Kapfenberg muss um Böhler-Stahlwerk zittern

9. November 2016, 17:30
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Die Trennung der Strompreiszone könnte die Modernisierung des Standorts vereiteln, bis zu 3.000 Jobs wären dann gefährdet

Wien – Es war eine Bombenüberraschung, als die Voestalpine zu Jahresbeginn riesige Ausbaupläne für den Edelstahlstandort Kapfenberg bekanntgab. Um 250 bis 300 Mio. Euro sollte das teilweise 100 Jahre alte Werk völlig neu errichtet werden. Doch am Mittwoch setzte Voest-Chef Wolfgang Eder ein großes Fragezeichen hinter die Pläne. Angesprochen auf Kapfenberg, bezeichnete Eder die jüngsten Entwicklungen im Energie- und Klimabereich als "nicht sehr ermutigend". Konkret sprach der Voest-Chef das drohende Ende des Stromkreises mit Deutschland an, das zu einer Verteuerung der Elektrizität im zweistelligen Prozentbereich führen werde.

Um wie viel sich der in Österreich verkaufte Strom nach Auftrennung der gemeinsamen Preiszone mit Deutschland verteuern wird, lässt sich noch nicht treffgenau sagen. Es könnten zehn, 15 oder gar 20 Prozent sein – abhängig von der Größe des Nadelöhrs, durch das der Strom mittels Auktionierung künftig fließen soll.

Abkoppelung so gut wie fix

Dass es zu der Abkoppelung von Deutschland kommen wird, scheint indes so gut wie fix. Dienstagabend hat sich die europäische Regulierungsbehörde Acer mehrheitlich dafür ausgesprochen. Österreich, das in der Acer von E-Control-Geschäftsführer Wolfgang Urbantschitsch vertreten wird, blieb allein. Nur noch ein politischer Deal könnte ein Engpassmanagement an der deutsch-österreichischen Grenze verhindern, sagten mit der Sache vertraute Experten dem STANDARD.

Grund für die spätestens 2019 drohende Aufsplittung des gemeinsamen Strommarktes sind fehlende Stromleitungen vom Norden Deutschlands in den Süden. Weil billig erzeugter Strom aus Windparks auf dem Weg nach Bayern, Baden-Württemberg und Österreich den Weg des geringsten Widerstands durch Polen und Tschechien geht und die dortigen Netze zum Glühen bringt, haben die Regulatoren dieser Länder Maßnahmen eingemahnt.

Durch einen künstlichen Engpass an der Grenze zu Österreich werde, so hoffen sie, die Sogwirkung aus dem Süden nachlassen. Die Alternative wäre eine Zweiteilung Deutschlands, wobei der Norden billigeren Strom hätte, der Süden teureren. Genau das aber versucht die Regierung in Berlin unter allen Umständen zu verhindern.

Rentabilität hängt am Strompreis

Die E-Control will rechtlich dagegen vorgehen; auch die Verbund-Tochter Austrian Power Grid, die als Übertragungsnetzbetreiber mit der allfälligen Umsetzung betraut wäre, behält sich rechtliche Schritte vor.

Beim Böhler-Standort in Kapfenberg handelt es sich um ein Elektrostahlwerk – ohne Hochofen und Kokerei wie beispielsweise in Linz. Entsprechend stark hängt die Rentabilität vom Strompreis ab. Derzeit arbeiten 3000 Personen in der steirischen Stahlstadt bei der Voest. Ohne Modernisierung wären diese Jobs gefährdet, weil die Investition dann anderswo vorgenommen werden würde.

Entscheidung im nächsten Jahr

Über Alternativen wollte Eder keine genaue Auskunft geben. Insider halten es für denkbar, dass der neue Standort für eine Eisenreduktionsanlage im texanischen Corpus Christi auch für ein Edelstahlwerk geeignet wäre.

Eine Entscheidung soll im zweiten Halbjahr 2017 fallen, sagte Eder, der neben der Strompreiszone auch die EU-Klimapolitik und den Marktwirtschaftsstatus von China als wichtige Kriterien nannte. Das Verfahren für das neue Werk in Kapfenberg wurde bereits eingeleitet. Das Land Steiermark hat den Antrag der Voest genehmigt, wonach für das Vorhaben keine Umweltverträglichkeitsprüfung nötig ist. (Andreas Schnauder, Günther Strobl, 9.11.2016)

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