Maturaarbeiten manipuliert: Acht Monate bedingt für Lehrer

8. November 2016, 15:52
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Anklage wegen Missbrauchs der Amtsgewalt, 58-Jähriger bekannte sich teilschuldig – Plus 7.200 Euro Geldstrafe – Nicht rechtskräftig

Wiener Neustadt/Wien – Ein – suspendierter – Mathematiklehrer ist der Manipulation von fünf Maturaarbeiten am Militärgymnasium Wiener Neustadt im Mai 2015 schuldig gesprochen worden. Er wurde wegen Missbrauchs der Amtsgewalt zu acht Monaten bedingter Freiheitsstrafe plus 7.200 Euro Geldstrafe (240 Tagessätze zu 30 Euro) verurteilt – nicht rechtskräftig, weil Verteidigung und Staatsanwaltschaft keine Erklärung abgaben.

In sieben weiteren Fällen gab es am Dienstag einen Freispruch am Landesgericht Wiener Neustadt. Die Schöffen gingen davon aus, dass die Unregelmäßigkeiten versehentlich geschahen, führte die Richterin aus – der Angeklagte hatte davon gesprochen, Fehler übersehen zu haben.

Mildernd wirkten sich die Unbescholtenheit und das Teilgeständnis aus sowie die altruistischen Motive des 58-Jährigen, der seinen Schülern helfen wollte, die Hochschulreife zu erlangen. Bei einem Strafrahmen von sechs Monaten bis zu fünf Jahren sei man im untersten Bereich geblieben, aus generalpräventiven Gründen sei aber keine Diversion oder bloße Geldstrafe möglich gewesen, meinte die Richterin.

Alle dieselben Stifte

Die Staatsanwältin hatte dem 58-Jährigen vorgeworfen, in drei Fällen selbst Korrekturen vorgenommen und eine Schülerin am Tag nach der schriftlichen Klausur zum "Ausbessern" angeleitet zu haben. In weiteren acht Arbeiten seien falsche Ergebnisse als richtig bewertet worden. Insgesamt wurden der Kommission damit zwölf nachträglich korrigierte bzw. manipulierte Arbeiten vorgelegt. Eine Schülerin habe für alle dieselben Stifte besorgt – den Vorschlag dazu habe der Pädagoge selbst unterbreitet.

Im Vorfeld der Zentralmatura sind in der Klasse Diskussionen und Befürchtungen bezüglich der Benotung der Mathematik-Arbeiten aufgetaucht. Man fragte den Professor, ob eine Hilfestellung möglich wäre, was dieser zunächst nicht ernst genommen habe. Dann aber habe der Beschuldigte selbst die Verwendung einheitlicher Kulis angeregt, um im Nachhinein eventuell etwas streichen oder richtig ankreuzen zu können.

Als augenscheinlich war, dass die schriftlichen Arbeiten der Klasse "massiv schlecht" ausgefallen waren, sei es zu den Manipulationen gekommen. Bereits zuvor habe es Kritik an den Unterrichtsmethoden des Angeklagten gegeben, meinte die Staatsanwältin. Die Causa flog aufgrund von Gerüchten von Schülern der Parallelklasse auf.

Neun Fünfer

Der Verteidiger wies zurück, dass sein Mandant einen Tatplan gefasst hätte, um sich selbst in ein besseres Licht zu rücken. Das Militärgymnasium werde nämlich aufgelöst (im Sommer 2018, Anm.), als pragmatisierter Lehrer hatte der 58-Jährige aber nichts zu befürchten gehabt, sondern damals sogar schon eine Zusage für ein anderes Gymnasium in der Tasche. Es sei zudem "mathematisch unrichtig", dass durch die Manipulationen weniger als die Hälfte negativ gelegen wären – bei 23 Schülern seien es nämlich neun "Nicht genügend" gewesen.

Tatsächlich habe der Pädagoge damals "im Zuge eines Blackouts, einer psychischen Überforderung der Gesamtsituation" gehandelt. Er gebe die Änderungen teilweise zu, allerdings würden acht bis neun Vorwürfe, die unter Federführung des Landesschulrates erhoben wurden, nicht stimmen. "Fehler bei der Korrektur sind noch kein Amtsmissbrauch", hielt der Anwalt fest. Und er meinte zu einer eventuell milderen Bewertung: "Was wäre denn das für ein Lehrer, der seinen Schülern nicht wohlwollend gegenüber tritt und sagt, im Zweifel für den Schüler." Aus Verteidigersicht seien hier "mathematische Raffinessen" angeklagt, erinnerte Rudolph auch an die Kritik an der Zentralmatura.

Wie die Geschichte mit den Stiften aufkam, wusste der Mathematiklehrer heute vor Gericht nicht mehr genau: "Wie man mit Schülern eben scherzt. Die Ideen schaukeln sich auf...", verwies er darauf, dass ein Gutteil der Beispiele ja nur mehr anzukreuzen seien. Er habe erklärt, "dass man das nicht machen könne". "Ich schoss dann weit über das Ziel hinaus und ließ eine Schülerin die Stifte besorgen."

"Tut einem halt leid"

Zu seiner "Hilfe" für ein Mädchen am Tag nach der schriftlichen Klausur meinte der 58-Jährige: "Sie war immer die fleißigste, so jemanden wegen eines Punktes fallen zu lassen tut einem halt auch leid." Ansonsten sprach er hauptsächlich von "Übersehen" von Fehlern bzw. blieb zum Teil inhaltlich bei seiner damaligen Bewertung von Beispielen. Diese fachlich im Detail zu erläutern, erachtete die Richterin nicht für notwendig, sie hielt aber fest, dass ein Durchstreichen mit einem blauen statt einem roten Kuli eben kein Korrigieren, sondern – für einen Lehrer nicht erlaubtes – Ausbessern sei.

In einem Fall sei es sein Ziel gewesen, dass die Arbeit positiv wird, räumte der Pädagoge sein. In einem anderen Fall – bei der schlechtesten Arbeit – hätte eine Manipulation gar nichts am "Fleck" geändert. Eine falsche Lösung habe er übersehen, ebenso wie u.a. eine Klammer-Setzung, die dort nicht hingehörte.

Gerade bei der Matura sollte man besonders sorgfältig sein und gewissenhaft korrigieren, fragte die Richterin, ob er zu hastig gearbeitet habe. Er sei auch mit anderen Schularbeiten befasst und überlastet gewesen, sprach er auch von besorgten Medikamenten wegen seiner schmerzenden Schultermuskulatur.

Der Beschuldigte meinte auf die Frage, ob seine Schüler ausreichend auf die Zentralmatura vorbereitend gewesen waren, dass er selbst Bedenken gehabt hatte, weil damals im Winter gegen die bevorstehende Auflösung der Schule zahlreiche Aktionstage stattfanden, die bzw. auch deren Vorbereitung Unterrichtszeit stahlen. Die letzte Mathe-Schularbeit vor der Matura musste zwar nicht wiederholt werden, "es war aber knapp", sagte der Pädagoge.

Jene Schülerin, die nach Angaben ihrer Klassenkameraden die Stifte damals verteilt hatte, bestritt dies im Zeugenstand. Eine weitere meinte, sie wäre wohl bei jedem Lehrer in Mathe schlecht gewesen. Ein junger Mann erklärte, die Kulis seien im Internat im Zimmer gelegen. Ihm sei deren Verwendung egal gewesen, weil er in dem Fach keine Probleme hatte. So mancher aus der Klasse meinte, dass die Parallelklasse besser bzw. früher auf die Matura vorbereitet worden war. (red, APA, 8.11.2016)

  • Manipulationen bei der Zentralmatura haben für einen mittlerweile suspendierten Lehrer ein Nachspiel.
    foto: apa/georg hochmuth

    Manipulationen bei der Zentralmatura haben für einen mittlerweile suspendierten Lehrer ein Nachspiel.

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