Psychiater: "Bei Holocaust-Überlebenden gibt es kein Vergessen"

Interview9. November 2016, 07:00
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Klaus Mihacek, ärztlicher Leiter des psychosozialen Zentrums Esra, über den Rechtsruck, der große Ängste hervorruft

STANDARD: Am 9. November 1938 wurde auch die Synagoge in der Tempelgasse zerstört, jener Ort, der heute Sitz von Esra ist. Wie sehr wirkt diese Nacht bei den Menschen, die Sie betreuen, nach?

Mihacek: Es hat verheerende Auswirkungen für jene Menschen, die damals in Wien gelebt haben und das Novemberpogrom unmittelbar mitbekommen haben. Das ruft Spätfolgen und Traumafolgestörungen hervor – speziell, wenn diese Menschen älter werden.

STANDARD: Inwiefern?

Mihacek: Das Langzeitgedächtnis wird im Alter stärker. Gleichzeitig haben Überlebende nach der Befreiung vor den Nationalsozialisten kaum psychosoziale Unterstützung bekommen. Ganz im Gegenteil: Sie waren im Nachkriegsösterreich unwillkommen.

STANDARD: Können die Folgen auch bei jüngeren Menschen auftreten?

Mihacek: Ja. Es gibt auch Betroffene, die unmittelbar nach der Befreiung schon unter Folgestörungen litten, nur gab es kaum Hilfe für sie. Das Verständnis über Traumatologie war zu diesem Zeitpunkt bei null. Erst in der Zeit des Vietnamkriegs wurde festgestellt, dass Kriegs- und Verfolgungserlebnisse sehr wohl Folgestörungen bewirken.

STANDARD: In Österreich hat das Bewusstsein dafür noch gefehlt.

Mihacek: Die Waldheim-Affäre 1986 hat bei Betroffenen Ängste hochkommen lassen. Damals haben sich viele an die Kultusgemeinde gewandt. In weiterer Folge wurde ein Konzept erarbeitet, das 1994 zur Gründung von Esra geführt hat.

STANDARD: Die aufgeheizte Debatte rund um Waldheim hat bei Betroffenen das Trauma zurückgeholt?

Mihacek: Es gibt Triggermomente, wo bei traumatisierten Menschen Erinnerungen hochgespült werden und sie Flashbacks erleben. Bei Holocaust-Überlebenden gibt es kein Vergessen. Viele haben zu verdrängen versucht. Man spricht hier von einer Latenzphase. Gibt es nach einer traumatischen Situation keine Hilfe, dann versucht der Mensch einfach nach vorne zu schauen. Diese Menschen haben versucht, Familien, eine Existenz zu gründen. Erst wenn dann die Pension kommt oder die Kinder als Erwachsene das Haus verlassen, kommt die Erinnerung verstärkt zurück.

STANDARD: Rahmenbedingungen wie die Politik verschlimmern das.

Mihacek: Die politische Situation in Europa und der Rechtsruck rufen große Ängste bei vielen Überlebenden hervor. Speziell das Erstarken von AfD und Pegida erinnert die Betroffenen oft an die 1930er-Jahre. Wir haben seit 1994 mehr als 3.000 Holocaust-Überlebende betreut, heute sind es 450. Bei ihnen sind solche politischen Entwicklungen ständig Thema.

STANDARD: Auch heute befinden wir uns in einem aufgeheizten Wahlkampf. Löst das bei Betroffenen ähnliche Gefühle aus wie der Wahlkampf rund um Waldheim?

Mihacek: Ja. Diese Vorgänge wecken bei vielen Menschen mit Verfolgungsgeschichte Erinnerungen und verursachen damit Verunsicherungen. Bei vielen gibt es das Symptom des gepackten Koffers. Die Überlebenden haben dann das Gefühl: "Es geht wieder los, vielleicht muss ich wieder gehen.

STANDARD: Wann kann ein Trauma wiederkehren?

Mihacek: Pflege oder Verlust des Partners – ein anderer Lebensumstand kann eine Triggerfunktion durchaus übernehmen. Man spürt, wie die Abhängigkeit von jemand anderem entsteht. Dieser völlige Autonomieverlust, dieses Ausgeliefertsein ist auch im Konzentrationslager passiert. Überhaupt: Was die NS-Verfolgung betrifft, gibt es spezielle Merkmale.

STANDARD: Welche sind das?

Mihacek: Es handelt sich um eine Gruppe von Menschen, bei der eine kollektive Auslöschung geplant wurde. Vergessen Sie nicht: Wir sind direkt im Land der Täter tätig. Hier leben die nachfolgenden Generationen jener, die diese Verbrechen begangen oder geduldet haben. Das erschwert die Arbeit. Es herrscht oft ein großes Misstrauen gegenüber Institutionen – auch gegenüber Gesundheitseinrichtungen. Die Rolle der Ärzte im Dritten Reich war ja keine gute. Denken Sie an den Spiegelgrund und das nationalsozialistische Euthanasieprogramm.

STANDARD: Wie äußert sich das Misstrauen?

Mihacek: Überlebende sind zu Behörden gegangen und zum Teil retraumatisiert zurückgekommen. Ihnen wurde in vielen Fällen unterstellt, zu lügen, weil sie ihre Geschichte nicht lückenlos erzählen konnten. Deshalb war es wichtig, dass wir sie begleitet haben. Für Anträge etwa bei der Opferfürsorge mussten sie das erste Mal ihre Verfolgungsgeschichte exakt aufschreiben.

STANDARD: War das ein absichtliches Vorgehen der Behörden?

Mihacek: Zum Teil war es Unwissenheit – aber auch Ignoranz. Es gab ja in der Nachkriegszeit keine Bereitschaft, Wiedergutmachung zu leisten. Zudem gab es noch Gutachter, die dem NS-Regime sehr nahe gestanden sind, wie Heinrich Gross. Er hat entsprechende Diagnosen gestellt.

STANDARD: Sie betreuen auch die Nachkommen der Überlebenden: Wie übertragen sich Traumata?

Mihacek: Eltern, die durch diese Verfolgungsmaschinerie gegangen sind, waren psychisch sehr belastet. Das kann bedeuten, dass sie depressiv waren oder emotional nicht so reagieren konnten, wie sie wollten. Kinder spüren dann eine Art dunklen Schatten über der Familie. Es gibt diesen Pakt des Schweigens: Eltern wollen ihre Kinder mit Berichten vom Erlebten verschonen, Kinder trauen sich nicht nachzufragen. Sie wollen den Eltern besonders gefallen, keine Last sein – und haben für diese die Verantwortung oft viel zu früh übernommen.

STANDARD: Wie äußert sich das bei der zweiten Generation?

Mihacek: Es gibt ja nicht nur das Schweigen. Es gibt auch diese Gruppe, die besonders häufig darüber spricht, wo der Holocaust täglich Thema ist. Das ist uns speziell bei Roma und Sinti aufgefallen, die wir betreuen. Ihre Kinder bekommen die Geschichten 1:1 erzählt. Sie sind dann häufig besonders ängstlich, haben Schwierigkeiten, sich im Alltag zu behaupten. Hier ist das Misstrauen gegenüber Behörden sehr hoch. Dieses Phänomen gibt es natürlich auch bei jüdischen Familien.

STANDARD: Sie betreuen aktuell auch Flüchtlinge. Kann und darf man diese Traumata vergleichen?

Mihacek: Das wäre unpassend ...

STANDARD: Aber das Wissen lässt sich wohl übertragen. Wird deren Situation heute besser verstanden?

Mihacek: Wir sehen, wie wichtig es ist, wenn Flüchtlinge in sicheren Ländern integriert werden. Dadurch kann man viel abfangen. Wien unternimmt viel. Es gibt Schätzungen, dass bis zu 60 Prozent der aktuellen Flüchtlinge auf irgendeine Weise traumatisiert wurden. Natürlich fehlt es weiterhin an Ressourcen, um diese adäquat zu behandeln. (Marie-Theres Egyed, Peter Mayr, 9.11.2016)

Klaus Mihacek (61) ist Psychiater und Neurologe. Er ist seit 2011 ärztlicher Leiter des psychosozialen Zentrums Esra.

  • "Speziell das Erstarken von AfD und Pegida erinnert die Betroffenen oft an die 1930er-Jahre",  sagt Klaus Mihacek, ärztlicher Leiter von Esra. Bei vielen gebe es "das Symptom des gepackten Koffers".
    foto: hendrich

    "Speziell das Erstarken von AfD und Pegida erinnert die Betroffenen oft an die 1930er-Jahre", sagt Klaus Mihacek, ärztlicher Leiter von Esra. Bei vielen gebe es "das Symptom des gepackten Koffers".

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