100 Millionen Jahre altes Fossil löst Rätsel um Stummelfüßer

12. November 2016, 12:00
3 Postings

Die Wesen zwischen Ringelwürmern und Gliedertieren kamen während der Kreidezeit vermutlich nicht über Indien nach Südostasien

Kassel – Stummelfüßer sind in mehrfacher Hinsicht mysteriöse Kreaturen: Die wurmähnlichen Wesen mit den namensgebenden Beinchen zählen zu den Häutungstieren (Ecdysozoa) und sind vermutlich nahe mit den Gliederfüßern (Arthropoda) und Bärtierchen (Tardigrada) verwandt. Wo genau sie im Stammbaum anzusiedeln sind, ist allerdings unklar. Fest steht nur, dass die per Schleimfäden jagenden Räuber weit älter sind all die Wirbeltiere: Die frühesten Fossilien weisen darauf hin, das sie sich bereits bereits während des Kambriums entwickelt haben.

Rätselhaft ist darüber hinaus die globale Ausbreitung moderner Erscheinungsformen der Stummelfüßer während der Kreidezeit. Nun könnte ein seltenes, in Bernstein eingeschlossenes Fossil darauf einen entscheidenden Hinweis liefern.

Zwei mögliche Wege nach Südostasien

Stummelfüßer (Onychophora) sind heute vor allem in Gebieten verbreitet, die einst Teile des Superkontinents Gondwana waren. Allerdings findet man einige Vertreter dieser Tiergruppe auch in Südostasien – einem Gebiet, welches selbst nie mit Gondwana verbunden war. Bislang gab es für dieses Auftreten zwei Hypothesen: Entweder haben die Stummelfüßer Südostasien von Afrika aus über Europa besiedelt, als die entsprechenden Landmassen zusammen den Superkontinent Pangea bildeten (Eurogondwana-Hypothese), oder die Stummelfüßer sind durch die Kontinentaldrift nach Südostasien transportiert worden, so dass sie sich nach der Kollision von Indien mit Asien in Südostasien ausgebreitet haben ("Out-of-India"-Hypothese).

Ein internationales Forschungsteam um den Biologen Georg Mayer von der Universität Kassel konnte nun die "Out-of-India-Hypothese" endgültig ausschließen. Den Beweis lieferte ein rund 100 Millionen Jahre altes Stummelfüßer-Fossil, das in Bernstein eingeschlossen ist. Die Gruppe untersuchten den Fund mit der sogenannten Synchrotron Radiation-based micro-computed Tomography (SRµCT), die auf der Strahlung des 6,3 Kilometer langen Teilchenbeschleunigers am DESY in Hamburg basiert. Diese neue Technik ermöglichte den Forschern eine sehr detaillierte Analyse des Bernsteinfossils, ohne dieses zu beschädigen.

Doch nicht mit Indien mitgereist

Das neue, erstaunlich gut erhaltene Fossilmaterial stammt aus dem südostasiatischen Staat Myanmar. Das Land grenzt heute unter anderem an Thailand, China und Indien. Vor über 100 Millionen Jahren, zu der Zeit, als die Stummelfüßer in der Region des heutigen Myanmar lebten, war Indien jedoch noch nicht Teil des asiatischen Kontinents – das "Transportmittel" des heutigen Subkontinents konnten sie also nicht genutzt haben.

Sowohl das Alter des Fossils als auch dessen beeindruckende morphologische Ähnlichkeiten mit den heute in Indien lebenden Stummelfüßern ließen die Forscher um Mayer darauf schließen, dass die Stummelfüßer bereits vor der Kollision Indiens mit Asien auf dem Landweg über Europa nach Südostasien eingewandert sein müssen. Erst nach der Kollision hatten sie dann die Möglichkeit, sich nach Indien auszubreiten.

"Die sogenannte ‚Out-of-India’-Hypothese können wir jetzt ausschließen", fasst Mayer zusammen. "Anders als Indien war Myanmar nicht vom Rest der südostasiatischen Platte isoliert, wurde also von der Kontinentaldrift nicht betroffen – der Stummelfüßer aus Myanmar ist jedoch mit der indischen Art am nächsten verwandt. Und er existierte deutlich vor der Kollision zwischen Indien und Asien."

Auch über die evolutionäre Entwicklung des Stummelfüßers können die Forscher nun detailliertere Angaben machen. Mayer: "Beispielsweise sind bei dem Fossil, das uns vorliegt, sehr klar Augen zu erkennen. Diese sind den indischen Stummelfüßern im Laufe der Evolution verloren gegangen. Auch interessant für uns: Das Fossil hatte eindeutig Krallen. Bei früheren Fossilfunden konnten diese nicht gefunden werden." Die Bedeutung der im Fachjournal "Current Biology" veröffentlichten Studie liegt auch in der Seltenheit des Fundes: Weltweit gab es bisher nur drei Bernsteinfossilien von Stummelfüßern, die an verschiedenen Orten gefunden wurden. (red, 12.11.2016)

  • Artikelbild
    foto: ivo de sena oliveira
Share if you care.