Lungengesundheit bei Jugendlichen alarmierend schlecht

9. November 2016, 14:23
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Deutlich mehr Jugendliche als angenommen leiden in Österreich an Lungeneinschränkungen

Das UN-Kinderhilfswerk warnt im Zuge des derzeit in Marrakesch stattfindenden Weltumweltgipfels vor den Folgen der Luftverschmutzung. Obwohl Kinder in Asien und Afrika am stärksten betroffen sind, atmen auch in Europa 120 Millionen Kinder verschmutzte Luft mit vielen Giftstoffen ein. Schlechte Luft ist für Kinder besonders gefährlich, da sie schneller atmen, relativ zum Körpergewicht mehr Luft aufnehmen und vor allem ihre Lungen noch wachsen und somit wesentlich empfindlicher für schädigende Einflüsse sind.

In der Lead-Studie (Lung, Heart, Social, Body) des Ludwig-Boltzmann-Instituts für COPD und Pneumologische Epidemiologie erforschen Wissenschafter am Wiener Otto-Wagner-Spital nun erstmals die Ursachen, Begleiterkrankungen und Risikofaktoren der chronisch obstruktiven Lungenkrankheit (COPD) und die normale und krankhafte Entwicklung der Lunge im Kindes- und Erwachsenenalter. Die Mediziner um Sylvia Hartl und Otto C. Burghuber untersuchen dabei über einen Zeitraum von zwölf Jahren seit 2012 mehr als 11.000 Personen (1.832 aus Niederösterreich, 9.050 aus Wien). Die Zwischenergebnisse wurden nun anlässlich des Welt-COPD-Tags am Mittwoch vorgestellt.

COPD bei jungen Menschen unterschätzt

Mit der Studie liegen erstmals repräsentative Querschnittsdaten über die Lungengesundheit aller Altersgruppen ab dem sechsten Lebensjahr in Österreich vor. Sie zeigt: Die Prävalenz der fixierten obstruktiven Lungeneinschränkung in der Gesamtbevölkerung beträgt 5,2 Prozent – diese Schädigung ist diagnostisch für COPD und deckt sich mit den vom Arzt diagnostizierten COPD (5,3 Prozent). Sie bedeutet: Gut eine von 20 Personen ist daran erkrankt.

Betrachtet man jedoch die Diagnosen und Messungen über alle Altersgruppen, zeigt sich, dass die Krankheit bei den über 60-Jährigen in den Arztdiagnosen deutlich überschätzt wird, bei den Jüngeren (unter 40) aber deutlich unterschätzt. Auffällig in den gemessenen Lungeneinschränkungen ist, dass die 25- bis 39-Jährigen bereits ebenso häufig wie die 40- bis 50-Jährigen eine fixierte Lungeneinschränkung aufweisen.

Besonders alarmierend an den Ergebnissen der Lead-Studie ist, dass in der Zeit des Lungenwachstums bis zum 25. Lebensjahr bereits 3,5 Prozent der Menschen keine normale Lungengröße erreichen. In der Gruppe der Jugendlichen mit pathologischer (eingeschränkter) Lungenfunktion sind 41,7 Prozent (ehemalige) Raucher, 25,7 Prozent waren Passivrauch ausgesetzt, 45,7 Prozent haben respiratorische, also die Atmung betreffende Symptome und 14,2 Prozent eine Asthma-Diagnose. Diese jungen Menschen stellen eine besonders wichtige Risikogruppe für die Entwicklung von Lungenkrankheiten in der Zukunft dar.

Die Lippenbremse beherrschen lernen

Für jene Menschen, die bereits an COPD leiden, starten am COPD-Tag einige praktische Initiativen. Eine davon ist die Plattform "Mehr Luft" (mehr-luft.at), die Menschen mit Atembeschwerden durch eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung mit Tipps und Tricks für den Alltag versorgen will. Dafür hat der Pulmonologe Gert Wurzinger, Vorstand der Abteilung für Lungenkrankheiten am LKH Hörgas-Enzenbach, Filmclips erstellt, "als Mastermind für Menschen in Atemnot". Unter dem Titel "COPD-Kurs" werden in den Clips Dinge zur Lebenserleichterung erklärt. Zum Beispiel die Lippenbremse, eine Atemtechnik, die "eine positive Luftsäule erzeugt und die Bronchien länger offenhält", sagt Wurzinger. Sie hilft, Atemlosigkeit wieder auszutarieren.

Ebenfalls praktisch: Filme, die Patienten Ratschläge gibt, etwa über die optimale Art, Stiegen zu steigen, sich Socken anzuziehen oder zu duschen. Hier hat sich die Initiative "Mehr Luft" auch Atemphysiotherapeutinnen und Ergotherapeutinnen ins Boot geholt.

Denn wie bei jeder chronischen Erkrankung geht es bei der COPD darum, dass Patienten zu Spezialisten ihrer selbst werden. Auf der Plattform können sie nachlesen, wie die Lunge funktioniert und was zu tun ist, wenn das Atmungsorgan nicht mehr so funktioniert, wie es sollte. (red, pok, 9.11.2016)

  • Besonders alarmierend: In der Zeit des Lungenwachstums bis zum 25. Lebensjahr erreichen bereits 3,5 Prozent der Menschen keine normale Lungengröße.
    foto: getty images/istockphoto

    Besonders alarmierend: In der Zeit des Lungenwachstums bis zum 25. Lebensjahr erreichen bereits 3,5 Prozent der Menschen keine normale Lungengröße.

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