Projekt Sesam rettete Raiffeisen-IT-Tochter

8. November 2016, 17:36
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Syscom stand 2007 vor Schließung – Verkauf per "Fire Sale" binnen weniger Wochen

Wien – Der Verkauf der Raiffeisen-eigenen IT-Gesellschaft Syscom sorgt immer noch für juristische Auseinandersetzungen. Käuferin Spot AG erwarb die Gesellschaft 2007, fühlt sich über den Tisch gezogen und fordert ihr Investment zurück. Ende Jänner wird am Handelsgericht Wien weiterverhandelt, beigezogen wurde Gerichtsgutachter Werner Festa. Zudem hat die heutige Spot GmbH, wie berichtet, Anzeige erstattet, es gilt die Unschuldsvermutung.

Aus Unterlagen aus dem Zivilverfahren erschließt sich, welch Sorgenkind die Syscom im Frühling 2007 war. Damals entpuppte sich ein Verkabelungsauftrag beim Bau der FH St. Pölten als enormer Flop, der Verlust überstieg das Auftragsvolumen. Syscom-Mutter Raiffeisen Informatik Beteiligungen (RIB) bzw. Großmutter Raiffeisen Informatik zogen also die Notbremse.

Im streng vertraulichen "Projekt Sesam" wurde im Juni alles für den Notfall vorbereitet, also die Schließung der Syscom. Man vereinbarte die Erstellung einer Halbjahresbilanz, "auch unter dem Aspekt, intern vorläufig das Worst-Case-Szenario noch nicht kommunizieren zu müssen", also das Zusperren. Eine Lagerinventur wurde ebenso eingeleitet wie die "Berechnung der Kosten beim Abbau aller Mitarbeiter".

Ganz aufgeben wollte man die Syscom aber noch nicht. Im Subprojekt "Babylon" prüften die Verantwortlichen auch den Verkauf der Gesellschaft, der laut Unterlagen mittels "Fire Sale" erfolgen sollte. Der Druck war groß: Das Ziel lautete, dass "innerhalb von maximal zwei Tagen" feststehen müsse, "ob es Interessenten gibt, die, wenn sie eine Due Diligence durchführen könnten, bis z. B. zum 3. Juli ein bindendes Angebot abgeben würden". "Hintergrund" für den verzweifelten Verkaufsversuch: "Ein Schließungsszenario ist ein langwieriger, schwieriger und kostspieliger Prozess." Immerhin stand auch das Schicksal der RIB auf dem Spiel.

Wie man potenzielle Kaufinteressenten zu derartiger Geschwindigkeit bringen wollte: mit einen "Zuschuss von den Eigentümern", die das Unternehmen "de facto entschulden" würde und mit einem "Kaufpreis von einem Euro". Das Damoklesschwert hing tief: Wäre bis 3. Juli kein Angebot auf dem Tisch gelegen, wäre die Schließung gestartet worden.

Die Spot GmbH, die die Syscom schon länger kannte und heute behauptet, falsch informiert worden zu sein, stieg in den Verkaufsprozess ein. 2009 war die Syscom insolvent. Raiffeisen kommentiert das laufende Gerichtsverfahren nicht. (gra, 9.11.2016)

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