Populismus: Brot und Wortspiele

Kommentar der anderen8. November 2016, 17:26
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Es kömmt darauf an, die Welt nicht nur philosophisch zu beschreiben, sondern diese auch zu verändern, schrieb ein gewisser Karl Marx. Wer den Umgang mit dem populistischen Hass beobachtet, muss den Eindruck gewinnen, dass wenig verändert wird

Halten wir angesichts der populistischen Bedrohung zwei aktuelle Bücher nebeneinander: Carolin Emckes Gegen den Hass und Didier Eribons Rückkehr nach Reims.

Emcke legt mit ihrem Buch eine streckenweise brillante Analyse populistischen Reinheitswahns vor. Dabei wird auch deutlich, dass die Fundamentalisten des IS am Ende dasselbe wollen wie die Rechtspopulisten in Frankreich, Deutschland oder Österreich: die Welt spalten und ihr das Uneindeutige, Spielerische und Ambivalente austreiben. Islamisten und Nationalisten verfolgen also als "kuriose Spiegel-Figur" (Emcke) strukturidentische Ziele – und spielen sich auf verquere Art gegenseitig in die Hände.

"Dem Hass begegnen", schreibt Emcke, "lässt sich nur durch das, was dem Hassenden abgeht: genaues Beobachten, nicht nachlassendes Differenzieren und Selbstzweifel." Um Hass und Gewalt zu analysieren, müsse man ausländerfeindliche Diskurse betrachten, "in denen die Muster und Vorlagen gestanzt werden, die sie vorbereiten und rechtfertigen". Das ist sehr wichtig: Hass ist nicht einfach "da", er wird ermutigt, gefertigt, produziert.

Trotzdem darf man den Beitrag des Textes gegen den Hass und für den Frieden nicht zu hoch veranschlagen: So wie der liberale Leser aus dem Kopfnicken gar nicht mehr herauskommt, so wird die AfD-Wählerin mit ziemlicher Sicherheit nicht zu diesem Buch greifen. Es handelt sich um Literatur einer Community, in der Dekonstruktion und Sprachpolitik zum Kerngeschäft gehören.

Aus dieser Community kommt auch Didier Eribon. Sein Weg dahin war lang, und Rückkehr nach Reims beschreibt genau diesen Weg aus dem bitterarmen Proletarierhaushalt in die Pariser Intellektuellenzirkel. Wer als Sohn einer Arbeiterin oder als Tochter eines Kleinbauern aufgewachsen ist und dann studieren konnte, wird dieses Buch den einen oder anderen Schauer über den Rücken jagen. Eribon erkennt, dass sein intellektueller Weg nur möglich war, weil seine Eltern sich für ihn krummgemacht haben. Und er schämt sich dafür, dass er sich für seine Herkunft schämt.

Eribons Kombination biografischer Erkenntnisse mit einem an Bourdieu geschulten Welt-Zugriff leistet einen anderen Beitrag zum Verständnis der Quellen populistischer Bedrohung. Emcke legt zwar dar, was die Bestandteile des Hasses sind – warum Hass sich aber aktualisiert, bleibt bei ihr weitgehend offen. Anders bei Eribon, bei dem auch deutlich wird, dass man das Erstarken der Rechten nicht ohne die Veränderung der Linken verstehen kann und dass die Angelegenheit etwas mit der "Gewalt der sozialen Welt" und "extremer Härte" von Arbeitsformen zu tun hat.

"Natürlich", so Emcke, "gibt es soziale, politische oder ökonomische Sorgen, über die sich öffentlich debattieren lässt". Der Begriff des "besorgten Bürgers" aber sei ein "diskursiver Schild, der Fragen nach rationalen Gründen für Sorgen abwehren soll". Doch geht es wirklich nur um Abschirmung "von allem, was sich politisch oder moralisch kritisieren ließe" – oder sollte man nicht auch berücksichtigen, dass es politische und sozioökonomische Entwicklungen und also veränderte Lebensbedingungen gibt, die den Populismus befeuern?

Genau dazu wird man bei Eribon fündig: "Was aus der politischen Repräsentation und den kritischen Diskursen verschwand, war nicht nur die Arbeiterbewegung, es waren die Arbeiter selbst, ihre Kultur, ihre spezifischen Lebensbedingungen, ihre Hoffnungen und Wünsche." Er ist sich sicher, "dass man die Zustimmung zum Front National zumindest teilweise als eine Art politischer Notwehr der unteren Schichten interpretieren muss".

Was folgt aus diesen beiden Büchern? Dies: Zu glauben, dass alle, die rechtspopulistisch wählen, extremistische Dummköpfe sind, die einem egal sein können, greift zu kurz. Es wird viel darüber gesprochen, wie die Welt verändert werden muss – aber sehr wenig darüber, welche Rolle die Lebensrealität von Arbeitslosen, Fabrikarbeiterinnen, Lkw-Fahrern, Billa-Verkäuferinnen oder Amazon-Beschäftigten dabei spielt.

Man sollte den Gedanken wirken lassen, dass Hass etwas damit zu tun hat, dass viele Menschen Angst vor Arbeitslosigkeit, Armut, Perspektivlosigkeit und Würdeverlust haben. In einem Land, in dem bei einer wichtigen Wahl die Hälfte der Stimmen an Rechtspopulisten geht, dürften moralische Ermahnungen wirkungslos bleiben. Auch wenn man frustrierte Globalisierungsverlierer, Rechtswählerinnen und Elitenhasser nicht sympathisch findet – sie als Vollkoffer abzukanzeln ist falsch. Wenn das Versprechen, dass man sein Leben mit guter Bildung und harter Arbeit verbessern kann, nicht eingelöst wird, ist das demokratiegefährdend.

Wenn das unbeachtet bleibt, droht die Machtübernahme durch Akteure, die unsere Lage wesentlich verschlechtern würden. Nicht nur um nachfolgende Generationen wäre es sehr schlecht bestellt, wenn Kräfte regierten, denen die Lebenschancen "einfacher Leute" letztlich so egal sind wie Demokratie und Vielfalt, denen es um Spaltung und Reinheit geht – und die bereits im Zeitalter der postfaktischen Politik angekommen sind.

Um Hass und Populismus etwas entgegenzusetzen, braucht es kritische Auseinandersetzung mit symbolischen Ausschließungsmechanismen – und Analysen der Materialität wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Entwicklungen. Und es braucht Konsequenzen daraus. Mit Marx: "Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern." (Fred Luks, 8.11.2016)

Fred Luks leitet das Kompetenzzentrum für Nachhaltigkeit an der Wirtschaftsuniversität Wien.

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