakter, der sich in zwei Personen aufspaltet, nämlich: hier der windige Kapitalist mit Hang zu obszön billigem Bombast. Und dort: Er spielt auch den Präsidenten der Vereinigten Staaten, konfrontiert mit einer wirklich hässlichen Angriffsserie gewaltbereiter Außerirdischer, zu der ihm nicht mehr einfällt als: "Ich will, dass jeder erfährt, dass die Schulen weiterhin täglich geöffnet sind, dass der Müll täglich abgeholt wird, und: dass an jeder Straßenecke ein Polizist steht."

Mars Attacks! war, nach den Erfolgen, die Tim Burton mit den (mittlerweile "alten") Batman-Filmen feierte, ein superteurer Film, nicht zuletzt wegen einer beispiellosen Riege von Superstars, der leider ein fürchterlicher Flop wurde. Irgendwie war der Zerrspiegel, der vor allem den Amerikanern hier vorgehalten wurde, wohl zu bösartig. Unvergessen die über zwei Wochen Drehzeit realisierte Szene, in der ein Marsianer, als Busenwunder verkleidet, sich ins Weiße Haus einschleicht, dem Präsidenten im Seidenpyjama eine Gummilaserpistole an den Kopf setzt, aber: Kann man so einen Moment ernst nehmen? Spätestens seit 11/9 ahnen wir: Man sollte. Definitiv.

Nicholson und seine Doppelrolle sind natürlich ein unverhohlener Verweis auf Stanley Kubricks Dr. Strangelove (Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben). Will heißen: Selbst in ihren kühnsten, bizarrsten Fantasien war die Imaginationsfabrik der Populärkultur kaum imstande, sich das Gefährliche mit dem Dämlichen in eins zu denken, außer in multipel gespaltenen Charakteren – im Fall von Dr. Strangelove dem Komiker Peter Sellars.

Kernschmelze

Was Donald Trump "geschafft" hat, ist, diese Spaltung aufzuheben, gewissermaßen Kernschmelze zu betreiben und dafür ein wirkliches Millionenpublikum zu generieren. Mit Sellars war es lachhaft, jetzt ist es bitterer Ernst. Vielleicht darf man jetzt sagen: Auf das Satyrspiel folgt unweigerlich die Tragödie.

Und die Tragödie lautet: Wir verzetteln uns in unserem eigenen Gelächter. Hillary Clinton, die zweifelsohne besetzungstechnisch in einer "fiesen" Serie wie House of Cards super aufgehoben gewesen wäre, sie hat offenbar keine Chance gehabt gegen einen Selfmade-Comedian wie Trump, der alles auf eine Karte setzte, auf der stand: Ich bin vielleicht nicht immer der Hellste, aber zumindest bin ich ehrlich. Ich benenne die Dinge, wie sie sich mir darstellen. Ich mache euch allen nichts vor. Sicher wäre ich, liebe Arbeiter, nicht euer Lieblingschef, aber: Mit mir habt ihr zumindest die nächsten paar Tage Arbeit.

Pragmatismus now!

Das nennt man Spiel mit dem abhandengekommenen Langzeitgedächtnis. Im Tunnelblick einer verzweifelnden Gesellschaft erschließen sich keine neuen Utopien. Pragmatismus now!

Der Superwitz an Mars Attacks! ist übrigens: Die feindlichen Invasoren sind nur mit dem totzukriegen, von dem die USA nicht lassen können. Dumpfer Heimatkultur, sprich Countrymusik, die jedem die Birne bis zum Explodieren schwellen lässt. 11/9 – das ist der Tag, an dem wir Kontakt aufnahmen mit dem Üblen, das nicht totzukriegen ist. Am Ende wurde zwar ein Krieg gewonnen, aber der Krieg geht weiter. (Claus Philipp, 9.11.2016)

Claus Philipp, bis 2008 Kulturressortleiter des STANDARD, ist heute Geschäftsführer des Stadtkino Wien und des diesem zugehörigen Filmverleihs. Zuletzt publizierte er Bücher über Chris-toph Schlingensief, Alexander Kluge und Ulrich Seidl.

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