Trump und die Testosteron-Vergiftung

Kommentar der anderen9. November 2016, 17:06
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Donald Trump hat zwar alles dafür getan, die Wähler vor den Kopf zu stoßen, doch seine Botschaft war zu stark. Lehren aus einem historischen Wahlkampf in den Vereinigten Staaten von Amerika

Nach dem Sieg von Donald Trump bei der US-Präsidentschaftswahl stellt sich eine Frage: Was hätte der erratische Wutmilliardär eigentlich noch tun müssen, um das Rennen gegen Hillary Clinton zu verlieren? Ging er zu Beginn der Vorwahlen noch als unterhaltsamer Farbtupfer in einem Feld austauschbarer republikanischer Kandidaten durch, wurde er nach und nach zum die politische Inkorrektheit zelebrierenden Joker.

Mit breitem Grinsen beschimpfte der politische Horrorclown Personen und ganze Bevölkerungsgruppen. Rassismus und Sexismus waren an der Tagesordnung. Das Hetzen gegen Frauen, Muslime und Hispanics wurde auf den letzten Metern noch durch Antisemitismus ergänzt. Dazu legte sich Trump mit weiten Teilen der eigenen Partei an.

Die Testosteronvergiftung eines Einzelnen wurde dennoch epidemisch. Gerechnet hat man mit einem Wahlsieg Trumps zwar nicht einmal in seinem Kampagnenteam, die Gründe für seinen Sieg sind dennoch einleuchtend:

· Die Botschaft Trumps Versprechen, Amerika wieder zu alter Größe zu führen, hat den Nerv der Zeit getroffen. Einerseits zielte er auf die Abstiegsängste der Mittelschicht ab. Gerade weißen Arbeitern, die sich von ihrer demokratischen Heimat entfremdet hatten, impfte Trump neues Selbstbewusstsein ein. Dazu warf er alte republikanische Positionen über Bord und agitierte in Bernie-Sanders-Manier gegen den Freihandel.

Situationselastisch

Dieser situationselastische Zugang garantierte ihm ein überzeugendes Abschneiden in klassisch demokratischen Staaten wie Michigan, Wisconsin oder Pennsylvania. Dieses Kunststück erinnert an Barack Obama. Dieser hatte eine Bresche in den republikanisch dominierten Sunbelt geschlagen. Trusmp riss nun weite Teile der demokratischen Mauer im Rustbelt nieder.

Die zweite Seite der Botschaft erinnert an die FPÖ. Hierzulande ist man dazu übergegangen, keine Hasspostings à la "Überfremdung", "Umvolkung" oder "Daham statt Islam" mehr zu plakatieren. Lieber spricht man von der Bevorzugung "unserer Leut'" oder setzt auf den Gottesbezug, um indirekt auf die Verteidigung des Abendlandes hinzuweisen. Ähnlich Trump: Er kreierte mit seinem "Making America Great Again" eine Wagenburgmetapher, in der sich seine Wähler vor Globalisierung, Immigration oder generell der Bedrohung der weißen Vormachtstellung abschotten konnten.

· Die Wählerkoalition Das war die Sensation des Wahlabends. Seit Jahren gehörte es zu jeder US-Wahlanalyse, dass sich die Demokraten auf einen demografischen Vorteil verlassen konnten, der von republikanischen Kandidaten nie aufgeholt werden könnte. Schon nach der Niederlage Mitt Romneys ergab die parteiinterne Analyse – pikanterweise "Autopsie" betitelt – eines: Um irgendwann wieder ins Weiße Haus einziehen zu können, müsste man sich etwa gegenüber der stark wachsenden Gruppe der Latinos öffnen.

Trump lässt diese Analyse alt aussehen. Er schaffte Sensationelles: Einige Wähler, die Hoffnungsträger Obama seit 2008 in den politischen Prozess (zurück)geholt hatte, wechselten ohne Umweg zu Trump. Diesen Effekt hatte bis vor kurzem wohl niemand auf der Rechnung.

· Das Obama-Rezept Trump kupferte bei seiner politischen Nemesis gleich noch einmal ab. Auch wenn der positive Ton von Obamas "Yes, we can" fehlte, baute Trump ebenfalls auf den politischen Wandel. Der Wahltag wurde zu einem Referendum gegen das verhasste Washingtoner System umfunktioniert. In einer CNN-Exit-Poll am Wahltag gaben 46 Prozent der Befragten an, sie wären mit der Regierungsarbeit "unzufrieden", weitere 23 Prozent waren gar "verärgert".

Der Polit-Rookie Trump inszenierte sich folgerichtig als der Antisystemkandidat schlechthin. Wie auch Obama vor dessen Amtsantritt schimpfte er auf "special interests" und die Verschwörung der Elite gegen den kleinen Mann.

· Emotion und Framing Gefährlich für Trump war der demokratische Fokus auf sein leicht cholerisches Temperament. Die Frage des Clinton-Lagers lautete: Soll einer, der seinen Twitter-Account nicht im Griff hat, tatsächlich mit den atomaren Codes der USA hantieren? Gegen Ende des Wahlkampfs passierte aber Bemerkenswertes: Durch die Veröffentlichung eines Videos mit sexistischen Ausfällen war Trump in den Umfragen so unter Druck geraten, dass er sich disziplinierter gab und auf die ökonomische Botschaft seiner Kampagne konzentrierte.

Zudem entpuppte sich das leicht entflammbare Gemüt des Kandidaten nicht ausschließlich als Nachteil. Im Vergleich zur oft als unehrlich und berechnend porträtierten Clinton präsentierte man Trump als zwar impulsiven, aber doch enthusiastischen und "echten" Typen.

Schließlich schaffte Trump mit seinen verbalen Zuspitzungen eines: Er hob den Vorteil der weit besseren Wahlkampforganisation aufseiten der Demokraten auf. Er schaffte, wofür die FPÖ etwa in Sachen Migration hierzulande jahrzehntelang gebraucht hatte – die Dominanz der politischen Agenda und Denkrahmen. (Thomas Hofer, 9.11.2016)

Thomas Hofer ist Politikberater und Buchautor in Wien. Der ehemalige Journalist hat in den USA Wahlkampfmanagement studiert und die letzten Tage des Wahlkampfs aus Washington, D.C., kommentiert.

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