Prozess: Der Auswanderer, die Alimente und der Würstelstand

13. November 2016, 10:00
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Ein 60-Jähriger ist wegen Delikten angeklagt, die er vor mehr als 20 Jahren begangen haben soll. Da er in den USA lebt, wusste er davon wenig

Wien – Das Verfahren gegen Helmut E. zeigt, dass die Justiz a) ein gutes Gedächtnis und b) einen langen Arm hat. Der 60-Jährige ist nämlich schon 1988 in die USA ausgewandert und sitzt nun dennoch vor Richterin Christina Salzborn. Vorgeworfen wird ihm zweierlei: Er soll Sozialversicherungsabgaben nicht gezahlt haben, als er in Wien einen Würstelstand hatte. Und zwischen Herbst 1990 und Februar 1992 soll er keine Alimente überwiesen haben.

Warum er erst nun vor Gericht ist? Es gab einen amtlichen Auftrag, seinen Aufenthalt zu ermitteln. Und als er in den USA seinen österreichischen Pass verlängern wollte, entdeckte ihn ein Mitarbeiter dort in der entsprechenden Liste. Ein interessantes Detail: Bei der Passkontrolle an der Schengengrenze am Flughafen Wien wurde er nun anstandslos durchgewinkt.

Konzession weitergegeben

Den Vorwurf der Abgabenhinterziehung leugnet der Angeklagte. Er habe, bevor er Österreich verlassen hat, die Konzession an seinen Halbbruder weitergegeben. Über dessen Geschäftsgebaren hat er keine Ahnung, er ist auch nicht mehr auffindbar. Ebenso wenig die Akten der Gebietskrankenkasse. "Die haben schon 2005 gesagt, dass es die Unterlagen nicht mehr gibt", berichtet Salzborn.

Dass er einige Zeit die Alimente für die beiden Kinder nicht gezahlt hat, bestätigen er und sein Anwalt Helmut Hirsch dagegen. "Ich versuchte es. Aber es ist so schwer dort drüben. Das habe ich nicht gewusst", berichtet E., dass es mit den unbegrenzten Möglichkeiten doch nicht so weit her ist.

Heute scheint die Gesprächsbasis mit Exfrau und Kindern wieder gegeben zu sein, sie haben ihn begleitet. Da die geschiedene Gattin die Aussage verweigert, lassen sich die entgangenen Alimente nicht genau beziffern, laut Staatsanwältin müssen es aber umgerechnet – die Sache ereignete sich ja noch zu Schilling-Zeiten – mindestens 2.681 Euro sein.

Spendabler Verteidiger

Salzborn sieht das nicht als große Schuld an und entscheidet sich für eine Diversion mit einjähriger Probezeit. Zusätzlich muss er 150 Euro Pauschalkosten zahlen. Da er nur 70 Euro dabei hat, streckt ihm sein Verteidiger 100 Euro vor, die Sache ist damit erledigt.

In der Frage der Abgabenhinterziehung fällt Salzborn dagegen einen rechtskräftigen Freispruch, da es keine Unterlagen mehr gibt. Die Richterin verspricht ihm auch noch, ihn rasch von der Aufenthaltsermittlungsliste streichen zu lassen. E. bedankt sich und macht sich wieder auf den Weg über den Atlantik. (Michael Möseneder, 13.11.2016)

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