Letztes Gefecht um die Stimmen der Arbeiter

Reportage8. November 2016, 07:15
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Wie immer in der US-Geschichte entscheidet sich das Rennen um die Präsidentschaft an einem Dienstag. Nicht nur die Kandidaten, auch ihre Helfer hetzen bis zuletzt von Event zu Event

Links ein Leibwächter, rechts ein Leibwächter. Draußen vor der Schule in Harrisburg warten schwarze Staatskarossen und Polizisten auf hochglanzpolierten Motorrädern, um ihn mit Blaulicht und Sirenen zum nächsten Auftritt zu bringen. Aber hier, in der Aula, ist Joe Biden jetzt einmal nicht der Vizepräsident der Vereinigten Staaten, auch wenn sein Amtswappen das Rednerpult schmückt: Er ist Joe, der Arbeiterbursche aus Scranton. Joe, der Nachbar. Joe, der Kumpel. Er krempelt die Ärmel hoch und sagt, dass er alles, was er zum Leben brauchte, hier in Scranton, Pennsylvania gelernt habe.

"Geld bestimmt nicht, wer du in der Welt bist", zitiert er einen irischstämmigen Großvater namens Ambrose Finnegan. Courage und Loyalität, das seien die wahren Werte. Dazu der Glaube, dass man es schaffen kann, auch wenn man das Licht der Welt zwischen rauchenden Schloten erblickte.

Wahlhelfer Joe Biden

"Es ist ein Amerika, das Donald Trump nicht versteht, nicht einmal im Ansatz. In seinen Augen kann nur Großes vollbringen, wer im Herrenhaus geboren wurde. Und eins kann ich euch sagen: In Scranton redet man anders über Frauen, als Trump es tut."

Noch vor gut einem Jahr spielte Biden mit dem Gedanken, selber ins Rennen ums Oval Office zu ziehen. Damals machten Geschichten die Runde, wonach ihm Beau, sein an Krebs verstorbener Sohn, kurz vor dem Tod eine Kandidatur flehentlich ans Herz gelegt haben soll. Das Weiße Haus dürfe nicht zurück an die Clintons fallen; man fahre besser, wenn man sich an die Biden-Werte halte, wurde Beau in einer Zeitung zitiert. Der hemdsärmelige Vizepräsident hat kein Hehl daraus gemacht, dass er Hillary Clinton manches verübelt; die Nähe zur Wall Street, die hochdotierten Reden, die Art, wie sie und ihr Mann Millionen verdienten.

Aber letztlich gehört im Wahlkampf auch Joe Biden zum "Team Hillary". Und deshalb hetzt er in Pennsylvania von Bühne zu Bühne – in einem Staat, der seit 1992 immer nur für demokratische Präsidentschaftsanwärter gestimmt hat, in dem Trump aber am Dienstag auf einen Überraschungscoup hofft. "Lasst euch nicht hinters Licht führen", ruft Biden seinen rund 300 Zuhörern in Harrisburg zu. Seine Stimme klingt jetzt wie die eines schweren Rauchers. "Wenn sich der Bursche (Trump) ein Haus anschaut, dann sieht er nur Ziegel, Mörtel und Holz. In Scranton aber bedeutet ein Haus vor allem: Geborgenheit."

Szenenwechsel: Michelle Jones steht – erst vor ein paar Tagen war das – am Rand einer vielbefahrenen Straße in Berwyn, einem gepflegten Vorort von Philadelphia: In den Händen hält sie ein blaues Plakat, auf dem zwei Namen stehen, Clinton und Kaine. Wer hupt, wird die beiden wohl wählen. Der Huptest gehört 2016 zum Wahlkampf wie die Lieder von Bruce Springsteen zu den Auftritten der Demokraten. In Berwyn sagt der Test Michelle Jones, dass es knapp werden könnte. Einmal lässt sogar einer das Autofenster runter und schüttelt zornig die Faust.

"Ich weiß nicht, woher diese Wut kommt", sagt die Kinderkrankenschwester und fügt sofort hinzu, dass sie trotz allem noch immer gern in Amerika lebe. Sicher, sagt Jones, es gebe Grund zur Unzufriedenheit: eine nur mäßig wachsende Wirtschaft, stagnierende Löhne, teils exorbitant steigende Beiträge zur Krankenversicherung. "Aber wir haben diesen Crash durchgemacht! Es dauert, bis man sich nach so einem Schlag ins Kontor wieder aufrappelt", sagt sie und meint die Finanzkrise des Jahres 2008.

Wahlhelfer Reagan, Wayne

Auf dem Hügel über der Swedesford Road, an der Jones die Reaktionen der Autofahrer testet, haben Trump-Anhänger ein Figurenensemble aus Karton aufgestellt. Links Ronald Reagan, rechts John Wayne, in der Mitte Donald Trump: "Das Triumvirat" steht da. Drinnen, im Main Line Sports Center, spricht Ehefrau Melania Trump von der Jugend, der wieder beigebracht werden müsse, amerikanische Werte zu schätzen. "Unsere Gesellschaft ist zu gemein und zu ruppig geworden", klagt sie. So nützlich soziale Medien seien: Sie könnten dazu führen, dass sich ein Kind oder ein Teenager sehr einsam fühle, alleingelassen mit Attacken und Lügen.

Auch das frühere Model muss Wahlkampf machen, auch wenn man ihr anmerkt, dass es ihr nicht behagt. In Berwyn kündigt sie an, energischer vor den Schattenseiten der Social-Media-Kultur warnen zu wollen, wenn sie denn erst als First Lady im Weißen Haus sitze. Dass ausgerechnet ihr Mann womöglich einen Anteil am gereizten Ton hat, darüber spricht Melania Trump nicht. (Frank Herrmann aus Harrisburg, Pennsylvania, 8.11.2016)

  • Viele Gelegenheiten hat er nicht mehr, um "Macht Amerika wieder großartig!" auszurufen: Donald Trump bei einer Wahlkampfrede in Moon, Pennsylvania.
    foto: reuters/mark makela

    Viele Gelegenheiten hat er nicht mehr, um "Macht Amerika wieder großartig!" auszurufen: Donald Trump bei einer Wahlkampfrede in Moon, Pennsylvania.

  • Joe Biden nimmt Hillary Clinton zwar einiges übel, zieht aber für sie in den Wahlkampf.
    foto: amber arnold/wisconsin state journal via ap

    Joe Biden nimmt Hillary Clinton zwar einiges übel, zieht aber für sie in den Wahlkampf.

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