Religion in französischen Unternehmen: Leitfaden als Lösung

8. November 2016, 14:45
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In Frankreich spielt Religion am Arbeitsplatz eine zunehmende Rolle: Viele Verantwortliche stehen vor heiklen Entscheidungen. Ein Leitfaden soll helfen

Was tun, wenn sich eine Mitarbeiterin einen Raum zum Beten wünscht? Wie verhalten, wenn ein Kollege der Chefin nicht die Hand geben will? Wie vorgehen, wenn in der Kantine religiöse Essenswünsche nicht beachtet werden und das von einer Vielzahl an Angestellten kritisiert wird? Es gibt viele Situationen in denen Religion am Arbeitsplatz Verantwortliche vor schwierige Entscheidungen stellt – vor allem in Frankreich. Das genau auf diese Themen spezialisierte französische Institut OFRE (l'Observatoire du Fait religieux en entreprise) fand in einer Umfrage heraus, dass sich die Hälfte der Personalverantwortlichen regelmäßig Fragen ausgesetzt wird, bei denen sie die Glaubensfreiheit ihrer Mitarbeiter mit den Interessen der Firma vereinbaren müssen. Unter den Angestellten sagen 65 Prozent, dass sie religiöse Manifestationen am Arbeitsplatz bemerkt haben. 2015 waren es noch 50 Prozent.

Pariser Anschläge als Auslöser

Diese Woche präsentierte das französische Arbeitsministerium deshalb einen "Praktischen Leitfaden zum religiösen Umstand in privaten Unternehmen", der Entscheidungen für Verantwortliche erleichtern soll. Zwar wird es weder im Titel noch im Leitfaden explizit so angesprochen, allerdings ist klar, dass es sich vor allem um den Umgang mit einem in manchen Firmen immer stärker auftretenden Islam geht.

Die Entscheidung einen solchen Leitfaden herauszugeben fiel nach den Anschlägen von Paris, die sich Ende dieser Woche jähren, sagte die französische Arbeitsministerin bei der Präsentation. Die Attentäter waren teilweise in französischen Firmen beschäftigt, einer war beispielsweise Busfahrer bei den Pariser Verkehrsbetrieben.

Fragen und Antworten statt Regeln

In den Unternehmen stehen die Personalverantwortlichen freilich vor der Herausforderung die Glaubensfreiheit der Mitarbeiter nicht einzuschränken, gleichzeitig aber auch Diskriminierung vorzubeugen. Denn die Polarisierung in der französischen Gesellschaft nimmt zu: Laut Süddeutscher Zeitung fordern im langsam beginnenden Wahlkampf zur Präsidentschaft 2017 gleich mehrere Anwärter des rechten und konservativen Lagers ein Verbot religiöser Symbole in Firmen – wie es im öffentlichen Dienst bereits besteht. Gemeint ist hier natürlich vor allem das Kopftuch bei Frauen.

Laizismus gehört in Frankreich zu den Grundwerten und zum Selbstverständnis. Es ist also nicht verwunderlich, dass das Arbeitsministerium auf die Stimmung mit dem Leitfaden reagiert. Allerdings sind es keine Regeln die dort zu finden sind, sondern 39 Fragen und Antworten, die in praktischen Fällen herangezogen werden sollen. Ein Beispiel: Der Arbeitgeber darf Bewerberinnen und Bewerber nicht nach ihrer Religion fragen, kann sie aber später dafür sanktionieren, wenn sie unter Berufung auf ihren Glauben Tätigkeiten oder Aufgaben ablehnen.

Bis vor das Höchstgericht

Das Kopftuch ist im Gegensatz zur Vollverschleierung nicht verboten. Aktuell wird am Europäischen Gerichtshof ein Urteil im Falle einer IT-Beraterin erwartet, die sich weigerte, während wichtiger Kundenbesuche das Kopftuch abzunehmen. Die Kunden fühlten sich durch den Schleier aber gestört, weswegen die IT-Beraterin von ihrer Firma entlassen wurde. Der Generalanwalt am EuGH argumentiert, dass der vom ehemaligen Arbeitgeber befürchtete wirtschaftliche Schaden – der Verlust des Kunden – keine Einschränkung der Religionsfreiheit rechtfertigt. Verboten kann das Tragen religiöser Symbole bislang nur, wenn die Sicherheit am Arbeitsplatz oder allgemeine Abläufe behindert werden. Ein neues Gesetz räumt Unternehmen aber ein, dass durch das so genannte "Neutralitätsprinzip" religiöse Bekenntnisse verboten werden können, wenn sie den "Betriebsfrieden" stören. Die betreffende Klausel wird allerdings von vielen kritisiert: Ein französisches Gremium für Menschenrechte sieht einen Verstoß gegen die Verfassung.

Auch in anderen Fällen sind die Antworten selten eindeutig, sondern oft Ermessenssache. An problematischen Kompromissen dürfte der Leitfaden nicht viel ändern: Etwa bei den Pariser Verkehrsbetrieben, wo vereinbart wurde, dass die Mitarbeiter, die Frauen nicht die Hand schütteln wollen, einfach niemanden mehr grüßen sollten. Und wie sieht es mit Gebetsräumen aus? Auch hier gibt es auch im Leitfaden keine eindeutige Antwort: Man kann den Wunsch ablehnen, verboten ist es aber nicht. In ein paar Monaten soll evaluiert werden, ob noch weitere Fragen in den Leitfaden aufgenommen werden. (lhag, 8.11.2016)

  • Das sichtbarste Merkmal, wenn es um Religion am Arbeitsplatz geht: Das Kopftuch. Verboten ist es in französischen Firmen nicht, obwohl einige Anwärter für das Präsidentenamt ein solches Verbot gerne sähen. Religion fällt nicht nur immer mehr Angestellten an ihrem Arbeitsplatz auf, sondern wird für Vorgesetzte und Personalverantwortliche mitunter zur Herausforderung. Das französische Arbeitsministerium veröffentlichte deswegen diese Woche einen Leitfaden.
    foto: dpa/kay nietfeld

    Das sichtbarste Merkmal, wenn es um Religion am Arbeitsplatz geht: Das Kopftuch. Verboten ist es in französischen Firmen nicht, obwohl einige Anwärter für das Präsidentenamt ein solches Verbot gerne sähen. Religion fällt nicht nur immer mehr Angestellten an ihrem Arbeitsplatz auf, sondern wird für Vorgesetzte und Personalverantwortliche mitunter zur Herausforderung. Das französische Arbeitsministerium veröffentlichte deswegen diese Woche einen Leitfaden.

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