Schulskikurs: STANDARD-Redakteure erinnern sich

4. Jänner 2017, 11:00
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Nicht für die Schule lernen wir Skifahren, sondern fürs Leben. Fünf Redakteurinnen und Redakteure über den guten alten Schulskikurs

Erinnerung in Schneeweiß

Lang, lang ist's her, aber zwischen den weit klaffenden Erinnerungslücken tauchen immer noch viele Bilder auf, schneeweiß die meisten, versteht sich. Beim Erlernen der elementaren österreichischen Kulturtechnik des Skifahrens hatte man als Vorarlberger Schüler den Vorteil der Nähe zu renommierten Wintersportorten: Damüls im Bregenzer Wald zum Beispiel oder dem durch die Dauerbesuche der niederländischen Königsfamilie quasi geadelten Lech. Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, aber genauso wenig ist sicher auszuschließen, dass ich irgendwann mit Königin Beatrix mit dem Schlepplift nach oben gefahren bin.

Die Skitechnik steckte damals noch in den Kinderschuhen. Mit psychedelisch bunten Skiwachsklötzen, je nach Schneeart feuerrot, dottergelb oder himmelblau, wachsten die Junggymnasiasten ihre Ski, ehe es auf die Piste ging. Dem Leistungsprinzip folgend, war man am ersten Tag zu einer Probedarbietung seines skifahrerischen Könnens aufgefordert und in eine von fünf Leistungsgruppen eingeteilt worden: In Gruppe eins tummelten sich des scheinbar mühelosen Wedelns mächtige Pistengötter, in Gruppe fünf Dilettanten, welche die Pisten ängstlich mehr herabrutschten denn -fuhren. Unelegante Erscheinungen, man muss es leider sagen. Ich war in Gruppe vier und ließ es am Ehrgeiz mangeln, in eine bessere Gruppe aufzurücken. Auch ein Spitzenplatz beim Abfahrtsrennen, das die Skiwoche traditionell beschloss, war mir nie beschieden.

Beim abendlichen Hüttenzauber fehlte in einer reinen Knabenklasse zwar jedes prickelnde erotische Moment, aber immerhin gelang es manchen, sich mit eingeschmuggelten Schnapsfläschchen gelinde zu alkoholisieren und durch nächtlichen Radau in den Schlafkammern den Zorn der Lehrer heraufzubeschwören. Schön war's.

Christoph Winder, aufgewachsen in Bregenz, schreibt Krisenkolumnen und Einserkasteln und ist Redakteur beim ALBUM.

foto: getty images/istockphoto/alex potemkin

Bilder aus dem Keller

Vor ein paar Monaten erst tauchten sie wieder auf: Fotoalben von den beiden Schulskikursen. Aus einer Zeit, in der selbst die schlechten Fotos tatsächlich noch entwickelt, in Fotoalben geklebt und mit handschriftlichen Bildunterschriften versehen wurden.

Es war beim zehnjährigen Maturatreffen und in feuchtfröhlicher Stimmung, als sie plötzlich die Runde machten und für Erheiterung sorgten: Fotos von pickligen Menschen in gigantischen Rollkragenpullovern; von schwitzenden Jugendlichen mit Brille und Zahnspange in der Herberge; von grinsenden Mädchen, die sich abends in ihre besten Outfits warfen (knackenge, hellblaue Glitzershirts), sich unerlaubterweise in das Zimmer der coolsten Burschen schummelten und dort dicht an dicht auf einem Stockbett saßen, während die Burschen unten nicht einmal Interesse heuchelten und lieber Karten spielten.

Warum ich über solche Fotos nicht einmal heute schmunzeln kann? Wegen all dem, von dem es keine Fotos gibt: wacklige Sesselliftfahrten und von der Kälte schmerzende Wangen. Klobige Skischuhe, mit denen ich im braunen Schneematsch auf dem Parkplatz immer stolperte. Ski, die sich weder beim Tragen zum Lift noch beim Fahren bändigen ließen. Schleppliftfahrten, bei denen der Bügel immer weiter über den Hintern wanderte und irgendwann fast im Genick saß – Todesangst! Von der noch viel schlimmeren Angst ganz zu schweigen, die dann kam, wenn das Aussteigen aus dem Lift ohne gröbere Stürze gelungen war. Denn dann ging es wieder nach unten, über Eisplatten, Mugeln und gegen beißenden Wind.

Dabei galt es, nie den Anschluss an die Gruppe zu verlieren. Diese bestand zwar aus lauter Anfängern. Sie fuhren aber schon nach dem ersten Tag besser als ich. Die schönste Erinnerung? Die Heimfahrt. Die Ski stehen seit damals unberührt im Keller.

Franziska Zoidl, aufgewachsen bei Linz, ist Immobilienredakteurin.

foto: getty images/istockphoto/ultramarinfoto

Als Depp abgestempelt

Anfang der 1990er ist Henkell halbtrocken auf dem Schulskikurs gewesen wie Opiumrauchen einst für die Kantonesen: voll normal. Wer im obersteirischen Outback aufwächst, muss schließlich früh eine leitkulturelle Fertigkeit erlernen: die Aufzucht und Hege von Räuschen. Der didaktische Input dazu kam von Flaschen, Output der Lehrveranstaltung war Leergut.

Im Alter von 15 wurden wir dafür in ein Bootcamp namens Bundessportzentrum Obertraun in Oberösterreich verschleppt, das jenseits eines schwer passierbaren Bergpasses lag. Dem Verdursten nahe betraten wir ein kahles Zimmer mit acht Pritschen. Um unsere Ausrüstung hatten wir uns vorab selber zu kümmern gehabt, und sie war armselig: eine Flasche Henkell halbtrocken für acht Auszubildende.

Vom Knallen des Korkens bis zum Leeren der Bouteille vergingen zwei Minuten, und es verstrichen weitere drei, bis ein Lehrkörper ohne anzuklopfen eintrat. Noch mit dem Leergut in der Hand und ohne Anhörung wurde uns umgehend die Maus aufgemacht: "Seids ihr komplett deppert?" Klar, wir waren erst 15, und also standen wir mit je einem Bein und 0,05 Promille im Kriminal. Doch die vollständige Anklage durch den Lehrkörper lautete: "Nur eine Flasche, und ihr habts mir nicht einmal was überlassen?"

Unserem Antrag auf Bewährung wurde stattgegeben unter einer Bedingung: In Skischuhen sollten wir auf einen kleineren Gipfel wappeln und von dort zum Beweis unserer Anwesenheit einen Stempel mitbringen. Beim Kreuz dachten wir uns: Hat der Lehrkörper wirklich gesagt, wir sollen den ganzen Stempel mitnehmen?

Also packten wir ihn ein und genossen fortan jeden Abend zu acht eine Flasche Sprudel. Jeden Morgen darauf wurden wir erneut dafür gescholten und mit derselben Strafe bedacht. Doch da waren wir bereits als Deppen abgestempelt – ganz ohne Skischuhe und Gipfelsieg.

Sascha Aumüller, aufgewachsen im steirischen Ennstal, ist RONDO-Redakteur für Reisen.

foto: getty images/istockphoto/wojciech_gajda

Kurs mit Kiss

Angeblich kann man sich mit zunehmendem Alter immer besser an die am längsten zurückliegenden Episoden im Leben erinnern. Kein Wunder, dass das langsam alles wieder auftaucht. Die Jugendherberge am Rande der Piste, der geflieste und halogenbeleuchtete Essraum, die zusammengepferchten Stockbetten und die nervenaufreibende Zimmereinteilung. Letztere bot schon einen Vorgeschmack auf das, worum es eine Woche lang gehen sollte: nein, nicht ums Skifahren, sondern um das Wer-mit-wem. Skifahren war bloß der Weg dorthin. Das begann beim Vorfahren. Es gab sechs Leistungsgruppen. Ich landete in Gruppe zwei, war aber überzeugt: Das ist die coolste Gruppe. Solid, aber keine Streber.

Als sich L. aus der Parallelklasse, der abseits der Piste immer eine Jeansjacke mit Kiss-(!)-Emblem am Rücken trug, freiwillig von der ersten in die zweite Gruppe zurückstellen ließ, war die Sache klar. Noch klarer war die Sache, als wir im Keller "die Disco" entdeckten: einen Raum ohne Fenster, aber mit Jukebox. Das Video zu Joan Jetts "I Love Rock ’n’ Roll" habe ich erst später gesehen, aber wir hielten uns notorisch an ihr "put another dime in the jukebox, Baby!" und tanzten, bis die Disco sperrte – um 21 Uhr.

Als wir glaubten, dass die Lehrer glaubten, dass wir alle schliefen, passierte das, was auf jedem Skikurs passiert: Die Jungs kamen zu uns Mädchen. Es war alles sehr schön – und sehr harmlos. Bis es klopfte. Heute bin ich mir sicher, dass unser Klassenvorstand wusste, dass sich da Jungs in der Badewanne versteckten.

Am Ende der Woche waren wir alle knackebraun und trugen weißen Labello. Und ich wollte natürlich eine Jeansjacke mit Kiss-Emblem am Rücken haben und war, als wir zu Hause aus dem Bus stiegen, so glücklich, dass ich meiner Mama über all die anderen Elternköpfe hinweg zurief: "Ich bin verliebt!" Sicher ein bisschen in L. mit der Kiss-Jacke. Aber vor allem in das Leben.

Mia Eidlhuber, aufgewachsen in Linz, leitet die ALBUM-Redaktion.

foto: getty images/istockphoto/ultramarinfoto

Trutzköpferl, Zielstange

Wann's laft, dann laft's! Mitunter gilt das auch dann, wenn akkurat nichts läuft. Denn im Fall Ihres Autors war die grundsätzliche Verweigerung des Schulskikurses so g'führig, dass er als Mann der Berge (durch Geburt und inzwischen auch aus Neigung) lange Zeit skifahrerisch als Analphabet einzustufen war, es aus seiner Sicht also prinzipiell total super lief.

Das Trutzköpferl wollte einfach seinen Willen haben. Dem Trutzköpferl war berglerische Begeisterung für Alpines nicht näherzubringen. Und das Trutzköpferl hatte vor allem nicht verwunden, dass es bei einer seiner ersten Abfahrten, statt schneidig ins Ziel zu gleiten, frontal einen der Zielpfosten touchierte und dabei von einem der fescheren Mädchen aus der Klasse mit großen Augen beobachtet wurde.

Ski happens, and then you die. Das hätte der Bub sagen können, hätte er über das Englische verfügt und über jene Niederlagenkompetenz, die er im Lauf der folgenden Jahren an einigen weiteren – symbolischen – Zielstangen geschärft hatte. Aber das konnte er naturgemäß nicht. Und so stellte jeder Ski bis auf Weiteres einen fahrenden Materialfehler für ihn dar.

Die Reue kam auf dem Idiotenhügel. Aber nur kurz. Denn der ehemalige Bub hatte – aus, na ja, wieder Trotz – beschlossen, sich das Skifahren doch noch beizubringen, das Drama des unbegabten Kindes vergessen zu machen und sich fortan in Klammer'scher Unbekümmertheit von jedem vereisten Schrofen hinunterzuhauen, den er finden konnte. Heute fährt er Ski.

Wenn er dann seine gelben Fischer Race SC von den müden Beinen schüttelt, zum Après-Ski-Iglu wackelt und all die rotbäckigen Skihasen sieht, die biegsam wie Slalomstangen auf den Tischen tanzen, muss er die Geschichte mit dem Zielpfosten zum Besten geben. Meistens spendieren die Haserln dem Buben dann ein warmes Lächeln und einen heißen Kakao. Wann's laft, dann laft's!

Christoph Prantner, aufgewachsen in Südtirol, ist leitender Redakteur für Meinung.

(RONDO, 4.1.2017)

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