Designer Konstantin Grcic: "Zeitmessung ist noch wichtiger geworden"

Interview21. November 2016, 11:37
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Wir fragten den deutschen Designer, wie man eine Uhr entwirft, ob die Zeit tatsächlich immer schneller vergeht und was er von der Apple-Watch hält

Nicht selten liest man von Konstantin Grcic als "Konstantin dem Großen". Zumindest in der Welt des Designs. Das Kunstmagazin "Art" nannte ihn gar den "größten lebenden Designer". Es sind nicht wenige, die dem zustimmen. Gründe dafür gibt es zuhauf, denn der Münchner Konstantin Grcic (Jahrgang 1965) heimste Preise ohne Ende ein, seine Objekte sind in den permanenten Sammlungen des MoMA ebenso zu finden wie im Centre Pompidou. Auf seiner Kundenliste finden sich Namen wie Flos, Vitra, Authentics, Nespresso, Boss, Plank, Magis und unzählige mehr. Nun steht auf dieser auch die Uhrenmarke Rado, für die er den Klassiker "Ceramica" gerade redesignte. Zeit, um mit dem Designer über Zeit, Uhren und die Zukunft zu sprechen.

STANDARD: Sind Sie ein pünktlicher Mensch?

Konstantin Grcic: Ja, das bin ich, privat wie beruflich. Pünktlichkeit ist für mich eine Haltung, eine Frage des Charakters. Mir ist auch aufgefallen, dass Sie, wie vereinbart, um Punkt elf Uhr angerufen haben.

STANDARD: Wo haben Sie denn die Zeit abgelesen?

Grcic: Auf einer Armbanduhr. Ich trage eine Uhr, seitdem ich ein Kind war. Ich habe mich so sehr an dieses Objekt gewöhnt, dass ich es richtig brauche. Die Uhr ist ein Teil meiner Person. Dabei geht es nicht nur um Organisation und Pünktlichkeit. Es geht um ein Gefühl für Zeit. Es geht um Rhythmus, Eleganz. Ein Gefühl für die Zeit zu haben macht einen in gewisser Weise freier.

STANDARD: Ich nehme an, Sie tragen eine Ceramica, die Sie gerade für Rado redesignt haben.

Grcic: In der Tat. Dabei ist das eher ein Zufall, da ich seit Ewigkeiten eine IWC Mark XV trage. Das ist die einzige Uhr, die ich sonst besitze. Aber ich mag die Rado, und auf diese Weise kann ich sie testen.

STANDARD: Testen? Die Uhr ist fertig und im Handel.

Grcic: Das ist richtig. Es geht eher um ein Testen der Selbstverständlichkeit. Wie selbstverständlich wird sie ein Teil von mir im Alltag? Funktioniert dieses Spiel von bewusstem und unbewusstem Blick auf das Handgelenk?

STANDARD: Redesign hört sich ein wenig einengend an. Bei einer Uhr sind die gestalterischen Freiheiten ohnehin eingeschränkter als in vielen anderen Bereichen.

Grcic: Es kommt häufig vor, dass wir Designer Dinge überarbeiten und nicht neu erschaffen. Redesign ist nichts Unübliches und auch nichts Schlimmes. Redesign geschieht im Falle von Dingen, die gut und erfolgreich sind. Es geht nicht darum, etwas neu zu gestalten, das keinen Erfolg hat. Man kann das durchaus auch als Wertschätzung betrachten. Das macht das Redesign zu einer wertvollen Angelegenheit.

STANDARD: Aber auch zu einer heiklen. Das Objekt sollte ja nicht schlechter werden.

Grcic: Natürlich ist das Original eine Vorgabe. Es geht um eine feine Abstimmung. Wie viel erhält man von ihm, wie viel Respekt hat man davor? Wie groß ist der Freiraum beim Prozess des Neudenkens?

STANDARD: Die Ceramica gilt im Hause Rado als Ikone.

Grcic: Das stimmt. Sie macht klare Vorgaben in Sachen Format und Material. Was wir 25 Jahre nach ihrem Entwurf machen konnten, war, mit einer extrem weiterentwickelten Technologie zu arbeiten. Das Gehäuse wird jetzt in Druckgusstechnik hergestellt. Dadurch hatten wir größere Gestaltungsfreiheiten. Auch das Armband ist jetzt ganz aus Keramik. Das war früher nicht möglich.

STANDARD: Keramik scheint derzeit ziemlich hip zu sein. Was fasziniert Sie am Material?

Grcic: Das Interessante an Keramik ist, dass sie ein natürliches, organisches und sehr archaisches Material ist. Aufgrund ihrer Eigenschaften ist die Bandbreite der technischen Möglichkeiten enorm. Die ersten Tongefäße der Menschen sind ebenso aus Keramik wie der Hitzeschild eines Raumgleiters. Allein das ist schon faszinierend.

STANDARD: Wie lässt sich das Verhältnis von Designern zu Werkstoffen verstehen? Sind diese Zugänge rein rational-pragmatisch, oder gibt es da auch romantische Zugänge?

Grcic: Es gibt beides, und beides sollte sich die Waage halten. Material muss im Sinne des Rationalen passen. Es hat natürlich sehr viel mit dem Produkt, seiner Herstellung und seinem Verwendungszweck zu tun. Daraus ergibt sich eine Entscheidung. Gleichzeitig prüft man das immer auch mit der Frage nach der Sinnlichkeit, nach der Kultur und der Ästhetik. Das sind subjektive, emotionale Entscheidungen.

STANDARD: Das heißt, die Frage nach Ihrem Lieblingsmaterial ist zulässig.

Grcic: Es hängt vom Projekt ab, wobei Holz schon einen besonderen Stellenwert einnimmt. Meine Laufbahn habe ich als Tischler begonnen. Ich komme immer wieder darauf zurück. Holz ist natürlich, es ist ein Material, mit dem die Menschheit schon immer umgehen konnte, seine Haptik ist wunderbar usw. Holz ist auch mit unseren Bedürfnissen, mit den technischen Möglichkeiten, mit der Veränderung der Gesellschaft mitgewachsen. Es ist alt, man kennt es, es kann aber auch beim Neuesten mithalten. Ansonsten finde ich es großartig, dass wir heute als Designer Materialien sogar mitgestalten können. Auch das kann Teil eines Designprozesses sein.

STANDARD: Zurück zur Uhr: Die Branche steht in der Regel nicht für Namen großer Designer. Warum ist das Design von Uhren meist etwas Anonymes?

Grcic: Das stimmt, wer weiß schon, wer diese oder jene Rolex entworfen hat? Die Uhrenindustrie ist eine sehr spezielle Welt. Ich denke, das Design einer Uhr ist in der Regel das Resultat einer sehr spezialisierten, sehr handwerklichen Entwicklung. Die Uhrenindustrie arbeitet sehr für sich.

STANDARD: Im Falle einer Uhr geht es sehr viel um Image. Taucher, Pilot, Rennfahrer und solche Geschichten. Welches Image kaufe ich mir mit Ihrer Rado?

Grcic: Sicher nicht das eines Rennfahrers. Sie ist eine elegante Uhr, eine Uhr des Alltags, was ich für einen schönen Aspekt halte. Es ist eine Uhr, die für eine gewisse Reife steht. Ich denke, sie ist erwachsener als andere. Sie begegnet einem erst im späteren Leben. Damit meine ich nicht unbedingt das Alter, sondern eine Reife, die man erlangt, wenn man sich bereits mit Uhren beschäftigt hat. Es ist keine laute Uhr.

STANDARD: Apropos Reife von Uhrenträgern. Was halten Sie von Uhren, die auf 5.000 Meter wasserdicht sind und in 150 Jahren nicht nachgestellt werden müssen? Oder ein anderer Superlativ: Bei Richard Mille gibt es Uhren um eine Million Euro.

Grcic: Grundsätzlich finde ich es toll, dass es Menschen gibt, die eine Vision haben und solche Uhren bauen wollen. Das tut auch niemandem weh. Gleichzeitig ist es natürlich absurd, und man könnte mit so viel Geld Sinnvolleres anstellen. Aber wer eine Million für eine Uhr ausgibt, hat in der Regel noch andere Millionen, mit denen er das vielleicht tut. Man sollte nicht voreilig urteilen. Das Ganze hat ja auch etwas Verrückt-Romantisches.

STANDARD: Eine Uhr ist heute viel mehr Prestigeobjekt oder Accessoire als reiner Zeitmesser. Man liest die Zeit heute am Handy oder am Computer ab. Wie wichtig ist die Funktion der Zeitmessung eigentlich noch?

Grcic: Ich denke, die Funktion der Zeitmessung ist noch wichtiger geworden, weil unser Leben heute viel enger getaktet ist und wir viele Dinge gleichzeitig machen müssen. Vieles machen wir heutzutage scheinbar schneller, denken Sie nur an die E-Mail-Korrespondenz. Klar muss die Zeitmessung nicht am Handgelenk passieren, aber der kurze, schnelle Blick auf die Armbanduhr ist halt die elegantere Variante, als das Handy aus der Tasche zu kramen.

STANDARD: Stichwort Funktion: Die Apple-Watch wurde nicht gerade der Renner, den man sich bei Apple erwartet hatte.

Grcic: Es war spannend zu beobachten, wer es schaffen würde, eine Smartwatch zu definieren, und das hat man Apple zugetraut. Ich finde, die haben das auch ziemlich gut gemacht.

STANDARD: Woran hapert's dann?

Grcic: Es hat mit dem Verständnis rund um die Langlebigkeit zu tun. Die Apple-Watch versucht ja nicht nur, ein elektronisches Gadget wie ein Smartphone zu sein, sondern auch etwas, das eine schöne und gute Armbanduhr ausmacht. Eine Uhr, die man ein Leben lang trägt und mit der man eine Beziehung eingeht. Das schafft diese Uhr nicht.

STANDARD: Wenn man sich umschaut, gehen die Menschen aber mit ihren Smartphones sehr wohl eine Beziehung ein.

Grcic: Ja, aber die Leute wissen und akzeptieren, dass sich ein Smartphone nach zwei Jahren oder so selber zerlegt. Aufgrund des Marketings ist man heiß auf das nächste Modell. Die Frage lautet also: Wie schafft man es, diese Uhr, die genauso voller Elektronik wie ein Smartphone ist, zu einem langjährigen Begleiter zu machen? Diese Frage ist noch offen. Die Antwort wird den Erfolg ausmachen oder verhindern.

STANDARD: Gehören Sie auch zu den Menschen, die sagen, die Zeit vergehe immer schneller?

Grcic: Ja, leider schon. Ich weiß auch gar nicht, wo das herkommt. Liegt es am Älterwerden oder der Schnelllebigkeit unserer Zeit?

STANDARD: Was könnte man denn dagegen tun?

Grcic: Man muss versuchen, sich die Zeit so einzuteilen, dass man genügend Zeit für die Dinge des Tages hat. Für mich ist zum Beispiel Zeit am Morgen sehr wichtig. Ich stehe mittlerweile früher auf, um den Tag besser zu beginnen. Ich lese die Zeitung, mache mir Gedanken, frühstücke. Ich schaffe mir also Zeit.

STANDARD: Und wie funktioniert das bei der Arbeit?

Grcic: Es gibt Projekte, für die wir sehr viel Zeit brauchen, bei denen wir bewusst langsam arbeiten. Es kann nicht immer darum gehen, möglichst viel in einer kurzen Zeit zu schaffen. In der Zeit ist auch die sogenannte verlorene Zeit enthalten, jene Momente, in denen man nichts tut, die einfach vergehen, die man aber auch für Muße, zum Ausklinken oder Nachdenken benötigt. All das gehört zum Bewusstsein für Zeit.

STANDARD: Sie sagten einmal, im Grunde gehe es im Design immer um die Zukunft. In welche Kristallkugel schauen Sie bei der Arbeit?

Grcic: Meine Kristallkugeln sind die Realität und die Gegenwart. Darin liegt die Zukunft schon verborgen, man muss sie nur herausarbeiten, filtern, beobachten, studieren, präzise sein.

STANDARD: Das klingt so einfach wie kryptisch.

Grcic: Nehmen Sie die Vision von Google. Das war ja keine Vision, von der man vor 30 Jahren wusste, wie sie heute aussehen würde. Als diese Idee entstand, wurde aus der Gegenwart von damals geschöpft. Die Fragen lauten immer wieder: Was sind unsere Bedürfnisse? Die Veränderungen liegen ja schon unter der Oberfläche. Dort muss man sie herausarbeiten. Das ist die Kristallkugel, in die ich blicke.

STANDARD: Apropos Zukunft: Sie haben unheimlich viele Dinge entworfen. Wovon träumen Sie noch?

Grcic: Auf diese Frage habe ich zwei Antworten. Ich würde gern ein Fahrrad entwickeln. Das Fahrrad gibt's schon ewig, aber es ist noch immer eines der tollsten Fortbewegungsmittel. Es ist einfach, elegant, technologisch zukunftsweisend, kurz: ein Traumprojekt.

STANDARD: Und die zweite Antwort?

Grcic: Die lautet, solche Träume gar nicht zu formulieren, weil die wirklich spannenden Dinge oft die sind, an die man gar nicht denkt, die sich vielleicht morgen aus irgendwelchen Zufällen ergeben, wenn man mit Dingen in Berührung kommt, von denen man noch gar nichts weiß.(Michael Hausenblas, RONDO Exklusiv, 21.11.2016)

  • Normalerweise trägt Konstantin Grcic eine IWC, und das seit Jahren. Hier ist er mit einer "Ceramica" zu sehen, die er gerade für Rado redesignt hat.
    foto: rado

    Normalerweise trägt Konstantin Grcic eine IWC, und das seit Jahren. Hier ist er mit einer "Ceramica" zu sehen, die er gerade für Rado redesignt hat.

  • Ein eckiger und runder Ausschnitt aus dem Grcic-Kosmos: die Rado "Ceramica".
    foto: rado

    Ein eckiger und runder Ausschnitt aus dem Grcic-Kosmos: die Rado "Ceramica".

  • Die LED-Leuchte "OK", die Grcic 2013 für Flos entworfen hat.
    foto: flos

    Die LED-Leuchte "OK", die Grcic 2013 für Flos entworfen hat.

  • Der kreisrunde Tisch "Topkapi" für Marsotto, ebenfalls von 2013.
    foto: marsotto

    Der kreisrunde Tisch "Topkapi" für Marsotto, ebenfalls von 2013.

  • Die Handschrift des Designers Konstantin Grcic ist eine  unaufdringliche, aber deutliche.  Zu sehen auch bei "Pipe" für Muji und Thonet (2009).
    foto: muji

    Die Handschrift des Designers Konstantin Grcic ist eine unaufdringliche, aber deutliche. Zu sehen auch bei "Pipe" für Muji und Thonet (2009).

  • Die Barhocker "Miura" für Plank aus dem Jahre 2005.
    foto: plank

    Die Barhocker "Miura" für Plank aus dem Jahre 2005.

  • Der Tisch "Pallas",  den der Münchner 2003 für Classicon entwarf.
    foto: classicon

    Der Tisch "Pallas", den der Münchner 2003 für Classicon entwarf.

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