Theresa May liebäugelt mit Indien

9. November 2016, 14:18
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Die Tory-Chefin will Großbritannien nach dem Brexit als eigene Wirtschaftsmacht etablieren. Ein Handelsabkommen mit Indien soll den Kurs vorgeben

Wien – Theresa May verschwendet keine Zeit: Die britische Regierungschefin beendete am Dienstag ihre dreitägige Indien-Reise, in der sie für ein mögliches Freihandelsabkommen geworben hat. Die Politikerin kündigte nach dem Brexit-Referendum an, dass Großbritannien der "engagierteste und leidenschaftlichste Verfechter des Freihandels der Welt" werden sollte.

Indien und die Europäische Union verhandeln bereits seit Juni 2007 über ein Freihandelsabkommen, konnten bisher aber noch keine Einigung finden. Das will die konservative Politikerin nun ändern. Derzeit sind den Briten jedoch noch die Hände gebunden: Großbritannien kann kein bilaterales Freihandelsabkommen schließen, solange der Staat noch Teil der Europäischen Union ist. May will jedoch nicht bis zum Austritt warten, um über die Details des Abkommens zu verhandeln.

Patricia Hewitt, Vorsitzende des UK India Business Council (UKIBC), einer Nichtregierungsorganisation zur Förderung des bilateralen Handels zwischen den zwei Staaten, betont, dass keine konkreten Einigungen vor dem EU-Austritt getroffen werden können. Gleichzeitig fordert sie Betriebe dazu auf, sich bereits jetzt auf ein Freihandelskommen einzustellen. Laut UKIBC würden beide Länder von einem Abkommen profitieren, die Nachfrage an Gütern, Dienstleistungen und Informationen aus Großbritannien würde in Indien stetig steigen.

Handelsvolumen gesunken

Ein Blick auf die Handelsbilanz der beiden Länder zeigt jedoch, dass die Exportsummen an Gütern und Dienstleistungen von Indien nach Großbritannien im vergangenen Jahr zurückgegangen sind. Der Handel zwischen den beiden Ländern ist trotz der kolonialen Vergangenheit bisher relativ gering: Mit 12,6 Milliarden Euro ist das Handelsvolumen geringer als das zwischen Großbritannien und Deutschland. Indien gewinnt nichtsdestotrotz immer mehr Bedeutung als Quelle ausländischer Direktinvestitionen in Großbritannien. Außerdem gehört Indien zu den Ländern mit dem stärksten Wirtschaftswachstum weltweit, was den Subkontinent als zukünftigen Handelspartner attraktiv macht.

Für Indien ist Großbritannien – nicht zuletzt wegen der gleichen Amtssprache – ein interessanter wirtschaftlicher Standort. Von den rund 1200 indischen Firmen innerhalb der EU sitzen 700 in Großbritannien.

May traf während ihres Staatsbesuchs unter anderem den indischen Premierminister Narendra Modi. Der indische Premier zeigt sich für Gespräche offen und plant künftig mehr ausländische Unternehmen nach Indien zu locken und will daher Handelsbarrieren abbauen. Modi hat sich erst vor zwei Wochen mit Vertretern der neuseeländischen Regierung getroffen, um über ein Freihandelsabkommen zu diskutieren.

Indien fordert neue Visa-Bestimmungen

Indien stellt seinerseits auch einige Forderungen an die Briten, allen voran geht es um Visa-Bestimmungen: Laut einem Sprecher des indischen Außenministerium seien die Visa-Gebühren für ausländische Studierende zu hoch und die Kriterien für einen Aufenthalt nach dem Studium kaum erreichbar. Indien fordert Großbritannien dazu auf, die Mobilitäts- und Einreisebestimmungen im Rahmen des möglichen Freihandelsabkommen zu lockern. Die britische Premierministerin ging bisher auf diese Forderung nur bedingt ein und appelliert ihrerseits an die indische Regierung, jene indischen Staatsbürger aus Großbritannien zurückzuholen, die ihre Visa-Erlaubnis überschritten haben und sich illegal im Land aufhalten.

Theresa May hat, bis der Weg zu den tatsächlichen Verhandlungen frei ist, jedoch noch mit großem Widerstand aus ihrem eigenen Land zu rechnen: Jeremy Corbyn, Mitglied der britischen Arbeiterpartei, kritisiert das Vorhaben scharf. May würde für den freien Handeln alles tun und dabei Menschenrechte und die menschliche Würde links liegen lassen, kritisiert der Politiker. (Nora Laufer, 9.11.2016)

  • Theresa May erhält traditionelle Opfergaben in Bangalore
    foto: apa/afp/manjunath kiran

    Theresa May erhält traditionelle Opfergaben in Bangalore

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