Terézia Mora: Über Sätze und Menschen

10. November 2016, 06:00
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In ihrer Eröffnungsrede zur Buch Wien setzt sich die Autorin mit dem "-ling" in Flüchtling, der Digitalisierung in der Buchbranche und den aktuellen Umbrüchen in Europa auseinander. Dem STANDARD hat Mora sie exklusiv zur Verfügung gestellt

Es gibt ein Spiel, bei dem man in jedem Buch zuerst den fünften, andere meinen, den ersten Satz auf Seite 23 lesen sollte. Seite 23 ist natürlich reine Willkür (das einzig Wesentliche ist, dass man eben nicht den ersten Satz auf Seite eins liest, denn einen guten Eingangssatz kann bekanntlich jeder schreiben), in Wahrheit kann man ein Buch an jeder beliebigen Stelle aufschlagen – wie Gläubige die Bibel –, und der Satz, der da steht, wird einem etwas über dieses Buch bzw. über einen selbst berichten. Das heißt, zunächst einmal wird er einem nur über den Satz selbst etwas berichten. Wie er gemacht ist.

Das allein ist schon eine ganze Menge, ein Satz ist eine Welt, aber die meisten Sätze sind dann doch nicht so sehr eine Welt für sich, dass es nicht notwendig wäre, sie mit ihrer Umgebung zu betrachten. Also liest man am besten auch den Satz davor und den danach, noch besser den ganzen Abschnitt drumherum. Ein ganzes Kapitel ist meist – und nicht nur auf einem Bein an einem Messestand stehend – schwieriger zu machen, dabei ist es auch wichtig zu sehen, wie mittellange Bögen gemacht sind. Aber meist müssen wir, wie gesagt, sowieso anhand weniger Sätze entscheiden, ob uns etwas fehlen würde, wenn wir uns den Rest sparten. Bei Gedichten ist das einfacher. Ein ganzes Gedicht kann man überall lesen.

Neugier und Vertrauen

Voraussetzung für dieses Spiel ist natürlich zum einen, dass es diese Texte gibt und man Zugang zu ihnen hat, und zum anderen, dass man jemand ist, der eine gewisse Neugier dem Geschriebenen gegenüber aufbringt und zusätzlich ein besonderes Vertrauen, wenn das Geschriebene in ein Buch gebunden worden ist. Ich persönlich kann an keinem Stück beschriebenem Papier vorbeigehen, das irgendwo auf der Straße liegt, ohne nachzusehen, was da steht, ganz zu schweigen von den Büchern, die meine Nachbarn zum Mitnehmen vor ihre Haustür stellen. Das ist bei uns so Mode.

Buchhändler und Antiquare werden das nicht so gerne hören, was mich anbelangt, darf ich mich freuen, dass es anderen auch so geht, dass sie Bücher nicht nur als Kleister und Papier betrachten können. Was sie ja im Grunde sind. Wir verkaufen keine Einzelstücke wie die bildenden Künstler, unseres ist bei Bedarf unendlich reproduzierbar, dennoch bringen es meine Nachbarn nicht übers Herz, ihr Exemplar einfach über den Papiermüll zu entsorgen. Das ist keine reine Sentimentalität. Das ist ein Zeichen. In einer Welt leben, in der man nicht einmal ein schlechtes Kunstwerk zerstört, vs. in einer Welt leben, in der man egal was für ein Kunstwerk zerstört. Siehe den Unterschied.

Die Schuld des Autors

Ich habe in meinem Leben nicht nur einmal sogar Bücher gekauft, von denen ich von Anfang an wusste, dass ich nur einige Sätze, Teile, Teillösungen gebrauchen können würde, und, nicht nebenbei: Wenn es ein übersetztes Buch war, dachte ich nicht, dass das bestimmt die Schuld des Übersetzers ist. Schauen wir den Tatsachen ins Auge: Der Übersetzer ist viel seltener schuld als der Autor. Bei jüngeren Autoren bin ich (und sind wir) meist nachsichtiger, sie fangen doch gerade erst an. Autoren in den Jahren, die ihre Pflicht versäumen, genaue Sätze, Absätze, Kapitel usw. zu schreiben, finden weniger Gnade, so reich ihr Erfahrungsschatz, mit denen sie uns beschenken, sonst auch sein möge.

Der Erfahrungsschatz der Jungen ist auch reich, wenn jemand anfängt zu schreiben, hat er (und auch sie) in der Regel auch schon wenigstens um die 20 Jahre Erfahrung gesammelt, und manche sagen, in diesen ersten Jahren widerfahre einem ohnehin alles Wesentliche. Aus den Erfahrungen der ersten 45 Jahre gesprochen möchte ich dazu sagen: na ja. Und das, obwohl sämtliche Jahre davon in Frieden vergingen und nur 18 im Kalten Krieg. Aber bekanntlich berühren einen auch Kriege, zu denen man nicht hingeht. Kommen sie eben zu dir.

Figuren der Zeit

Dieses Kommen und Gehen, das unaufhörliche Wandern von Ideen und von Menschen, was und wer gelangt auf welchem Wege wohin (meist, damit wir es merken: zu uns), das sind Fragen, die uns beschäftigen. Im Grunde immer. Entweder wird diese Bewegung behindert, dann ist das ein Problem, oder im Gegenteil, Dämme brechen mit einer Heftigkeit, dass uns gar nichts anderes übrig bleibt, als unsere Aufmerksamkeit dorthin zu richten. Wir wissen zum Beispiel sehr wohl, dass immer Millionen von Menschen auf der Welt displaced sind – auf täglicher Basis beschäftigen sich die meisten von uns damit nur, wenn es wieder einmal gerade hier stattfindet.

Diese Bewegungen, die erzwungenen wie die freiwilligen, liefern uns, wieder einmal, die Figuren der Zeit. Unser Leben und die in den Kunstwerken dargestellte Realität sind keineswegs prekärer, als sie jemals waren, im Gegenteil, es gibt nur neue Bezeichnungen dafür. Früher waren es die Tschinowniks, Belamis und Landvermesser, die Miserablen und die ohne Eigenschaften, heute die Habenichtse, die falschen Inder und die Unerwünschten. Schutzflehende – wie seit Tausenden von Jahren.

Schutzflehende, das ist mal ein gutes Wort.

Was ein "-ling" macht

Wenn man Mitte vierzig wird, wird man als Autor – und auch als Autorin – gelegentlich in Akademien gewählt, wo wir dann dasitzen und über so etwas diskutieren. Was ein gutes Wort ist. Was z.B. am Wort Flüchtling nicht gut ist, warum es als stigmatisierend empfunden wird. Weil es stigmatisierend ist, ein Flüchtling zu sein? Etwas Scham- oder gar etwas Schuldbehaftetes? Und wessen Scham, wessen Schuld? Dass es allein dieses -ling am Ende macht – wie in Schädling, Lüstling, Schreiberling –, will mir nicht ganz einleuchten.

Ich sehe, natürlich, was so ein -ling mit einem Wort macht, angeblich sogar mit dem Lehrling (wobei ich das ganz und gar nicht empfinden kann, aber, bitte schön, sage ich eben Auszubildende), aber, alles in allem, wenn ich über die Bezeichnungen in meinem Leben nachdenke, die sich so anhörten, als würde man mich zum Mitglied in Klubs machen, denen man bei so einer Satzung nie beitreten würde, waren die Endungen sehr verschieden: Minderheit, Ausländerin oder auch einfach: Mädchen. Das Einzige, was man da machen kann, ist zu sagen: ja. All das ist die Realität. Einiges bin ich von Geburt an und bis zum Schluss, anderes kann ich wählen bzw. ändern. Abhängig natürlich davon, wie viel Glück ich habe.

Das Ziel ist das Ziel

Ja, das ist leider so. Wer Glück hat, kann sich im Raum bewegen, sich also einen Ort suchen, wo er (und auch sie) all das sein kann, was er seit Geburt ist und/oder das er sich als seins gewählt hat, ohne dass er dafür um dieses fürchten müsste. Wer nicht so ein großes Glück hat, darf sich seinen Ort nicht wählen. Es gibt Lebensereignisse, die einen ein für alle Mal seiner ersten Heimat oder überhaupt einer Heimat berauben. Wobei der Mensch so ist, er ist so veranlagt, dass er zu Hause sein ebenso sehr wie lieben möchte, und er ist bereit, dafür das allermeiste, was er aufbringen kann, herzugeben.

Der Weg ist dabei keineswegs das Ziel, das Ziel ist das Ziel, wobei die Qualität des Wegs über die empfundene Qualität des Ziels natürlich mitbestimmt. Dabei werden immer andere versuchen, dich zu benennen, und du, von deiner Seite wirst versuchen, dich selbst zu benennen. Auch das ist wie das Zuhause und wie die Liebe. "Wissen Sie: Sätze kann ich auch machen", sagte, wenn ihm jemand dumm kam, der Weise Péter Esterházy, den wir dieses Jahr verloren haben, und dann wieder nicht.

Die Rolle der Buch-Macher

Sich Gehör verschaffen, auch das will der Mensch, sichtbar werden, seine Geschichte erzählen, sie der kollektiven Erzählung hinzufügen, in deren Schutz er sich in Gesellschaft seiner Nicht-Feinde begeben kann. In diesem Prozess, der Herstellung der großen Erzählung, spielen wir, die wir Bücher herstellen, eine verantwortungsvolle Rolle.

Traditionell eher eine langsame. Obwohl es natürlich das schnelle Abzocken von spektakulären Storys gibt, aber diese sind meist keine Literatur. Bis eine Erfahrung, eine Störung, ein Erlebnis, eine Gefühlserinnerung zu einer Geschichte und dann zu Literatur wird, dauert es oft Jahre, und dann mitunter weitere, bis es diese Literatur in ein Buch geschafft hat. Im besseren Fall steht hinter dieser Langsamkeit ein Ringen um Qualität, im schlechteren ein jahrelanges Anrennen gegen Ignoranz. "Wenn wir etwas über einen Afrikaner in Skandinavien lesen wollen, dann aus der Feder eines Afrikaners, nicht aus der eines Osteuropäers" sind Sätze, die sich Autoren von namhaften Literaturverlagen anhören müssen. Ja, Literatur in Büchern ist eine elitäre Sache.

Digitalisierung

Digitale Plattformen sind da ungleich schneller und besser erreichbar. Wir erleben gerade, wie Ihnen unschwer aufgefallen sein wird, einen Technologiewechsel. Im Moment leben die, die Sütterlin noch auf der Schiefertafel schreiben lernten, mit den Digital Natives zusammen (namentlich: meine Großmutter, Jahrgang 1932, und meine Tochter, Jahrgang 2007). Der Weg, über den man, ohne auf zu viel Gnade von Fremden angewiesen zu sein, Texte, wenn man mag: tagesaktuell, verbreiten und konsumieren kann, führt hier und heute bei etwa der Hälfte von uns (den Usern) übers Internet. Zumindest, was die kürzeren Texte anbelangt. Auf Seiten wie Lyrikline finden sich Gedichte von Dichtern, die es nicht zu einem Buch gebracht haben, die keinen Verlag im deutschsprachigen Bereich oder möglicherweise nirgends haben. Dichter aus Äthiopien, die auf Amharisch schreiben.

Was längere Literatur anbelangt, ist dieser Prozess noch wenig fortgeschritten. Dass man sich an SMS-Dichtung versucht, war zu erwarten, der Twitter-Roman (Jennifer Egan) hat weit weniger Nachahmer gefunden (keine mir bekannten). Am ertragreichsten auf dem Feld der digitalen Literatur scheinen mir die Blogger – die vielen, also: den nicht fast ausschließlich im Netz unterwegs Seienden, bezeichnender- und witzigerweise erst durch den Plagiatsskandal im Zusammenhang mit einem gedruckten Buch bewusst wurden. (Die Hegemann-Airen-Sache.)

Medium und Form

Neue (oder alte) Inhalte in neuen Medien bringen sehr spannende Fragen mit sich, wie: was für Formen durch den Technologiewechsel entstehen, was für neue Formen und welche Änderungen in den traditionellen. Und daneben – natürlich – auch die Diskussionen über das Urheberrecht. Es lohnt sich, auch hier – wie z.B. beim Romaneschreiben – weniger Angst und mehr Pragmatismus walten zu lassen. Tatsache ist: Sobald ein Satz in der Welt ist, wird er migrieren. Deswegen haben wir ihn ja geschrieben und öffentlich gemacht. Einen öffentlich gemachten Satz am Migrieren zu hindern ist unmöglich, noch viel unmöglicher (Achtung: Sprache!), als einen lebendigen Menschen daran zu hindern.

Die Weiterverteilung des Kleinzitats ist, wie auch der Supreme Court im Falle Writers Guild gegen Google Books feststellte, als "Förderung der intellektuellen Produktivität" zu verstehen. Ich habe noch nie ein Werk geschrieben, in dem nicht der Satz oder zumindest eine Wortverbindung eines anderen vorgekommen wäre. Literatur entsteht aus Literaturen. Wobei ich persönlich die Zitate meist durch Kursivierung anzeige, aber das ist eine persönliche Entscheidung. Größen wie – erneut – Péter Esterházy, Gott hab ihn selig, haben das mal gemacht und mal nicht gemacht, die betroffenen Urheber (zumal die Lebenden) haben mal so, mal so darauf reagiert – unsere intellektuelle Produktivität ist am Ende des Tages in der Tat erhöht worden.

Schützenswerte Texte

Das ist nun die Stelle des notwendigen Satzes über die Qualität des Aufnahmetextes (ich habe diesen Ausdruck aus dem Wort Aufnahmeland abgeleitet, um auch "die aktuellen Entwicklungen in Europa" nie lange aus den Augen zu verlieren). Die Qualität, das Große Je ne sais quoi, zeigt sich in einem überwiegenden Teil der Fälle erst durch das Großzitat, das heißt: durch den gesamten Text, was diesen besonders schützenswert macht. Google Books, um erneut das bekannteste Beispiel zu nennen, darf also Bücher digitalisieren, damit Leute, die wissen, wonach sie suchen, darin Zitate finden können. Man kann also nach bestimmten Worten suchen, nicht aber nach Seite 23 – zumindest bei Abschluss dieses Textes konnte man das noch nicht.

Was Google Books nicht darf, ebenso wenig wie jeder andere, der Werke digitalisiert, ist, ganze Bücher oder ganze Bibliotheken Dritten zur Verfügung zu stellen. Auch nicht anderen Bibliotheken. Darauf zu achten lohnt sich tatsächlich. Die Integrität von ganzen Werken und ihren Autoren zu wahren dient ebenso der intellektuellen Produktivität wie die freie Weiterverteilbarkeit von Kleinzitaten. Autoren, Verlage und andere Multiplikatoren müssen da Hand in Hand arbeiten. Dabei spielt uns unser traditionelles Trägermaterial durchaus in die Hände.

Dass die Situation von Literaturmachern (noch) um einiges geschützter als die von Ton- und Bildkünstlern ist, ist u.a. auch darauf zurückzuführen, dass Manipulationen an einem physisch vorhandenen Druckwerk vorzunehmen ungleich schwerer ist, als ein digitales Werk zu verändern. Also: Optiere (beim heutigen Stand der Technik) immer auch für Print, wenn du ein integres Kunstwerk in den Händen halten willst. (In Klammern: Ich habe jetzt auch wieder angefangen, Zeitungen auf Papier zu lesen, und zwar nicht nur deswegen, weil es dort mitunter die ausführlicheren Artikel gibt, sondern auch, weil es unter diesen keine Kommentarmaske gibt. Dasselbe gilt auch für Bücher: Es gibt dort keine Möglichkeit, dass dich, den Leser, andere mit ihren Kommentaren belästigen. Es sei denn, du willst das, aber dafür musst du dann das Medium wechseln.)

Erweiterung der Möglichkeiten

Kurz und gut, ich gehöre zu denen, die in der Digitalisierung eine Erweiterung der Möglichkeiten sehen. Natürlich muss man immer schauen, dass einem, nicht nur, was den schützenswerten geistigen Inhalt, sondern auch, was den weltlichen Wert anbelangt, nicht die Butter vom Brot genommen wird. Als Autorin verdient man – falls das jemand nicht weiß – zwischen ein und zwei Euro pro zum vollen Preis verkauftes Buch, also muss man sowieso schauen, wo man bleibt. Ich sage das weder anklagend noch klagend, ich stelle eine Tatsache fest. Mir ist durchaus bewusst, dass die Lage der Autoren heute keineswegs schlechter ist als jemals. Sie ist, im Gegenteil: besser. Es gibt mehr Berufsautoren als jemals. Wir müssen alle schauen, wie wir überleben in der Welt. Als Mensch und als Text.

Ich tue das dank der Großzügigkeit meines Verlags (des Geschicks meiner Agentin), dank meiner zwei Muttersprachen, der Lesungen und einiger anderer Jobs, die allesamt etwas mit Texten zu tun haben, und nicht zuletzt dank der inneren Überzeugung, dass ich es besser getroffen habe als jene 100 Personen, die mir, während ich ein Buch schreibe, mitteilen, sie würden ja kaum mehr lesen, schon gar nichts Langes, schon gar nichts Kompliziertes und schon gar nichts Trauriges.

(Diese 100 sind durchaus nicht aus der Luft gegriffen. Das ist in vier Jahren, die man – wenn es gut läuft – für einen dicken, komplizierten, traurigen Roman braucht, nur alle zwei Wochen einer. Ich kann nicht beweisen, dass ich diesen Satz tatsächlich so oft gehört habe, ich kann nur ein mögliches Szenario dafür anbieten. Dichtung und Wahrheit eben.) Nein, das fühlt sich nicht gut an, aber so ist es nun einmal im irdischen Jammertal. Glücklicherweise trage ich den Himmel immer mit mir in meinem Kopf herum. Zum größten Teil besteht er bei mir aus Literatur. "Sätze kann ich auch machen."

Nährboden, nicht Luxus

Oder, wie einst Richard von Weizsäcker so richtig sagte: "Kultur ist kein Luxusgut (...), sondern der Nährboden unserer geistigen Überlebensfähigkeit."

Ob ihm das wohl selbst oder einem Redenschreiber eingefallen ist, dessen Namen wir nicht kennen? Wenn es Sie irgendwo gibt: Melden Sie sich gerne bei mir. Ich wollte immer schon einen Redenschreiber kennenlernen. Was meist so viel heißt wie: über ihn schreiben. Das beraubt Sie, wie Sie sicher wissen, keineswegs Ihrer eigenen Geschichte. Es kann bekanntlich mehr Geschichten über einen geben. Eine Geschichte, zwei Geschichten. Auch das war ein Zitat.

Der Gedanke an den unbekannten Redenschreiber hat einen Raum eröffnet, wie Sie sicher bemerkt haben, ich befinde mich jetzt, während ich weiter zu Ihnen spreche, gleichzeitig in diesem anderen Raum, durch nichts anderes als durch die Imagination, durch die Möglichkeit einer Geschichte, die Möglichkeit eines Texts. Das ist wunderbar. In der Realität ist der Weg bis zu diesem Text ein langer, gesäumt von 100, die dir sagen, dass sie, wenn du ihn zu Ende gegangen sein wirst, nicht dort mit dir sein werden, aber du kannst nichts anderes als zuversichtlich sein: Irgendjemand wird dort sein, weil du selbst auch immer dort bist, wo welche ankommen, weil dein Leben ohne das öde und leer wäre. Tiefer als in die Literatur kannst du nicht fallen. Denke einfach: schim schanflang war das wort schund das wort war blei flott hund flott war das wort.

Schau dir an ...

Schau dir an, wie die Literatur "Flüchtling, Arbeitsmigrant, Minderheit, Mädchen" sagt, schau dir an, wie es die Politik sagt und wie es die Angst-und-Hass-Händler sagen. Und, wenn du die Gelegenheit hast, was der, über den wir da reden, über sich selber sagt. Und du wählst dann aus, je nachdem, wovon du dir mehr Nutzen versprichst. Und je nachdem, was du erträgst.

Es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass Leute, die Angst-und-Hass-Händlern folgen, keineswegs unter einem bösen Zauber stehen. Sie tun es, weil sie ihnen das versprechen, was sie sich wünschen. Dass man sich etwa ein für alle Mal und auf einfache, wenngleich brutale Weise separieren könnte vom Anderen. Aber das ist nur sprachlich möglich. Es ist möglich, Sätze zu machen, die so etwas behaupten. Während Sätze wie "was außer uns ist auch in uns wie im Kreis das Quadrat oder umgekehrt" beträchtlich schwerer zu akzeptieren sind.

Bevor es wieder besser wird

So sind wir. Meist eine nicht besonders glänzende Krone der Schöpfung. Wir müssen damit leben, dass von Zeit zu Zeit ganze Gesellschaften verrohen, und können nur hoffen, dass der Schaden durch Soft Skills wie durch Worte zu begrenzen ist, dass nicht um Leben und Tod gekämpft werden muss, bevor es wieder – vorübergehend – besser wird. Und dass man bis dahin so viele Menschen und so viele Werke ihres konstruktiven Geistes vor der Zerstörung bewahrt hat, wie es nur möglich war.

Ich setze das gerne noch einmal nebeneinander: Menschen und Werke. Natürlich würde ich jedes Kunstwerk der Welt hergeben für das Leben eines Menschen. Darum geht es nicht. Es geht darum, dass wir wissen, dass die Bewahrung des einen wie des anderen eng zusammenhängt. Wie wir mit Leben umgehen und wie wir mit den Produkten des Geistes umgehen, ist beides ein Gradmesser für unsere Menschlichkeit. Hier wirksam handeln kann tatsächlich am ehesten die Politik.

Wir können tun, was wir immer tun: unser Eigenes. Werke schaffen, verfügbar halten, bewahren. Das ist schwer genug. Es scheint so, als würde keiner auf uns hören. Dann wiederum darf ein jeder unsere Zitate verwenden. Was bleibt uns da übrig? Können wir Sätze garantieren, die nicht missbraucht werden können? Nein. Es wird immer und immer wieder gestritten werden müssen um die Bedeutung, immer und immer wieder korrigiert, repariert. Versuchen, zu verhindern, dass Wörter ruiniert werden. Und dann werden sie dennoch ruiniert. Nimmt ein kriegstreiberischer Präsident das Wort "Held" in den Mund, ist es vorbei mit den Helden. Oder: "Respekt". Mit Respekt begrüßen sich nicht nur Gangsta-Rapper, sondern auch tatsächliche Gangster. Wie klingt dieses "Respekt" in meinen Ohren,
wenn ich das weiß, und wie, wenn ich es nicht weiß?

Verlangen nach ehrlichen Worten

Das Gute an einem Kunstwerk ist gerade, dass es keine Wahlversprechen gibt oder sonstige tagesaktuelle Garantien verspricht. Das Einzige, was Lesen verspricht, ist: deine Kenntnis über Sätze zu erweitern. Schau dir nur die Sätze an. Die Sätze in den Büchern – und dann: in was für Büchern – und die Sätze außerhalb von Büchern. Das ist schwer, und weil es schwer ist, bringt es so viel. Nämlich ein noch größeres Verlangen nach einem ehrlichen Wort.

Die wünschenswertere Erzählung finden. Auf Seite 23 oder auf anderen. Die, die Nährboden sein kann. Die unsere Möglichkeiten erweitert, anstatt sie einzuengen. Lassen Sie uns uns in den nächsten Tagen hier – auf der Buch Wien, die dieses Versprechen im Namen trägt – darauf konzentrieren.

Vielen Dank und gutes Lesen! (Terézia Mora, 10.11.2016)

Terézia Mora, geboren 1971 in Sopron/Ungarn und zweisprachig aufgewachsen, lebt seit 1990 in Berlin. Sie ist Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Übersetzerin aus dem Ungarischen. Vielfach wurde sie bereits ausgezeichnet, u.a. mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis (2010) und dem Deutschen Buchpreis für "Das Ungeheuer" (2013). "Die Liebe unter Aliens" (Luchterhand, 2016) heißt ihr jüngster Erzählband. Vorliegende Rede hielt sie am 9.11.2016 anlässlich der Eröffnung der Buch Wien.

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  • Setzt sich in ihrer Eröffnungsrede mit der Digitalisierung unserer Welt und den aktuellen Umbrüchen in Europa auseinander: Terézia Mora.
    foto: epa/arne dedert

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