Gewalt, Fantasien, Bürgerkrieg

Kommentar der anderen8. November 2016, 17:35
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Ein paar Anmerkungen zu unlängst aktuellem politischen Geschwafel

Heinz-Christian Strache ließ sich in seiner Rede zum Nationalfeiertag über einen nicht unwahrscheinlichen Bürgerkrieg in unserem Land aus. Bürgerkrieg also. Und wer schießt da auf wen?

Bürgerkrieg heißt, dass die Bürger eines Landes, die Staatsbürger, aufeinander losgehen und in Blutrausch verfallen. Dass Tote an Laternen baumeln, Männern und Frauen Nase, Ohren und Geschlechtsteile abgeschnitten, Kinder aus dem Fenster und ins Feuer geworfen werden. Nachbarn gegen Nachbarn, Junge gegen Alte, Männer gegen Frauen, Soldaten gegen Waffenlose. Razzien, Verhaftungen, Exekutionen, Anschläge. Bürgerkrieg heißt Hetze, Gesetzlosigkeit, Massaker, Lynchjustiz. Bürgerkrieg heißt unfassbare Grausamkeit.

Nicht im fernen Afrika oder Lateinamerika oder China oder im amerikanischen Bürgerkrieg vor mehr als hundertfünfzig Jahren, einem der blutigsten Gemetzel der Geschichte überhaupt. Sondern hier, in meiner, in unserer Lebenszeit, bei uns in Europa, in Irland, in Griechenland, in Jugoslawien, in Ungarn. In Spanien, als der Sieger des Bürgerkriegs, General Franco, noch fünfunddreißig Jahre später seine Gegner durch die Garrotte erwürgen ließ.

Ein Bürgerkrieg trifft eine Gesellschaft immer an ihrem innersten Nerv. Wenn der politische Konsens zerbricht und ein gesellschaftlicher Konflikt mit Gewalt ausgetragen wird, reißt das Wunden, die nicht heilen wollen, manchmal viele Generationen lang. Die Menschen teilen sich in zwei Lager, die einander auf lange Zeit mit Hass und Misstrauen gegenüberstehen. Denn im Bürgerkrieg ist der Gegner nicht der Vertreter einer fremden Macht, er ist weder ein Migrant noch ein anonymer Flüchtling. Er hat ein bekanntes Gesicht. Er spricht dieselbe Sprache, lebt in derselben Region, vielleicht kennt man ihn persönlich. Der Bürgerkrieg verwickelt alle, auch Unbeteiligte, über Verwandte und Freunde, und jeder wird zu einem Bekenntnis nach der einen oder anderen Seite hin genötigt. Brandherde der Erbitterung schwelen bei den Verlierern weiter. Und die Sieger setzen alles daran, ihren Sieg zu rechtfertigen und abzusichern. So war es nach der Pariser Commune 1871, nach dem Spanischen Bürgerkrieg 1936/39, nach dem ungarischen Volksaufstand 1956, und so war es auch bei uns in Österreich, nach dem Februar 1934.

Die Februarkämpfe dauerten nur drei Tage, aber sie führten noch fünfzig Jahre später zu harten Auseinandersetzungen, Wutausbrüchen und Strömen von Tränen. Das ist der Bürgerkrieg, mit dem Strache droht. Die Gewaltfantasien auf seiner Facebook-Seite reichen ihm nicht. Er geht offenbar aufs Ganze. (Helene Maimann, 8.11.2016)

Helene Maimann ist Historikerin und leitete mehrere große Ausstellungen zur österreichischen Zeitgeschichte, darunter auch "Die Kälte des Februar" über das Jahr 1934 und seine Folgen.

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