Trump – Retter des "unverstandenen Amerika"

Kommentar der anderen7. November 2016, 17:00
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Das Rennen um das Weiße Haus ist zuletzt wieder äußerst knapp geworden. In Europa mögen viele nicht nachvollziehen können, warum Donald Trump überhaupt so nahe an die US-Präsidentschaft kommen konnte. Zehn Gründe, die das erklären

Aus europäischer Perspektive mag es viele Menschen verwundern, warum Donald Trump so weit gekommen ist und wie es möglich ist, dass er die Wahl gewinnen könnte. Aus US-amerikanischer Perspektive wird vieles an seinem Erfolg verständlich. Es greift zu kurz, Trumps Popularität rein auf die wirtschaftliche Situation einer verarmten weißen Arbeiterschicht zurückzuführen. Dies kann nicht erklären, warum auch schwarze Amerikaner und Amerikanerinnen Trump-Anhänger sind, weiße Frauen und Latinos.

In den letzten Tagen vor der Wahl wird wieder deutlich, dass Trump intakte Chancen hat, diese Wahl zu gewinnen. Es mag sein, dass seine Chancen sogar größer sind als in den meisten Umfragen angenommen. Noch immer geben bei diesen erstaunlich viele Menschen an, unentschieden zu sein. Das könnte darauf hindeuten, dass viele nicht angeben wollen, dass sie für Trump stimmen werden. Wir kennen ähnliche Muster vor Wahlen in Europa über das Abschneiden rechtspopulistischer Parteien. Eine zentrale Motivation vieler Wählerinnen und Wähler in den USA ist, den jeweils anderen Kandidaten zu verhindern. Dazu kommt aber auch, dass diese Wahl unter anderem von "single issue voters" dominiert werden könnte. Personen, denen ein einzelnes Thema so wichtig ist, dass sie dieses über alles andere stellen. Viele Frauen, die Trump wählen, könnten solche "single issue voters" sein und Trumps Frauenverachtung für ein anderes Thema in Kauf nehmen.

Intakte Chancen

Zehn Gründe, warum Trump die Wahlen gewinnen könnte:

· Erstens Donald Trump ist nicht Hillary Clinton. Dies ist ein gewichtiges Argument. Hillary Clinton ist in weiten Teilen der Bevölkerung so verhasst, dass dies ausreicht, um für Trump zu stimmen oder jedenfalls nicht für Clinton.

· Zweitens Trump steht für Change. Viele Menschen hier wollen, dass sich im Land etwas verändert. Clinton ist schon so lange auf den höheren Ebenen der Politik aktiv, dass sie für das Gegenteil von Wandel steht. Viele Stimmen für Trump können in diesem Sinne auch als Proteststimmen verstanden werden.

· Drittens "Make Amerika great again." Nicht alle Menschen in den USA sind überzeugt davon, dass die USA derzeit "great" sind. Viele trauern einer guten alten Zeit nach. Und: Ja, Trumps Kernwählerschaft besteht sicher aus einer weißen Unterschicht. Weiße Männer und deren Väter, die selbst immer hart gearbeitet haben und ihre Familie erhalten konnten, verlieren ihre Jobs an billigere, illegale Arbeitskräfte, und weil Firmen abwandern. Diesen Menschen macht es nichts aus, dass Trump ein Unternehmer ist, der billige illegale Arbeitskräfte angestellt hat. Es reicht, dass er sagt, er würde die Gesetze so verändern, dass dies nicht mehr möglich ist.

· Viertens Eine Mauer zu Mexiko. Illegale Einwanderung aus Mittel- und Südamerika ist eines der zentralen Themen von Trumps Wahlkampf. Er verspricht, die illegale Einwanderung völlig zu stoppen und alle undokumentierten Migranten auf der Stelle abzuschieben, unabhängig von ihrer sozialen Situation, wie lange sie schon in den USA leben, ob sie hier arbeiten und Familie haben.

· Fünftens Obama-Care: Durch den "affordable care act" ist heute ein Großteil der Amerikaner versichert. Die Versicherungsprämien sind jedoch teilweise sehr hoch. Clinton verspricht, die Probleme von Obama-Care zu beseitigen, Trump verspricht, Obama Care abzuschaffen. Sein Versprechen, dass ein freier Markt mit vielen kleinen Versicherungen den Wettbewerb fördern und zu idealen Versicherungsmöglichkeiten führen würde, ist unrealistisch. Aber vielen Amerikanern gefällt der Gedanke von Obama-Care nicht, dass es verpflichtend ist, sich zu versichern. Sie sehen ihre Wahlfreiheit als zentrales Moment ihrer Persönlichkeit und Amerikas und wollen sich von niemandem etwas vorschreiben lassen.

· Sechstens Trump hat sich eindeutig für "Pro Life", also als Abtreibungsgegner positioniert. Clinton ist eine dezidierte "Pro Choice"-Anhängerin. Trumps Aussagen, dass Clinton dafür sei, Ungeborene noch im letzten Monat abzutreiben, sind reine Lügen, schüren aber Emotionen. Starke Abtreibungsgegner werden Trump wählen und über alles andere hinwegsehen.

Das Recht, Waffen zu tragen

· Siebtens "The second ammendment." Eine große Anzahl an US-Amerikanern tritt für das uneingeschränkte Recht ein, Waffen frei tragen zu dürfen. Trump behauptet, dass Clinton dieses Recht abschaffen wolle. Das ist zwar unwahrscheinlich, dürfte aber für viele eine ausreichend große Motivation sein, Trump zu wählen, um Clinton zu verhindern.

· Achtens "Strangers in their own land." Die bekannte US-amerikanische Soziologin Arlie Rüssel-Hochschild beschreibt in ihrem neuen Buch, wie sehr sich viele US-Amerikaner als Fremde in ihrem eigenen Land fühlen, unverstanden von den Akademikern und der politischen Elite in Washington. Trump vermitteln ihnen das Gefühl, einer der ihren zu sein. Er vermittelt ihnen das Gefühl, etwas wert zu sein und dass sie stolz auf sich sein können und nicht bedauernswert sind, wie Hillary Clinton sie genannt hat.

Donald Trump lehrt die Linken und linken Akademiker hier sicher eine Lektion darin, dass es wohl niemals sinnvoll ist, herablassend mit großen (und kleineren) Bevölkerungsgruppen umzugehen.

· Neuntens Trump ist ein Mann. Eine nicht unbeträchtliche Anzahl an Personen kann sich nicht vorstellen, eine Frau als Präsidentin zu haben. Das äußert sich dann in Kommentaren wie "Und was, wenn sie ihre Tage hat?". Einmal ganz abgesehen davon, dass Clinton fast 70 Jahre alt ist, das Argument der Emotionalität müsste nach diesem Wahlkampf eher gegen Trump sprechen. Es gibt aber viele Menschen hier, die sich eine Frau schlicht und einfach nicht im Präsidentenamt vorstellen können.

Unterhaltungsfaktor

· Zehntens Trump ist unterhaltsam. Auch das dürfte für viele Grund genug sein, ihn zu wählen.

Letztendlich wird die Wahl zu einem großen Anteil auch durch die Nichtwähler entschieden, selbst wenn Donald Trump nur ein bestimmtes Spektrum an Wählern erreicht. Hillary Clinton hat große Schwierigkeiten damit, ausreichend viele Menschen so stark für sich zu begeistern, dass diese wirklich wählen gehen. Viele Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner, viele Latinos und Latinas, aber auch viele amerikanische Linke, die für Bernie Sanders gestimmt hätten, werden entweder nicht oder die grüne Kandidatin Jill Stein wählen. Auch das sind Stimmen, die Clinton im Endeffekt abgehen könnten. (Johanna Muckenhuber, 7.11.2016)

Johanna Muckenhuber ist Professorin für Soziologie an der Universität Graz. Derzeit ist sie als Gastprofessorin an der University of Minnesota in Minneapolis tätig und verfolgt den Wahlkampf in den Vereinigten Staaten seit Sommer vor Ort.

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