Wiens Orte der Deportation

8. November 2016, 16:08
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Eine Ausstellung in der Krypta am Heldenplatz soll die einstigen Sammelstellen für Juden und Jüdinnen mitten in Wien ins Gedächtnis rufen

Wien – "Meine letzte Bitte vor Polen wäre das du Deinen Chawer Maxi nicht vergißt", steht in blauer Tinte auf der Rückseite einer Fotopostkarte. Auf der Vorderseite ist Maxi Reich zu sehen, er steht vor einem gemalten Hintergrund, auf dem ein Fenster mit Blick auf den Stephansdom abgebildet ist. Der Bub schrieb die Karte an seinen "Chawer", seinen Freund und Kollegen, Martin drei Tage vor der Deportation aus Wien.

Heute hängt die Karte an einer weißen Pappwand. Sie ist Teil der Ausstellung "Letzte Orte vor der Deportation", die in der Krypta im Äußeren Burgtor auf dem Wiener Heldenplatz temporär einen Platz gefunden hat. Am 9. November, dem Tag der Novemberpogrome 1938, öffnet die Ausstellung ihre Türen.

"Castellezgasse, Kleine Sperlgasse, Malzgasse: Die Straßennamen sagen uns wenig", sagt Kuratorin Heidemarie Uhl. Es sind Orte, die in der Fachliteratur aufgearbeitet wurden, im "kollektiven Gedächtnis sind sie jedoch nicht präsent", sagt ihre Kollegin Monika Sommer. Sie sind in der Topografie der Shoah aber zentrale Orte. Die Gassen in der Leopoldstadt waren in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft die Ausgangspunkte für die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Wien.

Sammellager für Abtransport

In vier Sammellagern – Kleine Sperlgasse 2a, Castellezgasse 35, Malzgasse 7 und 16 – warteten Frauen, Männer und Kinder auf ihren Abtransport. In Gruppen von je 1.000 Menschen wurden sie von den Sammellagern ausgehend in offenen Lastwagen zum Aspangbahnhof gebracht. Von dort aus fuhren zwischen Februar 1941 und Oktober 1942 insgesamt 45 Deportationszüge los und brachten die Menschen in Ghettos und Vernichtungslager. "Es sind Orte mitten in der Stadt", sagt Sommer. Die Ausstellung solle zeigen, dass "der Holocaust nicht nur in den Konzentrationslagern stattfand, sondern in der unmittelbaren Nachbarschaft, vor den Augen der Wiener Bevölkerung".

Rudolf Gelbard ist einer jener, die die Deportation und den Aufenthalt in einem Vernichtungslager überlebt haben. Er wurde 1942 von Wien abtransportiert. In seinem Ausweis stand der Vermerk "Wohnsitzverlegung nach Theresienstadt". Drei Tage verbrachte er zuvor noch in dem Lager in der Sperlgasse. "Die Brutalität und die Atmosphäre dort haben uns schon auf das vorbereitet, was nach der Deportation kam", erzählt der heute 85-Jährige. Auf der Fahrt zum Bahnhof sei der Wagen auf dem Schwedenplatz stehen geblieben, "Menschen haben uns umringt und haben hämisch gerufen: 'Jetzt führen s' die Jüdelachs.' So waren aber nicht alle." (Oona Kroisleitner, 8.11.2016)

foto: privatbesitz
foto: central archives for the history of the jewish people
foto: lisa rastl
foto: wiener stadt- und landesarchiv
foto: lisa rastl

Ausstellung:

Letzte Orte vor der Deportation. Kleine Sperlgasse, Castellezgasse, Malzgasse
1010 Wien, Heldenplatz, Äußeres Burgtor
Ab 9. November
Montag bis Freitag, 9 bis 11.30 und 12.30 bis 16 Uhr

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