"Kein guter Tag für die Weltwirtschaft" nach der US-Wahl

9. November 2016, 16:17
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Die Notenbanken sind notfalls zu Interventionen bereit, die EZB ist in Alarmbereitschaft

Wien/Washington – Für Ewald Nowotny ist der Tag, an dem Donald Trump US-Präsident geworden ist, "kein guter Tag für die Weltwirtschaft". An den Finanzmärkten habe es bereits eine Reihe negativer Reaktionen gegeben, etwa eine Flucht in "sichere Häfen" wie den Schweizer Franken, den Euro oder den Yen. Insgesamt bringe das "massive Unsicherheit", sagte der Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank am Mittwoch. Die Notenbanken seien jedenfalls auf Verwerfungen vorbereitet, notfalls auch auf Interventionen. Details zu den möglichen Maßnahmen nannte Nowotny er nicht.

Ob eine Zinserhöhung in den USA, die für Dezember erwartet wurde, nun unwahrscheinlicher wird, sei noch nicht vorherzusehen. "Das wird davon abhängen, wie die amerikanische Wirtschaft insgesamt reagiert", so Nowotny, der auch Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank ist. Wenn Schocks eintreten, werde das sicher Auswirkungen auf die Zinspolitik haben.

Parallelen zu Brexit

Nowotny stellt sich jedenfalls auf eine "Phase der mittelfristigen Unsicherheit" ein – ähnlich wie nach dem britischen Votum für einen EU-Austritt. Dass Trump so heiß isst, wie er im Wahlkampf gekocht hat, glaubt Nowotny aber nicht. Einen Austritt der USA aus der Welthandelsorganisation "kann ich mir nicht vorstellen", sagt Nowotny. Er hoffe, "dass die Praxis des Regierens anders sein wird als die wenig verantwortungsvollen Aussagen während des Wahlkampfs".

Aiginger: Trump-Wähler werden größte Verlierer sein

Trumps Wahl sei für Europa "eine Warnung und Chance zugleich", sagte Karl Aiginger, Leiter der "Querdenkerplattform" und ehemaliger Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts. Sie zeige, dass man Verteilungsprobleme infolge der Globalisierung nicht auf Dauer verschleppen könne. Die Chance liege darin, dass "ein Ruck durch Europa gehen kann", den man zu Investitionen in Zukunftstechnologien nutzen könne.

Die wirtschaftlich größten Verlierer einer isolationistischen Politik Trumps werden laut Aiginger arme Menschen in Billigjobs sein – also genau die Trump-Wähler. Einerseits seien ihre Jobs gefährdet, andererseits würden gerade sie von den Billigprodukten aus China profitieren – sollten diese also zurückgedrängt werden, würden sie an Kaufkraft verlieren.

Wenn Trump die USA tatsächlich stärker vom Ausland abschotte, müsse das zwingend zu höheren Ausgaben für innere Sicherheit und Militär führen. "Die USA brauchen gigantische Investitionen in Sicherheit", sagt Aiginger, alleine die illegalen Mexikaner zu finden und aus dem Land zu bringen werde nicht einfach. Das werde kurzfristig die Konjunktur ankurbeln und negative Effekte aus der Wirtschaft übertünchen – aber nur eine gewisse Zeit lang. Mit der Zeit würden höhere Budgetdefizite Sparmaßnahmen erzwingen, vermutlich bei Bildung, Universitäten und Kinderbetreuung, was wieder die US-Wirtschaft treffen werde. "Populisten sind wirtschaftlich kurzfristig nicht sichtbar, aber sie lösen Prozesse aus", sagt Aiginger. Auch die Brexit-Entscheidung der Briten zeige jetzt, "dass Prozesse länger dauern".

Europäisches Modell fördern

Die Reaktion der EU müsse nun sein, selbstbewusst und mit mehr Gemeinsamkeit das europäische Modell zu entwickeln. Man müsse Ungleichheit noch stärker bekämpfen und Europa führend bei Ökologisierung und Ausstieg aus Kohle und Öl machen. Europa solle etwa Weltführer bei Mittelklasse-Elektroautos werden, habe Trump doch angekündigt, aus der Dekarbonisierung auszusteigen und womöglich das Klimaabkommen zu kündigen. Allerdings müsse man abwarten, wen Trump in die Regierung beruft: "Trump könnte sich ja auch vernünftige Leute suchen" – er könne es sich schließlich nicht mit allen gemäßigten Republikanern verscherzen.

WTO zur Zusammenarbeit bereit

Der Präsident der Welthandelsorganisation (WTO), Roberto Azevedo, hat sich unterdessen zur Zusammenarbeit mit dem künftigen US-Präsidenten Donald Trump bereit erklärt. "Die WTO steht bereit zur gemeinsamen Arbeit mit der neuen US-Regierung", erklärte Azevedo am Mittwoch in Genf über den Kurznachrichtendienst Twitter.

Der Rechtspopulist Trump hatte die WTO im Wahlkampf heftig attackiert und die Welthandelsorganisation als "eine Katastrophe" bezeichnet. Für den Fall seines Wahlsieges erwäge er den Austritt der USA aus der Welthandelsorganisation, sagte der republikanische Politiker im Juli. Trump ist Gegner des weltweiten Freihandels und will die US-Märkte wieder stärker abschotten. (APA, 9.11.2016)

  • Der künftige 45. Präsident der USA, Donald Trump. Der ehemalige Wifo-Chef Karl Aiginger erwartet, dass arme Menschen die größten Verlierer seiner Wirtschaftspolitik sein werden – also genau seine Wähler.
    foto: apa/mandel ngan

    Der künftige 45. Präsident der USA, Donald Trump. Der ehemalige Wifo-Chef Karl Aiginger erwartet, dass arme Menschen die größten Verlierer seiner Wirtschaftspolitik sein werden – also genau seine Wähler.

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