Prozess um ausgebeutete Bauarbeiter in Wien

8. November 2016, 12:55
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Angeklagte leugneten Beteiligung am inkriminierten Menschenhandel – "Im Prinzip weiß ich nicht, warum ich hier bin"

Wien/Tulln – In Wien ist am Dienstag der Prozess gegen eine Bande fortgesetzt worden, die Männer aus Rumänien mit falschen Versprechen nach Österreich gelockt und auf Baustellen in Wien und Niederösterreich ausgebeutet haben soll. Die vier Angeklagten – ein fünfter Beschuldigter war nicht erschienen, sein Verfahren wurde deshalb ausgeschieden – leugneten jegliche Beteiligung am inkriminierten Menschenhandel.

"Im Prinzip weiß ich nicht, warum ich hier bin. Ich habe mit diesen Leuten nichts zu tun", erklärte ein 70-jähriger Serbe, der den fünf von der Anklage umfassten Arbeitern um 250 Euro monatlich ein Bett vermietet hatte. "Da war Dusche dabei, Küche, Bücher zum Kochen, eine Maschine zum Waschen, und zwei Mal in der Woche habe ich sauber gemacht", verteidigte er seine Mietpreisgestaltung. Was die Männer gearbeitet hätten, wisse er nicht: "Sie haben sich mir vorgestellt als Maler und Fassader."

Laut Anklage soll der 70-Jährige die Ausweise der Arbeiter an sich genommen und unterdrückt haben, als sie ihre Miete nicht mehr bezahlen konnten, weil die versprochenen Lohnzahlungen ausblieben. Zum Abbau ihrer Schulden soll er sie schließlich gezwungen haben, auf einer Baustelle in Floridsdorf zu arbeiten, wo dann einer der Männer von einem Gerüst stürzte und sich schwer verletzte. Statt ins Spital wurde dieser Mann zurück in die Unterkunft gebracht. Laut Anklage durfte er erst nach Feierabend von seinem Quartier aus die Rettung anrufen und sich in ärztliche Behandlung begeben.

Angeklagter: "Ich weiß nicht, wer hier die Opfer sind"

Bei dem Verfahren handelt es sich vermutlich um den ersten größeren Strafprozess um Menschenhandel in der heimischen Bau-Branche. Die mutmaßlichen Opfer wurden in ihrer Heimat als Bauarbeiter angeworben und von Rumänien nach Österreich gebracht, wobei ihnen ein monatlicher Verdienst von 1.200 Euro zugesichert wurde. Der 61 Jahre alte Rumäne, der das laut Anklage eingefädelt haben soll, stellte die angebliche Täuschung in Abrede.

Seine Landsleute hätten in Rumänien regulär gearbeitet und hätten die Möglichkeit bekommen, gegen einen entsprechenden finanziellen Aufschlag zusätzliche Arbeiten in Österreich zu verrichten, behauptete er in seiner Einvernahme. Dann habe sich allerdings herausgestellt, "dass das großteils keine qualifizierten Arbeiter waren. Die wurden bei uns gar nicht beschäftigt. Ich weiß nicht, wer hier die Opfer sind. Die haben nur schlechte Sachen gemacht. Sie sind eigentlich Täter", gab der Mann zu Protokoll.

Der Staatsanwaltschaft zufolge landeten die rumänischen Arbeiter Ende September 2015 auf Baustellen in Wien und Tulln, wo sie im weiteren Verlauf über Wochen hinweg keinen Lohn bekamen. Die 200 Euro, die ihnen insgesamt für ihre Verpflegung zugesteckt wurden, reichten bei weitem nicht für eine menschenwürdige Versorgung mit Essen und Trinken aus.

Als sich die Unzufriedenheit der ausgebeuteten Männer immer mehr bemerkbar machte, wurden sie laut Anklage an einen anderen Bauleiter vermittelt, der sich ebenfalls nicht an seine Zusagen hielt. Vielmehr wurden die Betroffenen angeblich mit Drohungen ("Vergesst nicht, dass ihr zu Hause Familien habt", "Gemeinsam mit meinen Freunden werde ich dich finden und erledigen") eingeschüchtert und zum Weiterarbeiten bewogen.

Angeklagt sind neben dem "Einfädler" und dem Quartiergeber zwei Bauherren, wobei einer von ihnen gemäß der Anklage als Übersetzer und "Aufpasser" fungierte, der die Männer ständig – auch nach Feierabend – kontrolliert und überwacht haben soll. Auch die beiden Bauherren bekannten sich "nicht schuldig". Am Nachmittag ist die zeugenschaftliche Einvernahme der mutmaßlichen Opfer vorgesehen. Ob das Schöffenverfahren – wie ursprünglich vorgesehen – heute in erster Instanz abgeschlossen werden kann, ist fraglich. (APA, 8.11.2016)

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