Neue Regeln für die Jagd auf Schwedens Elche

8. November 2016, 09:23
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Die Elchjagd ist in Schweden gerade in vollem Gang. Seit vier Jahren gilt jedoch ein neues System, das die biologische Vielfalt berücksichtigt. Das soll weiterhin eine gesunde Elchpopulation gewährleisten

Herbst ist Jagdzeit in Schweden, Elchjagdzeit. Von Anfang September bis Ende Februar ist das Tier zum Abschuss freigegeben. Am Ende der Saison werden mehr als 80.000 Elche, gut ein Viertel der gesamten Population, ihr Leben gelassen haben. Dennoch ist Schweden das Land mit der höchsten Elchdichte weltweit. "Den Elchen hier geht es sehr gut", sagt Göran Ericsson, Schwedens einziger Professor für Wildökologie und Elchexperte.

Er hat mitgeholfen, ein System zu erarbeiten, das die streng regulierte Elchjagd neu organisiert. Die "adaptive und ökosystembasierte Elchverwaltung" gilt seit 2012 und soll Ökologie und Ökonomie unter einen Hut zu bringen. Ziel ist es, "einen hochqualitativen Elchstamm zu schaffen". Gleichzeitig sollen "wichtige öffentliche Interessen wie Raubtieraufkommen, Verkehrssicherheit, Waldschäden und Auswirkungen auf die biologische Vielfalt berücksichtigt" werden.

Der Elch ist natürlicher Bestandteil des nördlichen Ökosystems. Ericsson nennt die Tiere "gigantische Thermosflaschen", die schon bei 14 Grad Celsius unter Wärmestress leiden. Daher gefällt es ihnen vor allem im Norden des Landes, doch Elche gibt es in ganz Schweden mit Ausnahme der Ostseeinsel Gotland. Nachdem König Gustav III. 1789 im Jahr der Französischen Revolution die Elchjagd für das gemeine Volk freigab, dezimierte die hungrige Bevölkerung den Bestand so massiv, dass Mitte des 19. Jahrhunderts ein Jagdstopp eingeführt werden musste. Seitdem hat sich die Population erholt. Rund 350.000 Elche leben in Schweden, dreimal so viele wie noch vor 50 Jahren.

Diese Elchpopulation ist jung, gesund – und gefräßig. Im Durchschnitt frisst ein erwachsener Elch zehn Kilo pro Tag. Besonders schmecken ihm junge Laubbäume und Tannensprossen. Doch der Wald ist Einkommensquelle, die Forst- und Papierindustrie gehört zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen. Waldbesitzer beklagen Wildschäden an bis zu einem Viertel des Baumbestandes und fordern höhere Abschussquoten.

Jäger als Verteidiger

Größte Verteidiger der Elche sind ausgerechnet die Jäger. 300.000 Schweden jagen. Will man viele Elche schießen, so braucht man viele Elche.

Diese unterschiedlichen Interessen will das neue Verwaltungssystem in klassisch schwedischer Konsensustradition ausgleichen. Für jede der insgesamt 149 Elchverwaltungszonen stellen Jäger und Waldbesitzer alle drei Jahre gemeinsam einen Plan auf. Er legt exakt fest, wie viele Elchkälber, -kühe und -bullen wann und wo geschossen werden dürfen. Sind zum Beispiel in einem Gebiet die Wildschäden besonders hoch, kann die Abschussquote entsprechend angepasst werden – und umgekehrt. Die Provinzialregierung muss den Plan dann noch gutheißen. Jede Zone ist zudem ökosystembasiert, gründet sich also auf den Lebensraum eines Elchstammes, und der hält sich nicht unbedingt an etablierte Verwaltungsgrenzen.

Um regional angepasst und flexibel agieren zu können, brauchen die "Elchverwalter" neben Kooperationsbereitschaft vor allem eines: Zahlen. Wie viele Elche leben in einem Gebiet? Schweden hat eine lange Tradition der Wildobservation und gilt international als Vorreiter. Verschiedene Methoden wie Flug-, Jagd- und Losungsobservationen sowie Abschusszahlen liefern relativ zuverlässige Zahlen.

"Das liegt auch an unserem weltweit einzigartigem, hohen Organisationsgrad und an einer Art sozialen Kontrakt, bei dem die meisten freiwillig mitmachen", sagt Göran Ericsson. Nicht alle machen mit. Viele Sami, die Ureinwohner Schwedens, verbitten sich die Einmischung des Staats in die ihrer Meinung nach angestammten Jagdrechte und melden keine Abschüsse.

Faszinosum Elch

In Schweden, so sagt man, gibt es vier große Feiertage: Weihnachten, Ostern, Mittsommer und Elchjagd. Die Akzeptanz für die Jagd ist laut Ericsson seit den 1980er-Jahren sogar gestiegen. Mehr als 80 Prozent der Schweden befürworten sie, solange es keine reine Trophäenjagd ist. Elchfleisch ist besonders mager und lässt sich lange in der Tiefkühltruhe aufbewahren. Der Elch ist aber auch Faszinosum, sagt Ericsson. "Der Elch ist unser unsichtbarer Nachbar. Er sieht uns immer, aber wir sehen ihn fast nie." (Karin Haggmark aus Stockholm, 8.11.2016)

  • Rund 80.000 Elche, ein Viertel der gesamten Population, werden jede Jagdsaison in Schweden geschossen.
    foto: ap/becky bohrer

    Rund 80.000 Elche, ein Viertel der gesamten Population, werden jede Jagdsaison in Schweden geschossen.

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