Selbstfahrer: Der Vierzigtonner rollt bald ohne Kapitän

9. November 2016, 09:00
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In weniger als zehn Jahren soll ein Teil der Nutzfahrzeuge in Europa autonom fahren dürfen. Das wird die Spielregeln der Branche massiv verändern

Wien – Längst hat er ausgedient, der Gänge reinrammende Kapitän der Autobahn, der sein vierzig Tonnen schweres Schlachtschiff von A nach B lenkt. Ein souveräner Herr über mehrere Hundert Pferdestärken, ein freiheitsliebender Outlaw, wie er in Road Movies zu sehen ist – bekanntestes Beispiel: "Convoy" aus dem Jahr 1978, mit Kris Kristofferson alias Rubber Duck in der Hauptrolle.

Seither hat sich der rollende Arbeitsplatz, der ohnehin nie viel mit Romantik zu tun hatte, sehr verändert. Heute stehen die – meist aus Billiglohnländern stammenden – Lkw-Fahrer immer öfter unter GPS-überwachten Termindruck. Mit den Bestrebungen der Hersteller, die Digitalisierung des Trucks weiter voranzutreiben, könnte der Lkw-Fahrer mittelfristig zu einem aussterbenden Berufsbild gehören.

Denn mit elektrischen, vernetzten und autonom fahrenden Lastwagen will die Truck-Branche ihre hart kalkulierende Kundschaft locken und sich unabhängiger von den üblichen Schwankungen im Geschäft machen. "Unsere Branche erlebt eine Revolution", stellte etwa Wolfgang Bernhard, Chef von Daimler Trucks, anlässlich der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover fest, wo das Thema breiten Raum einnahm. "Wir sind von dem enormen Potenzial dieser Technologie absolut überzeugt."

Assistenzsysteme zur Bremsunterstützung, zum Abbiegen oder zu vorausschauender Wartung sollen das Lkw-Fahren sicherer und günstiger machen. Die Vision: Der Laster befördert seine Fracht selbsttätig, der Fahrer kümmert sich um anderes – oder wird gar nicht mehr gebraucht.

Milliardengeschäft

Der Aufwand der Industrie ist jedenfalls immens. Hohe dreistellige Millionenbeträge werden in digitale Technologien investiert, auch wenn die Hersteller in Hannover nur wenige wirklich autonom fahrende Exemplare präsentierten. Von der Serienreife gehen Experten erst 2025 aus. Und selbst zu diesem Zeitpunkt sehen zum Beispiel die Marktforscher von Frost & Sullivan nur geringe Stückzahlen zum Start: Für 2025 sagen sie erst rund 8000 teilautomatisierte Lkw weltweit voraus. Im Vergleich zum aktuellen Weltmarktvolumen von 2,8 Millionen Neufahrzeugen eine verschwindend geringe Zahl.

Dennoch winkt ein Milliardengeschäft. Zumindest wenn man den Zahlen einer einschlägigen Studie mit dem schönen Titel "Delivering Change" von McKinsey folgt: Demnach wird der Weltmarkt für Lastwagen über sechs Tonnen von zuletzt 150 Milliarden Euro um knapp die Hälfte auf bis zu 240 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2025 wachsen. Der Gesamtgewinn soll von neun auf rund 15 Milliarden klettern.

Interessant ist dabei die Tatsache, dass ein Großteil des zusätzlichen Umsatzes nicht nur aus höheren Verkaufszahlen stammen soll, sondern von den neuen Technologien. Denn jedes dritte verkaufte Nutzfahrzeug in Europa werde 2025 in bestimmten Fahrsituationen, zum Beispiel auf der Autobahn, vollautonom fahren. "Damit verändern sich Stück für Stück die Spielregeln der Branche", meint Matthias Kässer, Mitautor der Studie. Auf der einen Seite würden die Hersteller zunehmend Konkurrenz aus der Digitalwirtschaft bekommen, zum anderen könnten Spediteure und Fuhrparkbetreiber Kosten sparen.

Denn heute macht, rechnet McKinsey vor, der Fahrer bei schweren Nutzfahrzeugen rund 30 bis 40 Prozent und bei leichteren Nutzfahrzeugen rund 60 Prozent der Gesamtkosten (Total Cost of Ownership, TCO) beim Betrieb eines Fahrzeuges aus. Durch selbstfahrende Lieferfahrzeuge könnte die TCO um bis zu 50 Prozent sinken, bei gleichzeitig geringeren Standzeiten und einer höheren Auslastung.

Weltweit könnten in der Logistik dadurch langfristig bis zu 100 Milliarden Euro wirtschaftlicher Mehrwert geschaffen werden. "Ob dieser Mehrwert den Herstellern, Logistikdienstleistern oder den Kunden durch niedrigere Lieferkosten zugutekommt, ist noch nicht entschieden", sagt Kässer.

Neue Chancen

Auf der Strecke bleiben könnte der Fahrer. Die Zahl der Trucker wird (weiter) abnehmen: Schon jetzt hat der Beruf ein schlechtes Image. Firmen, nicht nur in Österreich, klagen seit Jahren, dass sie händeringend nach Nachwuchslenkern suchen.

Weitergedacht könnte sich das aber mit neuen Anforderungen an den Beruf ändern. Denn ob zunächst noch in der Fahrerkabine oder später im Logistikcenter: Ist der Lkw ohne sein Zutun autonom unterwegs, kann der Lenker im Cockpit Büroarbeit erledigen. Der Kraftfahrer wird zum Logistiker. Gefragt werden Menschen sein, die eine höhere Bildung, sprich gute IT-Kenntnisse mitbringen. Das könnte also zu einer Aufwertung des Berufes führen, auch wenn dieser Beruf dann ziemlich sicher nicht mehr Kraftfahrer heißt.

All das hängt zum einen vom Gesetzgeber ab, der die rechtlichen Grundlagen schaffen muss, aber auch von der gesellschaftlichen Akzeptanz des autonomen Brummis. Frühestens 2030 könnte es so weit sein, dass Lastwagen auf Langstrecken auch völlig ohne Fahrer auskommen. (Markus Böhm, 9.11.2016)

  • Ende Oktober ließ der amerikanische Fahrdienstleister-Vermittler Uber einen Truck seines Tochterunternehmens Otto in Colorado vollautonom Bier ausliefern. In zwei Stunden legte er 200 Kilometer zurück. An Bord war auch ein Fahrer, der hatte aber nicht viel zu tun.
    foto: apa / afp / aether films / ho

    Ende Oktober ließ der amerikanische Fahrdienstleister-Vermittler Uber einen Truck seines Tochterunternehmens Otto in Colorado vollautonom Bier ausliefern. In zwei Stunden legte er 200 Kilometer zurück. An Bord war auch ein Fahrer, der hatte aber nicht viel zu tun.

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