Körperverletzungsprozess: Schnorrer, Türke und Blumenstrauß

8. November 2016, 16:03
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Ein 53-jähriger Obdachloser soll ein ziemlich rabiater Mensch sein. Bei seiner 18. Gerichtsverhandlung plädiert er aber auf Notwehr

Wien – Gerhard K. ist ein durchaus sympathischer Angeklagter. Optisch erinnert der 53-Jährige an Edmund "Mundl" Sackbauer, nur hat er mehr Lachfalten. Auch vor Richterin Nicole Baczak ist er recht fröhlich, entschuldigt sich aber auch, wenn er etwas missversteht. Auf der anderen Seite hat er ein veritables Gewaltproblem: Zwischen 1977 und 2005 hat er 17 Vorstrafen gesammelt, 15 davon einschlägig.

Nun ist er wieder wegen drei Fällen von Körperverletzung und eines versuchten Hausfriedensbruchs hier. "Sie sind ja obdachlos", stellt Baczak zu Beginn fest. "Das müssen Sie ja mindestens fünf Jahre sein, weil wir Sie nie gefunden haben." – "Es kommt mir nicht so lange vor", lautet die Antwort.

Die Frage nach der Schulbildung beantwortet der im Anzug aus der Untersuchungshaft vorgeführte Mann mit: "Sonderschule. Falls das jetzt noch so heißt." Heißt es tatsächlich noch, obgleich der Schultyp in Wien mittlerweile in "Zentren für Inklusiv- und Sonderpädagogik" integriert ist.

Keine staatliche Unterstützung

Staatliche Unterstützung bekommt K. nicht – er will auch keine. "Das AMS wollte immer gleich, dass ich einen Kurs mache." – "Und warum machen Sie das nicht?" – "Weil ich immer alles gleich hinhaue." – "Ein gutes Stichwort", leitet die Richterin zum ersten Vorfall über.

Im April 2011 soll er bei einer Ausspeisung einen anderen Bedürftigen verletzt haben. "Ah ja. Wir haben Suppe bekommen. Irgendwie ist der Streit passiert." Möglicherweise habe es dem Kontrahenten nicht gepasst, dass der Angeklagte "Alle Pfarrer sind schwul" gesagt hat. "Aber da ist ja nix dabei. Kann ja jeder machen, was er will", stellt er klar.

Der zweite Vorfall datiert aus dem Dezember 2011. Damals hatte der Angeklagte noch eine Wohnung und das Bedürfnis, sich heimwerkerisch zu betätigen. "Ich wollte ein Kastl bauen. Aber meine Bohrmaschine war weg."

Bohrmaschine des Nachbarn

Da er wusste, dass sein Nachbar, den er konsequent als "der Türke" bezeichnet, eine hat, wollte er sie ausborgen. Vielleicht glaubte er auch, dass es sein Werkzeug war, das kommt nicht ganz heraus. K. läutete um 21.15 Uhr an der Nachbarstür, der 64-Jährige öffnete. K. stand mit einer Holzlatte davor – "das war ein Brett für das Kastl". Die Kommunikation muss etwas schwierig gewesen sein, der Nachbar spricht nämlich kaum Deutsch.

"Dann hat seine Frau zu schreien begonnen, und ich habe das Brettl in die Tür gesteckt, damit er sie nicht zumachen kann", behauptet der Angeklagte. Gedroht habe er mit dem Holzstück aber sicher nicht. Der Nachbar scheint das so empfunden zu haben und rief die Polizei. "Haben Sie Ihre Bohrmaschine je wiedergefunden?", interessiert Baczak. "Nein. Aber jetzt brauch ich sie eh nicht mehr, ich habe ja keine Wohnung mehr."

Im Oktober 2013 kommt es zum nächsten Anklagepunkt. In der Innenstadt soll er einen Mann auf der Straße geschlagen haben, was K. aber bestreitet. Der 55-jährige Zeuge erzählt die Geschichte folgendermaßen: "Ich habe mir beim Schottentor (einem Verkehrsknoten, Anm.) einen Blumenstrauß gekauft. Da haben mich die Leute schon angeschnorrt."

Frust wegen "Augustin"-Verkäufers

Als er durch die Innenstadt ging, sei ihm ein Verkäufer der Obdachlosenzeitung "Augustin" entgegengekommen, der ebenfalls Geld wollte. Laut Polizeiprotokoll habe ihm der Zeuge "gesagt, dass er keine Zeitung will". Im Gerichtssaal hört sich das lebensnäher an: "Ich habe ihm gesagt, er soll scheißen gehen."

Im folgenden Disput habe ihn der Täter ins Gesicht geschlagen, er musste im Spital behandelt werden. Und außerdem: "Die Blumen san hin worden." Dass der Angeklagte K. der Täter ist, glaubt der Zeuge ziemlich sicher, schließlich kenne er ihn vom Sehen aus der Innenstadt.

In der Innenstadt, konkreter auf der Kärntner Straße, soll es im heurigen Mai auch zum vierten Vorfall gekommen sein. "Sie sind ja 'Augustin'-Verkäufer?", fragt Baczak nach. Und bekommt eine ehrliche Antwort: "Nein. Ich bin ein Schnorrer."

Tritt gegen Tasche

Auf einer Bank sei jedenfalls ein Student gesessen, der offenbar Streit mit seiner ebenfalls anwesenden Freundin hatte. "Deshalb wird er wild gewesen sein." Denn aus nichtigem Anlass kam es zu einem Wortgefecht. "Ich bin dann weggegangen, er ist mir nach und hat mit dem Fuß gegen meine Tasche getreten, dass alles herausgefallen ist", erinnert sich der Angeklagte. Da habe er dem Gegner einen Tritt gegen das Schienbein verpasst.

Da Verteidiger Mario Mittler darauf besteht, dass fehlende Zeugen persönlich einvernommen werden, vertagt Baczak auf den 24. November. K. wird zurück in die Untersuchungshaft gebracht. (Michael Möseneder, 8.11.2016)

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