Sierra Leones Ebola-Krise noch nicht ausgestanden

15. November 2016, 07:00
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Das Virus ist weg, doch Mangel an medizinischem Personal sowie psychische Wunden belasten die Bevölkerung

Vor einem Jahr gab es im westafrikanischen Land Sierra Leone kein Halten mehr. Die Leute strömten auf die Straßen und feierten das Ende der Katastrophe. Anfang November hatte die Weltgesundheitsorganisation WHO den Ebola-Ausbruch in dem Staat für beendet erklärt. In den dafür vorgeschriebenen vorhergegangenen 42 Tagen war es zu keiner Neuinfektion gekommen, nachdem das Virus mehr als 3.580 Menschen in 18 Monaten getötet hatte. Die Medien titelten: "Sierra Leone ist Ebola-frei". Das ist gefährlich, sagt heute Anders Nordström, Leiter des WHO-Büros in Sierra Leone: "Wir werden niemals Ebola-frei sein. Wann und wo es zu einer neuerlichen Infektion kommen wird, wissen wir nicht", so der Schwede: "Aber dass es passieren wird, wissen wir sehr wohl."

Im Jänner war es bereits wieder zu erneuten Erkrankungen gekommen, und auch im März flammte das Virus wieder auf. Doch auch wenn es seitdem ruhig um das Virus in Westafrika geworden ist und selbst die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) ihr letztes Ebola-Projekt für Überlebende geschlossen hat, sind die Auswirkungen des Ausbruchs verheerend.

foto: reuters/christopher black/who/handout
Mehr als 3.580 Menschen verloren in Sierra Leone während des Ebola-Ausbruchs ihr Leben.

Zu wenige Mediziner

"Es war schön zu sehen, dass nach den Ausgangssperren und Versammlungsverboten wieder Leben auf den Straßen von Sierra Leone stattfand", erzählt Marcus Bachmann, der für Ärzte ohne Grenzen immer wieder vor Ort war. Doch das sei nur ein oberflächlicher Eindruck gewesen. Denn Sierra Leone hatte bereits vor den Ebola-Infektionen mit einer chronischen Krise zu kämpfen: Es gab zu wenig medizinisches Personal im Land, so MSF.

Vor dem Ausbruch war nur ein Arzt für mehr als 45.000 Bewohner zuständig – in Österreich kommt ein Arzt auf 250 Einwohner. Durch Ebola sind laut Bachmann mehr als zehn Prozent der Ärzte und rund zwanzig Prozent des medizinischen Personals gestorben. Außerdem haben seiner Meinung nach die Hilfsorganisationen nach dem Ende der Epidemie zu schnell das Land verlassen: "Dabei ist eine einmalige Gelegenheit verlorengegangen, das Gesundheitssystem aufzubauen." Jetzt bedeutet laut Bachmann eine einfache Geburtskomplikation fast das Todesurteil für Mutter und Kind.

foto: apa/afp/marco longari
Angehende Hebammen in einer Schule: Sierra Leone hat im Moment die höchste Müttersterblichkeit weltweit.

Mentale Belastungen

Die Zahlen der gestorbenen medizinischen Mitarbeiter will Nordström nicht bestätigen: Man habe etwa 300 Personen im Gesundheitssystem an das Virus verloren – von insgesamt 9.200 bezahlten und etwa noch einmal so vielen freiwilligen Mitarbeitern. Laut Nordström ist es aber "absolut wahr", dass Sierra Leone damit zu kämpfen habe, die medizinische Betreuung der Bevölkerung bereitzustellen. Im Staat herrsche die höchste Müttersterblichkeit und Sterblichkeitsrate von unter fünfjährigen Kindern weltweit. Es gebe im ganzen Land nur rund 300 Hebammen und eine Handvoll hochqualifizierter Ärzte – und drei Psychologen für eine Bevölkerung von etwa sechs Millionen Menschen.

Die WHO beobachtet seit Ende des Ebola-Ausbruchs einen Anstieg von Patienten, die unter dem posttraumatischen Stresssyndrom leiden – wie das etwa bei Soldaten, die aus dem Krieg heimkehren, der Fall ist. Den Angehörigen der Virusopfer wurde ein Begräbnis verwehrt, da die hochinfektiösen Leichen sofort von ausgebildeten Entsorgungstrupps abgeholt und vergraben wurden. Oft mussten diese Trupps bis zu 15 Leichen pro Tag abholen. Und obwohl ihnen das Vielfache des Mindestlohns in Sierra Leone gezahlt wurde, hinterließen diese Arbeiten psychische Wunden.

Mit den Leuten sprechen

Zwar präsentierte Präsident Ernest Koroma im Juni Pläne, wie sich das Land nach dem Ausbruch wieder erholen soll, doch wurde die mentale Gesundheit der Bevölkerung ausgespart. Dabei ist nicht nur Ebola ein Grund für psychische Probleme in Sierra Leone: "Die Leute haben einen Bürgerkrieg miterlebt, und rund 75.000 Menschen leiden unter Schizophrenie", sagt Nordström. Es gebe zudem noch ein hohes Stigma von Leuten, die unter psychischen Erkrankungen leiden. Oft würden sie laut Nordström versteckt werden. Doch man habe durch Ebola gelernt: "Man muss niederschwellig arbeiten, mit den Menschen reden, ihre Ängste verstehen", sagt der WHO-Leiter. Nur so könne man sie zu einer Behandlung bewegen.

Außerdem hat sich laut Nordström im Land auch einiges zum Guten verändert. Es gebe einen Plan, der erlaube, Verdachtsfälle von Krankheiten schneller zu erkennen, zu veröffentlichen und zu behandeln. Doch er warnt: "Wir müssen aufmerksam sein, denn in vielen Ländern ist Ebola wieder zurückgekommen." (Bianca Blei, 15.11.2016)

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